Soziales
: Party hinter Gittern

Dabei handele es sich überwiegend um Konzerte mit moderner Musik.
Von
Holger Rudolph
Wulkow
Jetzt in der App anhören

Sorgten für Stimmung: Tobias Stallmann (links) und Ringo Krumnow spielten im Gefängnis. Sie gingen ganz in ihrer Show auf.

Holger Rudolph

Jürgen Zimmermann ist in der JVA als Koordinator für Bildung und Freizeit tätig. Zwei– bis dreimal pro Jahr gebe es solche Veranstaltungen, erzählte er. Dabei handele es sich überwiegend um Konzerte mit moderner Musik. Improvisationstheater sei auch schon mal angeboten worden. Doch der Erfolg sei eher mäßig gewesen. Denn für mehr als die Hälfte der Inhaftierten ist Deutsch nicht die Muttersprache. Zimmermanns Fazit: „Konzerte überwinden Sprachbarrieren. Musik wird überall verstanden.“

Immer zum Ende des Jahres erhält die JVA vom Düsseldorfer Verein „Kultur hinter Gittern“ Vorschläge, welche Bands gegen eine geringe Aufwandsentschädigung in Wulkow spielen würden. „Herren KaLeun“ sei erstmals in Wulkow. Doch das bunt gemixte Repertoire der Band, die sonst viel auf Volksfesten und bei Familienfeiern auftritt, passe auch in die JVA. Zimmermann: „Das ist eine Abwechslung für die Inhaftierten. Sie sollen sich nach und nach wieder an die Lebensbedingungen draußen gewöhnen. Kultur gehört da einfach dazu.“

Niemand wurde gezwungen, zum Konzert zu kommen. Tage zuvor waren die 170 in Wulkow in Haft beziehungsweise Untersuchungshaft einsitzenden Männer befragt worden, ob sie Interesse haben. Wer letztlich teilnehmen durfte, wurde auch danach entschieden, ob es in der letzten Zeit gröbere Disziplinverstöße gab, die ein Ausschlusskriterium darstellten.

Koordinator Zimmermann weiß, dass die Männer am liebsten auch mal zur Musik tanzen würden. Doch das geht nicht. Der Mehrzweckraum, in dem auch ab und zu Gottesdienste und Mitarbeiterversammlungen stattfinden, ist nicht besonders groß. Zudem würden die sieben Wachleute, die vorsichtshalber in der letzten Reihe Platz genommen hatten, womöglich den Überblick verlieren.

Die „Herren KaLeun“, das sind der Brandenburger Tobias Stallmann und der Rathenower Ringo Krumnow. Beide haben sehr gute Gesangsstimmen und begleiteten sich auf der Gitarre. In einem Gefängnis spielten sie zum ersten Mal, sagte Stallmann kurz vor Beginn des Konzertes. Auch mal etwas fast allein für den guten Zweck zu tun, sei selbstverständlich. Gut eine Stunde lang probten sie vor dem Auftritt.

Erwartungsvolle Gesichter im Zuschauerraum. Die Untersuchungshäftlinge saßen getrennt von jenen, die ihren Prozess bereits hinter sich haben. Das sei aus Sicherheitsgründen nötig, erklärte Zimmermann.

Vorne auf der improvisierten Bühne gab es nicht viel außer den Künstlern, die getreu ihrem Bandnamen in Seemannskleidung auftraten. KaLeun steht für Kapitänleutnant. Und die beiden Künstler benötigten neben der maritimen Uniform nur zwei farbig leuchtende Laternen als Requisite. Ach ja, eine Puppe gab es da noch. Aber von der wird erst etwas später die Rede sein.

Bei „Geiles Leben“ von Glasperlenspiel wippten einige Zuhörer im Takt mit Füßen und Unterarmen. Danach Beifall. Reichlich klatschten die Häftlinge, von denen nicht wenige durch das Gehörte zum Lächeln gebracht wurden, für „Wolke 4“, im Original von Philipp Dittberner & Marv gesungen.

Dann griff Ringo Krumnow hinter sich nach links, wo zuvor eine Requisite noch durch eine Decke verhüllt worden war. Da sei sie nun, die ganz spezielle Darstellerin, raunte er und hielt eine Sexpuppe hoch. Die Männer im Publikum lachten über das ganze Gesicht, pfiffen und johlten laut. Es gefiel ihnen, als Käpt‘n Krumnow mit der aufgeblasenen Dame ein Tänzchen zum Titel „Lieblingsmensch“ von Namika wagte. Später gab es noch einige englischsprachige Titel, unter anderem Dolly Partons Evergreen „Jolene“. Die Häftlinge klatschten rhythmisch mit und spendierten sehr viel Beifall. „Herren KaLeu“ hat es sehr gut verstanden, das Publikum mitzureißen. Koordinator Zimmermann zeigte sich zufrieden.