Personalie: In Neuruppin das Glück gefunden

Ein guter Rückzugsort: In der Bibliothek im Landgericht finden sich auch mehr als 100 Jahre alte Schriften. Egbert Simons hat dort gerne Zeit verbracht.
Markus KlugeDabei ist das Landgericht vielleicht das größte Projekt, das der gebürtige Kölner mit verwirklicht hat. Zum 1. September 1993 war Simons – seinerzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe – als Repräsentant des Aufbaustabes des Landgerichts nach Neuruppin abgeordnet worden. "Das waren die spannendsten drei Monate in meinem Leben“, sagt er heute. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Fontanestadt nichts, worauf sich aufbauen ließ – kein Gebäude und kein Personal. Aus den Räumen der ehemaligen GPG-Gärtnerei heraus, die an der Stelle des heutigen Medimax stand, wurde das Gericht aufgebaut. „Wie das funktioniert, wusste ich auch nicht“, sagt Simons. Aber der ebenfalls abgeordnete Geschäftsstellenleiter des Amtsgerichts in Lemgo plante alles schulmäßig. „Er hat darauf geachtet, welches Personal am wichtigsten ist. Die Richter kamen dabei als letztes“, erinnert sich Simons und lacht. Drei Monate später zählten sie 40 Mitarbeiter. Im GPG-Keller vereidigte Simons mit Martin Lickfett den ersten Präsidenten des Landgerichts. „Für mich als kleiner Landrichter war das eine großartige Sache.“
Vereidigung im Keller
Simons selbst wurde Vorsitzender einer Zivilkammer und als Präsidialrichter Personalverantwortlicher. „Meiner Familie habe ich in dieser Zeit sehr viel zugemutet.“ Denn Frau und Kinder lebten in Brühl bei Köln. Als seine Abordnungszeit auslief, bat Lickfett ihn zu bleiben. „Ich weiß es noch wie heute, wie ich an einem Freitag kleinlaut nach Hause kam und meine Frau fragte, wie es wäre, wenn ich verlängere. Der erste Satz kam wie aus der Pistole geschossen: Kommt nicht in Frage. Der zweite hat mich dann umgehauen: Entweder du kommst zurück oder wir gehen alle“, so Simons.
Die Familie entschied sich für Neuruppin und kehrte der Heimat den Rücken – und damit auch der Karnevalshochburg. „Wir haben dort in jedem Jahr etwas gemacht. In Köln kann man sich dem Karneval nicht entziehen“, sagt Simons. 1996 trafen er und seine Frau in Neuruppin auf einen Karnevalsumzug, der seinerzeit aus zwei Wagen und vereinzelten Passanten bestand. „Als der Zug mit großem Getöse an uns vorbeirollte und jemand rief: ,Das ist ja hier eine Stimmung wie in Mainz oder Köln’ sind meiner Frau die Tränen in die Augen geschossen“, erzählt er. Karnevalssitzungen verfolgt die Familie heute nur noch im Fernsehen, und sie beherbergt Karnevalsflüchtlinge aus dem Rheinland. „Ich bin dieser Art zu feiern aber nach wie vor verbunden.“
Egbert Simons hielt es aber nicht allein in Neuruppin. 1997 ging er ins Potsdamer Justizministerium, in dem er als Bau-Referatsleiter für Gerichts- und Justizgebäude zuständig war. „Das war eine Zeit, in der hauptsächlich Knastbauten entstanden“, erinnert er sich. Aber es gab solche exotischen Aufgaben, wie den Einbau einer Sauna in der Richterakademie im Schloss Wustrau oder die Suche nach einer passenden Liegenschaft am EU-Standort in Brüssel. Zwischendurch hing Simons den Richterberuf gänzlich an den Nagel und wurde Personalreferent im Justizministerium. „Ich habe mir aber mein Rückfahrtticket gesichert“, sagt er. Als der damalige Neuruppiner Landgerichtspräsident Christian Gaude nach Frankfurt/Oder ging, bewarb sich Simons auf die Stelle und bekam im Mai 2005 den Posten in seiner Wahlheimat.
Für die Region und das Landgericht musste Simons auch kämpfen. Als die Landesregierung plante, die Polizeibereiche und damit die Landgerichtsbezirke zu straffen, setzte er sich mit den Verwaltungschefs erfolgreich zur Wehr. „Wir waren schon der kleinste Landgerichtsbezirk. Das hätte auf längere Sicht den Tod des Landgerichtsstandortes bedeutet“, ist Simons heute überzeugt. Als Verfechter einer vernünftigen Streitkultur hat er sich im Laufe der Jahre in der Stadt als Mediator eingebracht. „Es ging mir immer darum, Justiz als Teil der Stadtgesellschaft zu repräsentieren“, so der 63-Jährige. Dass Neuruppin nach vielen Drogen- und Korruptionsprozessen heute nicht mehr den Stempel „Klein-Palermo“ hat, darüber ist der 63-Jährige froh. „Die Grundstimmung ist heute sehr viel positiver.“
Den Schritt, nach Neuruppin gekommen zu sein, hat Egbert Simons nie bereut: „Wir haben alles richtig gemacht und in der Stadt unser Glück gefunden.“ Vor Langeweile fürchtet sich der 63-Jährige nicht. Als Dozent für den Bund Deutscher Schiedsleute will er künftig tätig sein und die Zusammenarbeit zwischen Gericht und Schulen weiter begleiten. „Ich gehe immer nach Projekten vor: Ich habe alte Boote, die ich restaurieren möchte. Aber das wichtigste Projekt wird mein Enkelkind, das im Februar geboren wird.“
LandgerichtsbezirkNeuruppin
Am 1. Dezember 1993 wurde das Landgericht Neuruppin gegründet. Zu diesem Gerichtsbezirk gehören heute die Amtsgerichte Neuruppin, Oranienburg, Prenzlau, Perleberg, Zehdenick und Schwedt. An allen Standorten zusammen sind mehr als 100 Richter tätig. ⇥kus