Wiedereröffnung
: Neuanfang im Neuruppiner Unicum

Mehr als ein Jahr lang war die Neuruppiner Kneipe geschlossen. Nun stehen Anja Diestelberger und ihr Team hinterm Tresen. Sie erfüllt sich damit einen Traum.
Von
Judith Melzer-Voigt
Neuruppin
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Sie hat es gewagt: Betreiberin Anja Diestelberger kann sich auf ihr Team – Kristin, Mandy und Liesi (von links) – verlassen. Robin Schmidt vom Lotsendienst für Existenzgründer hat sie auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt.

Judith Melzer-Voigt

Mitte 2019 entdeckte Anja Diestelberger plötzlich ein Schild im Schaufenster, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog: Damit wurde ein neuer Betreiber fürs Unicum gesucht. Ihre Chance war gekommen. „Ich wollte mich zu diesem Zeitpunkt gern beruflich umorientieren“, sagt die Neuruppinerin. 26 Jahre lang war sie vorher Bürokauffrau gewesen.

Langer Weg

Der Wunsch war also da, die Zeit war perfekt. Dennoch gingen einige Monate ins Land, bis die Wiedereröffnung gefeiert werden konnte. „Es hat einfach lange gedauert, bis ich alles mit den Banken geklärt hatte“, sagt Anja Diestelberger. Drei Absagen für Kredite hat sie bekommen, bis es geklappt hat. Am 10. Dezember 2019 erhielt sie die Zusage vom Kreditinstitut. Am 14. Dezember wurde Eröffnung gefeiert. „Bis 21 Uhr war tote Hose. Danach war es fast wie früher. Die Gäste strömten in Scharen herein“, erinnert sich die Betreiberin. Bis in die frühen Morgenstunden herrschte Hochbetrieb. Hilfe bekam Diestelberger von zwei Kellnerinnen: Kristin und Liesi sind von Beginn an dabei. Mittlerweile ist Mandy zum Team dazugestoßen.

Wer jetzt große Experimente oder eine komplett neue Karte in der Kneipe erwartet, liegt falsch: „Ich wollte ja das Unicum übernehmen und nichts Neues draus machen“, sagt Anja Diestelberger. Sie und ihre Helfer – samt bestem Freund und dessen Mutter – haben gemalert, geputzt und an der Lichttechnik gefeilt. Das war alles. „Es stand ja anderthalb Jahre leer. Da war einiges zu tun.“

Gut angelaufen

Cocktails gibt es im Unicum weiterhin, nur wurde deren Zahl etwas dezimiert. „Die besten und gängigsten sind geblieben“, sagt die Betreiberin. Die Gäste scheinen bisher ganz zufrieden mit dem Angebot zu sein. „Ich habe viel positives Feedback bekommen.“ Einige Pläne für die Zukunft hat Anja Diestelberger auch schon: Live-Veranstaltungen sind vorgesehen, die erste schon Mitte oder Ende März. „Die Abstimmungen mit der Band laufen.“ Für den Sommer will sich die 51-Jährige außerdem um eine Außenschankgenehmigung bemühen, um den Gästen Platz im Freien bieten zu können.

„Ich habe hier hinterm Tresen insgesamt vier Zapfhähne“, erklärt die Neuruppinerin. Alle vier bis sechs Wochen soll aus einem davon ein besonderes Bier gezapft werden können, das sonst nicht auf der Karte steht. „Vielleicht probieren wir auch mal Karaoke, mal schauen“, sagt sie.

Hilfe vom Lotsendienst

Wenn Robin Schmidt im Unicum vorbeischaut und von diesen Plänen hört, ist er zufrieden. Denn Schmidt hat Anja Diestelberger auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleitet. Er leitet den Regionalen Lotsendienst Ostprignitz-Ruppin, der Existenzgründungen unterstützt und ein Projekt der Regionalentwick-lungsgesellschaft Nordwestbrandenburg (REG) ist. Anja Diestelberger kam durch ihre Bekannte vom Neuruppiner Shirt-Shop auf die Idee, dort um Hilfe zu bitten. „Sie hatte selbst gute Erfahrungen gemacht“, so die 51-Jährige.

Laut Gründerlotse Robin Schmidt ist es dann so gelaufen, wie es beim Lotsendienst in Ostprignitz-Ruppin meistens läuft: „Der erste Kontakt kommt oft über einen Telefonanruf zustande“, sagt er. „Dabei wird ein Termin für ein Erstgespräch vereinbart.“ In einem viertägigen Development-Center wird geschaut, ob die Geschäftsidee tragfähig ist. Gibt es anschließend ein Okay, existiert die Option eines Einzelcoachings. „Dabei wird dann auch ein bankfähiger Businessplan erstellt“, sagt Robin Schmidt. Das gesamte Angebot ist kostenfrei. Der Lotsendienst wird vom Land Brandenburg und vom Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert.

Service seit 2018

Seit dem 1. Januar 2018 bietet die REG diesen Lotsendienst im Landkreis an. Durchschnittlich 30 bis 35 Menschen suchen jährlich bei Robin Schmidt Beratung und werden in die Selbstständigkeit begleitet. Es habe in der Vergangenheit schon mal Anrufe von Existenzgründern gegeben, die ihn amüsiert hätten, so Schmidt. „Da habe ich auch mal gedacht: Das wird nichts. Und dann ist es doch was geworden.“ Einen positiven Trend verzeichnet der Projektleiter derzeit: "Wir haben rund 65 Prozent Frauenanteil bei den Gründungswilligen.“ Auch die gute Arbeitsmarktsituation wirke sich aus: Die Zahl der Gründungen steigt. Und diejenigen, die sich an diesen Schritt wagen, tun das nicht, weil sie beruflich mit dem Rücken zur Wand stehen, sondern weil sie eine wirklich gute Idee haben, hat Robin Schmidt beobachtet.

Standort undÖffnungszeiten

Die Kneipe befindet sich in der Neuruppiner Karl-Marx-Straße 56.

Sonntags und montags ist Ruhetag.

An allen anderen Tagen ist das Unicum ab 19 Uhr geöffnet. Wann Anja Diestelberger die Türen schließt, kommt auf den Besucherstrom an. Rausgeworfen wird aber niemand.⇥jvo