Theater Poetenpack: Zwischen Lachen und Grauen
Das Licht stimmt noch nicht ganz. Regisseur Andreas Hueck macht ein paar Absprachen mit dem Techniker. Derweil stehen die 13 Evi-Schüler auf der Bühne – mal im Dunkeln, dann im gleißenden Lichtkegel. Sie haben in den vergangenen Tagen einiges gelernt. Das Wichtigste: Der Regisseur hat das Sagen. Und daher warten sie, bis Hueck sich ihnen wieder zuwendet.
Was hier auf die Bühne gebracht wird, ist George Taboris „Mein Kampf“. Profis des Potsdamer Theaters Poetenpack reisen damit durch Brandenburg und gehen direkt in die Schulen. Dort wird gemeinsam mit Schülern geprobt. Das Ganze endet in einer großen Vorstellung, einem Zusammenspiel zwischen Laien und professionellen Schauspielern. „Mein Kampf“ ist kein leichter Stoff, aber auch kein schwermütiges Historienstück. Es darf und soll gelacht werden. Und das wird es auch bei dieser Generalprobe.
In dem Stück geht es um den jungen Adolf Hitler, der als ambitionierter Künstler in Wien ankommt. Er landet in einem Männerwohnheim und trifft auf den Juden Schlomo Herzl, einem Buchhändler. Die erste Begegnung der beiden hat schon so viel Groteskes und doch so viel Wahres. „Kommt ruhig her“, fordert Hueck die Schüler auf, in der ersten Reihe Platz zu nehmen. „Bei der Generalprobe geht das noch. Da könnt ihr alles sehen.“ Während Schlomo Herzl mit einem Freund am Tisch sitzt und überlegt, wie sein Lebenswerk heißen könnte – „Schlomo und Julia“ oder doch besser „Schlomo und die Detektive“ – kommt ein neuer Mann in die Unterkunft. Der junge Adolf Hitler, gespielt von Jörg Vogel, stürmt herein, bekundet gleich seine Zustimmung zum möglichen Titel „Mein Kampf“ und wird des Zimmers verwiesen. Ob seine Mutter ihm denn keine Manieren beigebracht hat, lautet die Frage. Hitler gibt nach, monologisiert fanatisch, wirkt dann wieder regelrecht entrückt, immer ein bisschen angespannt und verkrampft – und doch unglaublich komisch. Als Jörg Vogel jedoch auf der Bühne steht, die Hände hinterm Rücken verschränkt, kommen dem Zuschauer Bilder von einem anderen Hitler in den Sinn, der am Obersalzberg über eine Terrasse flaniert.
Die Evi-Schüler lachen immer wieder leise auf, grinsen still vor sich hin und verfolgen gespannt die Farce. Sie sind regelmäßig Teil der Szene, läuten jeden einzelnen Akt ein, singen und tanzen, spielen Penner oder auch Schergen. „Man merkt, dass sie musisch total fit sind“, sagt Andreas Hueck. „Sie sind nicht so frech.“ In Nauen, dem Spielort zuvor, sei das anders gewesen. So ändert sich die Inszenierung von „Mein Kampf“ mit jeder Schule, die das Poetenpack besucht, ein bisschen und passt sich den Jugendlichen an, die mitmachen.
Mitten in der Generalprobe klirrt es plötzlich im Nebenraum der Evi-Aula. „Ich habe gesehen, dass die Schulküche nur durch eine Jalousie von uns getrennt ist“, sagt Hueck. „Wir müssen diese Geräusche im Herzen integrieren.“ Für die Profis auf der Bühne ist das kein Problem. Und auch die jungen Laien haben das Geschirrklappern schnell ausgeblendet.
Adolf Hitler zeigt indes stolz auf der Bühne Bilder mit großen Maiskolben und Sonnenuntergängen, die Spiegeleiern gleichen. Es sind seine Bewerbungen für die Kunstakademie. Der Zuschauer weiß: Er wird bei der Bewerbung scheitern. Schlomo kümmert sich um ihn – und wird schließlich das erste Opfer des Antisemitismus Adolf Hitlers.
Heute um 11 Uhr wird „Mein Kampf“ noch einmal in der Aula des Evangelischen Gymnasiums an der Regattastraße gezeigt. Danach reist das Theater Poetenpack weiter an eine Schule nach Hennigsdorf.
Das Theater
■ Das Theater Poetenpack ist ein freies, professionelles Theater. Es hat viele Eigenproduktionen im Repertoire und verfügt über ein Ensemble freischaffender Künstler.
■ Klassiker-Inszenierungen stehen im Fokus, werden aber durch moderne Kammerspiele und musikalische Programme ergänzt.
■ Markenzeichen des Poetenpacks, das es seit nunmehr 20 Jahren gibt, ist das Sommertheater vor historischer Kulisse. ⇥(jvo)

