Ungelöstes Mysterium
: Zwei Paddler seit 20 Jahren verschollen

Noch immer ist es ein offenes Rätsel, was mit den 1998 in Rheinsberg verschollenen Ulrich B. und Thomas R. passiert ist. Von den Paddlern fehlt auch nach 20 Jahren jede Spur.
Von
Christian Schönberg
Ostprignitz-Ruppin
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  • Verfolgte den Fall bis ins kleinste Detail: Der Rüthnicker Jörg Ellmann.

    Verfolgte den Fall bis ins kleinste Detail: Der Rüthnicker Jörg Ellmann.

    Christian Schönberg
  • Vermisst: Thomas R. und Ulrich B., am 13. Januar 1999 im RA.

    Vermisst: Thomas R. und Ulrich B., am 13. Januar 1999 im RA.

    Christian Schönberg
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Zwei Kartons mit dicken Ordnern stehen im Polizeiarchiv. „Der Fall ist so besonders, weil es gleich zwei Menschen sind, von denen keine Spur geblieben ist“, sagt Polizeisprecherin Dörte Röhrs. Das Faltboot ist gefunden worden. Rucksäcke tauchten auf. Auch Ausweisdokumente der beiden Naturcamper trieben ans Ufer. Doch von ihnen selbst – nichts.

Normalerweise quellen Wasserleichen auf. Faul- beziehungsweise Verwesungsgase entstehen, die die toten Körper irgendwann wie Luftkissen nach oben tragen. Dass bitterkalte, aber nie zufrierende Wasser ganz unten am Seegrund kann die Verwesung allerdings verlangsamen, so das Urteil von Rechtsmedizinern seinerzeit: Aus Weichteilen der Körper wird dann eine wachsartige, sehr feste Substanz. Nichts, was auftreiben lässt.

Und dennoch: „Damals ist der ganze See mit einem Boot und einem herabgelassenen, losen Anker abgefahren worden“, so Röhrs. Jeder Quadratmeter des bis zu 23 Meter tiefen Seebodens sei mit der bleischweren Schleppe aufgewühlt worden. Stieß der Anker gegen etwas, wurde dem buchstäblich auf den Grund gegangen. Alles ohne Ergebnis. Und das war etwas, was die Ermittler selbst nicht fassen konnten.

Haben R. und B. etwa ihren Tod vorgetäuscht, um sich abzusetzen? Diese Frage schwebte schon am Anfang der Vermisstensuche im Raum. Tatsächlich wurde nach dem mysteriösen Verschwinden festgestellt, dass Geld mit der Kreditkarte eines der beiden Männer abgehoben worden war. Doch der Grund war profan: Die Kreditkarte war in den Medien abgedruckt worden. Denn es wurden ja alle Hinweise gebraucht, um die Vermissten aufzuspüren. Der Abdruck in der Presse hat aber auch dafür gereicht, dass jeder andere mit den Angaben, die auf der Kreditkarte standen, ans Geld kam. „Damals war das noch einfacher als heute“, sagt Röhrs. Es stellte sich heraus, dass jemand die Gelegenheit genutzt hatte, um illegal Reibach zu machen. Er flog dann aber auf.

Vielleicht waren es nicht die Faltboot-Fahrer selbst, sondern obere Ermittlungsbehörden, die das Verschwinden veranlasst hatten? Klingt widersprüchlich, ist aber mit einem Wort erklärbar: Zeugenschutzprogramm. Sollte es das gegeben haben, würde auch die örtliche Polizei davon nichts erfahren. Denn sie ist mit ihrem Personal ein „Querschnitt der Gesellschaft“, sagt Röhrs. Sprich: Was der allgemeinen Öffentlichkeit im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms vorenthalten bleibt, wird auch der Neuruppiner Polizei nicht verklickert. Man lässt sie lieber im Trüben fischen, anstatt die Zeugen zu gefährden. Allerdings ist es mit dieser Spekulation wie mit der Absetz-Hypothese: Im Lebenswandel von R. und B. deutete nichts darauf hin, dass sie Ziel eines solchen Schutzprogramms gewesen sein könnten.

Also ein Unfall. Oder Mord? Der Fall um Ulrich B. und Thomas R. hat Jörg Ellmann nie losgelassen. Der Rüthnicker ist Vollblut-Journalist. Inzwischen pensioniert gibt der 66-Jährige sein Wissen an einer Medienhochschule an die jüngere Journalisten-Generation weiter. Er will, dass alle das verinnerlichen, was ihn auszeichnet: alles hinterfragen, was vorgesetzt wird; den Dingen auf den Grund gehen; hartnäckig dranbleiben.

So setzte sich Ellmann mit einem Mitfahrer in ein Faltboot des Typs RZ 85 und paddelte damit den Rheinsberger See entlang – als eine Eisdecke das Gewässer abgeschlossen hatte. Die Frostschicht brach wie Fensterglas. Das Knacken ist über den ganzen See zu hören.

Hintergrund des Selbstversuchs: Das damals entdeckte Faltboot gleichen Typs hatte an den Vorderseiten jeweils einen Riss in der Planenwand. Eine Art scharfkantige Blitzeis-Decke könnte das verursacht haben. Wasser drang dadurch unaufhörlich ins schwer beladene Boot. Irgendwann glitten die Kanuwanderer selbst unweigerlich in den See, das Wasser so kalt, dass nur noch wenige Minuten zum Überleben blieben – zu wenige um ans rettende Ufer zu kommen.

Doch Ellmann und sein Kompagnon fahren und fahren. Als ehemaliger Leistungssportler ist  er häufig auf den Wasserstraßen unterwegs. Er hat Kontakte zu anderen Abenteurern, die es mit ihren Booten bis nach Grönland verschlägt. Auch dort durchpflügen sie Eisdecken – ohne dass etwas geschieht. Das RZ 85 auf dem Rheinsberger See, das sie mit Gewichten präpariert hatten, als sei schwere Zeltausrüstung dabei – es blieb heil.

Die Ermittler haben es damals ähnlich so gesehen. Ellmann hat selbst die Akten durchforstet und diese Expertise gefunden: Eine messerscharfe Kante hat die Risse nicht verursacht.

Ellmann experimentiert weiter – und geht ins Lindower Sportzentrum. Dort lässt er in einem Schwimmbecken 100 Liter Wasser ins Boot. „Es ist danach schwerfällig geworden“, sagt er. „Aber es lief. Die Männer hätten es noch bis zum Ufer geschafft.“

Dann hat Ellmann sogar mit Rüdiger Nehberg gesprochen. Nehberg ist Pionier bei entbehrungsreichen Expeditionen, sogenannten Survival-Trips. Der Abenteurer schreibt darüber begehrte Ratgeber-Bücher – und eines seiner Werke hatten Ulrich B. und Thomas R. im Gepäck. Besonders abgegriffen waren die Seiten, in denen es darum geht, sich für eine längere Bootsreise in der Kälte zu wappnen. Denn B. und R. trainierten für eine längere Kanureise in Patagonien.

Nehberg habe ihm zur Vermissten-Geschichte gesagt, dass da etwas nicht stimmen kann, sagt Ellmann. Zwei so erfahrene Wasserwanderer, die auch das Kältetraining gemacht haben, das er in seinen Büchern schildert – da komme so ein tragisches Unglück bei einer der Bootstour über den, wenn auch winterlichen, Rheinsberger See nicht in Frage. Die beiden kannten keinen Leichtsinn, waren doch gut vorbereitet – und junge, kerngesunde Männer.

Und doch bleiben die Zwei verschwunden. Ellmann war wegen seiner großen Zweifel an den Ermittlungsergebnissen zum Äußersten gegangen. Vor rund fünf Jahren hatte er Anzeige erstellt. Es ging um eine Straftat nach Paragraf 258a: Strafvereitelung im Amt.

Der Rüthnicker wollte, dass die Staatsanwälte der Frage nachgehen, ob die Polizei wirklich alles getan hat, um auszuschließen, dass B. und R. nicht doch Opfer einer Gewalttat geworden waren – und womöglich ein Mörder frei herumläuft: „Es heißt immer: Wir ermitteln in alle Richtungen. Das ist doch in diesem Fall nie passiert“, sagt Ellmann. Doch die Staatsanwaltschaft fand nie hinreichende Anhaltspunkte, dass sich Amtsträger etwas haben zuschulden kommen lassen.

Der Rüthnicker hat nun mit dem Fall abgeschlossen. „Irgendwann muss man sich trennen von der ganzen Sache“, sagt er. Zu viel spuke ihm im Kopf herum, wenn er daran denkt. Und die Geister wollte er dann doch einfach los sein.

Manchmal kommen sie aber wieder. So, als voriges Jahr auf einer Halbinsel des Bikowsees ein Oberschenkelknochen gefunden worden war – unweit des Ortes, an dem die Paddler verschwanden Das Alter des Gebeins wurde offiziell auf „einige Jahrzehnte“ eingegrenzt. Dass das heutzutage nicht genauer gehen soll – das sei doch absurd, sagt Ellmann.

Der Fall

■ Ulrich B, 35-jähriger Doktorand, und Thomas R., 25 Jahre alt und Student, brechen am 29. Dezember 1998 in Berlin auf. Sie wollen über den Jahreswechsel eine Paddeltour von Rheinsberg aus über Fürstenberg/Havel bis nach Feldberg unternehmen.

■ Mit einem geliehenen Boot vom Typ RZ 85 und schwerer Camping-Ausrüstung kommen sie am Nachmittag am Rheinsberger Bahnhof an. Sie setzen am Grienericksee-Ufer des Schlossparks ins Wasser.

■ Zeugen sehen, wie am Nachmittag des 29. Dezember ein graues Faltboot mit zwei Paddlern den eisfreien Kanal zum Rheinsberger See entgegen fährt, der zu der  Zeit eine Eisschicht von zwei bis fünf Millimeter Stärke trägt.

■ Am 10. Januar geht eine Vermisstenanzeige über Ulrich B. ein, einen Tag später eine zu Thomas R.

■ Am 16. Januar findet ein Zeuge das Faltboot mit Equipment und Papieren von Thomas R. Die Bootshaut an beiden Bugseiten wies Risse von 20 bis 30 Zentimetern Länge auf.

■ Vom 17. bis 29. Januar wird der See intensiv abgesucht – mit Echolot, Hubschraubern und Profi-Tauchern. Dann friert der See für Wochen zu. Am 6. März wird die Fahndung mit Hubschraubern und sogenannter Leichenharke wieder aufgenommen – allerdings ohne Ergebnis.

■ Bei der Untersuchung des Bootshaut-Schadens wird festgestellt, dass er nicht von einem scharfkantigen Gegenstand stammen kann. Merkmale des Zerreißens werden durch den Sachverständigen ausgemacht – so, als wenn ein kräftiger Ast an der Bootshaut hängen geblieben war und durch die Fahrbewegung der Riss entstanden isf. ⇥(crs)