Das Drama läuft seit nunmehr fast dreißig Jahren, seit die Rote Armee abzog, die das Gelände bis 1993 genutzt hatte. Auch die Wehrmacht hatte hier seit 1934 unter anderem das Depot für Rommels Afrika-Korps. Seit der Wende gab es immer wieder neue Pläne, neue Akteure, der eine idealistischer oder größenwahnsinniger als der andere. Zuletzt geisterten Pläne einer riesigen Golf- und Ferienanlage herum – doch der türkische Investor, der das Gelände vor zehn Jahren erwarb, hat seitdem nichts unternommen. Auch der Stuttgarter Anwalt, der das Projekt einige Jahre betreut hatte, hat seit Längerem nichts mehr gehört.
Arne Krohn, der als Neuruppiner Baudezernent das schwierige Projekt seit Jahren begleitet und mit dem Architekten Umay Ceviker in Ankara, der seit 2015 als Projektkoordinator fungiert, in E-Mail-Kontakt steht, glaubt nicht mehr daran, dass der jetzige Eigentümer noch aktiv wird. Zwar wurde zuletzt der Bewuchs rund um das Gebäude zurückgeschnitten, doch von weiteren Sicherungsmaßnahmen wie einem Schutzdach ist nichts zu sehen. Auch einen versprochenen Terminplan für Maßnahmen habe er nie erhalten. Auf einen Stufenplan, nach dem zunächst die historische Substanz erhalten wird, bevor nächste baurechtliche Schritte wie ein Bebauungsplan folgen, habe sich der Investor nicht einlassen wollen. Eines jedoch ist sicher: Sollten die historischen Gebäude irgendwann nicht mehr vorhanden sein, fällt damit auch jeder Nutzungsgrund im Außenbereich weg. Das Gelände wäre damit wertlos.
Ein Wahnsinnsprojekt war es von Anfang an, als Johann Christian Gentz und sein Sohn Alexander zunächst ab 1856 eine Baumschule in die 700 Hektar Sandwüste nördlich von Neuruppin, die "Kahlen Berge", setzten. Ein monumentaler Kornspeicher folgte, den der Orientalistik-Architekt Carl von Diebitsch, dem das Museum Neuruppin gerade eine Ausstellung widmen wollte, bevor die Corona-Schließung dazwischen kam, 1861 mit einem mittelalterlich anmutenden Rundturm versah, der der Familie als Wohnturm diente. Ab 1876 entstand südlich davon nach Plänen von Heino Schmieden und Martin Gropius ein extravagantes Herrenhaus im maurischen Stil. Die apart mit Rauten und Ziegelbändern gemusterten Wände, die Erker, Bögen, Türmchen und Veranden sind noch heute, im ruinösen Zustand, ein Blickfang. Fontane, der natürlich auf seinen Wanderungen auch vorbeikam, sprach von dem "Eskurial von Ruppin". Andere stellen den orientalistischen Märchentraum des Neuruppiner Selfmademann Gentz auf eine Ebene mit Schloss Rheinsberg.
Doch im Gegensatz zu Rheinsberg, das sich heute gut restauriert als Touristenmagnet präsentiert, scheinen Stadt, Kreis und Land immer noch nicht realisiert zu haben, was sie hier besitzen: ein Denkmal von nationalem Rang. Denn das historisch hochbedeutende Ensemble ist seit Jahrzehnten ein trauriges Spekulationsobjekt, und je höher die Summen, um die es ging, desto schlechter für Gentzrode, fasst es der Neuruppiner Stadthistoriker Peter Pusch zusammen und rät: "Wenn Sie nach Gentzrode gehen, nehmen Sie einen Grabkranz mit".
Zuletzt hatte Vizelandrat Werner Nüse (SPD) im vergangenen Herbst das Ensemble wegen seiner abgelegenen Lage faktisch aufgegeben. Auch die Untere Denkmalbehörde scheint angesichts des desaströsen Zustandes resigniert zu haben. Eine Ersatzvornahme mit Sicherungsmaßnahmen, wie sie rechtlich eigentlich geboten wäre, lehnen beide ab. Und den Schwarzen Peter der Zuständigkeiten schiebt man sich hin und her.
Manche allerdings hoffen noch immer: Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege, das als Obere Denkmalbehörde die Aufsicht führt, listet Gentzrode im aktuellen Denkmalreport zwar unter "Bedrohungen und Verluste", titelt aber "Rettung in Sicht?" und berichtet von einem Treffen mit den Planern im November 2019, bei dem über "konkrete Maßnahmen zur Sicherung" gesprochen worden sei. Doch der Winter ist vergangen, und von Schutzdächern, Absperrungen oder Sicherungen ist keine Spur. Ungehindert ist der Zugang für jeden Passanten – und ungehindert dringen Wind und Wetter ins Gebäude ein, wo die meisten Dachkonstruktionen, Treppen und Böden schon eingebrochen sind.
Hier etwas zu retten, erscheint fast hoffnungslos. Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde sprach zuletzt vom "Point of No Return". Die Regionale Planungsbehörde, die im November 2018 in ihrem Regionalplan Prignitz-Oberhavel unter Kapitel 2, Historisch bedeutsame Kulturlandschaften, auch Gentzrode aufführt, hat dies mit der Auflage verbunden, "das kulturelle Erbe zu erhalten und für die Bevölkerung erlebbar zu machen". Die Zustimmung zu diesem Plan, so einer der Beteiligten, bedeute für den Landrat auch eine Verpflichtung zum Handeln.
Dass es in Gentzrode heute so aussieht, wie es aussieht, hat mit Gier und Desinteresse zu tun, sagt Renate Breetzmann. Die inzwischen pensionierte Denkmalpflegerin erinnert sich noch gut, dass sie Anfang der Neunzigerjahre zum ersten Mal auf dem Gelände war: Damals sei noch alles unversehrt gewesen, die Rote Armee, die das Gelände als Truppenübungsplatz nutzte, habe das Herrenhaus nicht beschädigt. Auch Arne Krohn sagt heute, er wäre froh, wenn es dort noch so aussähe wie 1993. Inzwischen haben auch Breetzmann und viele andere das Objekt, das sich die Zuständigen in Kreis und Land "wie eine heiße Kartoffel" hin- und herschöben, aufgegeben. Beim letzten Besuch vor einigen Jahren habe es sie regelrecht gegruselt ob des Zustandes.
Und in der Tat:  Heute ist Gentzrode nur noch etwas für hartgesottene Ruinenromantiker – oder für Vandalen, die alle Zäune längst niedergetreten und in Haus und Speicher mit Graffiti, Feuer und Müll unübersehbar ihre Spuren hinterlassen haben. Kein Wunder, dass aus Sorge vor weiteren Schäden keiner gerne Berichte über das ungesicherte Gelände liest – Katastrophentouristen gibt es auch so schon genug.
Doch immer wieder regt sich auch in der Öffentlichkeit Protest, schreiben Fürsprecher Leserbriefe und erinnern an die so gern verdrängte Schande des Verfalls. Architekten und Historiker fragen nach Möglichkeiten, sich für den Erhalt zu engagieren. Eine Hoffnung der Stadt liegt nun darin, dass der türkische Investor das Gelände, das er so schmählich hat verkommen lassen, möglichst zügig verkauft – und zwar an einen solventen Käufer, der bereit ist, endlich eine kulturhistorische Rettungstat zu vollbringen. Die Dankbarkeit aller kunsthistorisch Interessierten wäre ihm sicher.