Schwibbögen: Volkskunst mit Aha-Effekt

Kooperation: Birgit und Lysann Gutenmorgen (links und rechts) zeigen in ihrem Hotel Schwibbögen von Regine und Lothar Blache. Damit haben die Rentner ein Domizil für ihrer Kreationen gefunden, und das Hotel ist um eine Attraktion reicher.
Jürgen RammeltFür die Hobbyhandwerker aus Wittenberge geht damit eine Odyssee zu Ende, die in Rheinsberg ihren Anfang nahm. Mehrfach konnten Lothar und Regine Blache im Maritim Hafenhotel ihre Arbeiten zeigen. Doch im Februar dieses Jahres hätten sie über Nacht die Ausstellung abbauen müssen, weil diese plötzlich nicht mehr ins Hotelkonzept gepasst habe. Lysann Gutenmorgen, die Chefin des gleichnamigen Hotels, nahm Kontakt zu den Blaches auf. Sie hatte von den Arbeiten erfahren. Und da sie selbst in ihrem Hotel jede Menge Schnitzkunst aus dem Erzgebirge ausgestellt hat und jährlich mit dem Holzfest zahlreiche Gäste anlockt, entstand die Idee, mit den Exponaten der Familie Blache ein zusätzliches Highlight in ihrem Haus zu etablieren.
„Die Verhandlungen gestalteten sich erfreulich und konstruktiv“, berichtet Lysann Gutenmorgen. Nachdem zwischenzeitlich die Lichterbögen in einem Neuruppiner Flugzeughangar ausgestellt waren, wurden die Exponate nach Flecken Zechlin gebracht. Es reiften erste Ideen, wie die Kunstwerke einmal im dortigen Hotel präsentiert werden. „Das ist jetzt geschehen und realisiert“, freuen sich Lothar und Regine Blache. Im Seminarraum des Hotels werden etwa 30 Prozent der insgesamt über 400 Exponate gezeigt. Die Werke aus Sperrholz, zu denen auch eine Puppenstube, Uhren zu DFB-Clubs, Lichterbögen zu Berufen und Gebäuden aus der Region sowie Laternen und Pyramiden gehören, haben auf Tischen und Konsolen einen würdigen Platz gefunden. Zu den besonderen Schaustücken gehört eine 2,65 Meter hohe achtstöckige Wald- und Burgenpyramide. Aber auch die anderthalb Meter große Osterpyramide ist ein Hingucker. Um ihre Dankbarkeit gegenüber dem Hotel zum Ausdruck zu bringen, haben Regine und Lothar Blache sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: In den zurückliegenden Wochen haben sie eine Eventpyramide entworfen und gebaut.
Eine Pyramide für das Hotel
Das fast 1,40 Meter große Kunstwerk, das im Gastraum des Hotels für Aufsehen sorgt, weist auf vier Etagen auf die besonderen Festen hin, die das Haus jährlich veranstaltet. Es sind das Holz-, das Baumblüten- das Räuber- und das Märchenfest, die die beiden Hobbykünstler in Szene gesetzt haben. Dabei spielt der Hahn, das Wappentier der Familie Gutenmorgen, eine besondere Rolle. Neben einer Vielzahl von Hähnen, die das Kunstwerk zieren, haben auch die Flügel, die bei einer mit brennenden Kerzen bestückten Pyramide für den Antrieb sorgen, die Gestalt eines Hahnes.
Für die 70-Jährige Regine Blache und ihren vier Jahre jüngeren Mann ist die Arbeit mit Sperrholz nicht nur eine Freizeitbeschäftigung. „Wir können einfach nicht davon lassen“, erklären die beiden. Weil im einschlägigen Handel solche Artikel vor der Wende sogenannter „Goldstaub“ waren, hatte das Ehepaar damals einige Lichterbögen und Pyramiden hergestellt. „Die in Handarbeit gefertigten Artikel wurden bewundert und lösten meist große Freude aus“, erinnert sich das Ehepaar. Als die ehemalige Krankenschwester und ihr Mann Frührentner wurden, steckten sie mehr Zeit in ihr Hobby. Blaches bauten ihre Garage in Wittenberge zu einer kleinen Werkstatt aus, mit dem Ziel, dort weiter kunstgewerbliche Holzarbeiten herzustellen und diese einmal in einer Dauerausstellung zu präsentieren. Über die bekannten Motive aus dem Erzgebirge hinaus entwickelten sie eigene Ideen. Dazu gehörten unter anderem auch der Bau von kleinen Automobilen und Spielzeug.
Mit dem Hotel Gutenmorgen haben die Blaches jetzt einen Ort gefunden, wo die Kunstwerke angesehen werden können. „Für unser Haus ist das eine tolle Bereicherung“, freut sich Lysann Gutenmorgen. Täglich von 14 bis 17 Uhr kann die Schau besichtigt werden. Eintritt wird nicht verlangt. Aber es gibt eine Spendenbox, deren Inhalt nach dem Willen der Blaches für den Aufbau eines Hospizes in der Region verwendet werden soll.
Fakten und Hintergründe
Schwibbögen sind ein fester Bestandteil der erzgebirgischen Volkskunst.
Der Name leitet sich von der Form eines Schwebe- oder Strebebogens ab.
Im oder auf dem Bogen werden oft szenische Darstellungen gezeigt.
Der Bogen wird oft auf Sockeln aufgestellt. Außenschwibbögen können auch zwischen zwei Mauern "schweben" wie ihre Vorbilder in der Architektur.
Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden Schwibbögen meist aus Metall gefertigt. Heute ist Holz als Werkstoff am verbreitetsten.
Der älteste bekannte Schwibbogen stammt aus dem Jahr 1740. Er ist in Johanngeorgenstadt aus Metall hergestellt worden. ⇥red