Das Ruppiner Land verliert eine Institution – eine, die viel Geschmack in Restaurants, Feste und Events gebracht hat: Reiner Stirnemann und seine Frau Ilona schließen zum 30. September ihren Lebensmittelgroßhandel und Abholmarkt.
„Das war abzusehen. Die Rente ist ran“, sagt Reiner Stirnemann. Noch ein paar Wochen besorgt er alles das, was die Kunden wünschen. Dann bleibt das Hoftor an der Storbecker Dorfstraße künftig geschlossen. Viele Vereine und Feuerwehren, die für Feste und Veranstaltungen bei Stirnemanns eingekauft haben, und auch die Gastronomen müssen sich dann neue Lieferanten suchen. Einfach wird das nicht unbedingt. Denn vor allem die Bockwürste, Wiener und Bouletten, die Stirnemann in Thüringen einkauft und für die er quasi einen Exklusiv-Vertriebsvertrag hat, zählen bis heute zu den beliebtesten Produkten bei den Kunden und dem Chef selbst.
Dass Reiner Stirnemann einmal im Ruppiner Land mit Lebensmitteln handeln würde, war am Beginn seiner beruflichen Laufbahn nicht abzusehen. Schon seine Eltern bewirtschafteten den großen Hof in Storbeck. Er selbst wurde technischer Leiter bei der LPG Pflanzenproduktion in Kränzlin. 1989 und damit noch kurz vor der Wende machte sich Stirnemann selbstständig und baute erfolgreich Champignons an. „Damit war ich vielleicht einer von Fünfen in der DDR“, erinnert er sich. Entsprechend gut war die Nachfrage der Gastronomie nach den Pilzen: „Das lief wie geschnitten Brot.“

Storbecker nutzt nach der Wende Gunst der Stunde

Als die Wende kam, sei ihm aber sofort klar gewesen, dass die Champignonzucht keine Zukunft haben wird. Der Storbecker nutzte 1990 die Gunst der Stunde. Denn: „Die OGS, also der Großhandel für Obst, Gemüse und Speisekartoffeln und bei ,Waren des täglichen Bedarfs’ wusste man nicht was los ist. Die waren ohnmächtig, weil keine Order von oben mehr kam“, erzählt Stirnemann. Er fand in Berlin einen Großhändler, der ihn mit den nötigsten Waren für die Gastronomie versorgte. „Nur Obst und Gemüse wollte ich nicht machen. Das hätte bedeutet, wir hätten mitten in der Nacht aufstehen müssen“, sagt der 65-Jährige, der mit seiner Familie den Handel auf- und die ehemalige Scheune des Hofes zum Kühlhaus, Lager und Büro ausbaute und selbst das Firmenlogo mit einem lächelnden Koch entwarf. 1990 stand dann auch der erste Fiat-Transporter auf den Hof, später noch ein Barkas und einige weitere. In den besten Zeiten fuhren vier Lkw für Stirnemann Lebensmittel aus und neun Kollegen standen bei ihm in Lohn und Brot. Sogar Krokodil- und Kängurufleisch sowie Froschschenkel musste er im Laufe der Jahre für Ruppiner Kunden besorgen. Am beliebtesten blieben aber Grillwurst und -fleisch, auch wenn das nicht günstiger als im Supermarkt angeboten werden konnte. „Ich wollte aber nie der billige Jacob sein“, betont der Storbecker.

Reiner Stirnemann hat gute Kontakte zu Köchen

Mit den großen Händlern habe seine Firma nie konkurrieren können. Mit Einladungen von Entscheidungsträgern zu Messen oder ähnlichem konnte sein Unternehmen nicht dienen, weshalb es bei manchen potenziellen Großkunden auch nie einen Fuß in die Tür bekommen hat. Die Kontakte zur lokalen Gastro-Szene war dennoch bestens. Der Storbecker engagierte sich in der Kochakademie, beteiligte sich am Pokalkochen, unterstützte den Ball der Ruppiner Köche und vieles andere. Zig Fotos und noch viel mehr Erinnerungen aus dieser Zeit sind ihm und seiner Frau Ilona aus dieser Zeit noch geblieben. Heute kocht Reiner Stirnemann, der viele Jahre auch aktiver Feuerwehrmann war, nur noch privat oder für den Storbecker Dorfverein.

Stirnemanns stellen Unternehmen 2013 um

Bereits 2013 haben Stirnemanns ihr Unternehmen umgestellt. Ware konnte künftig nur noch abgeholt werden. Die Corona-Pandemie in diesem Jahr, die die Gastronomie zu wochenlangen Schließungen zwang, schlug sich natürlich auch auf Stirnemanns durch. „Uns ist 50 Prozent des Umsatzes weggebrochen“, so der Unternehmer. Corona sei aber nicht der Grund, dass er seinen Betrieb schließt, sagt Strinemann. „Wir hätten auch noch drei oder vier Jahre gemacht. Aber jetzt passt es“, so der 65-Jährige. Ursprünglich sollte eine seiner beiden Töchter den Betrieb einmal übernehmen. „Das habe ich ihr aber ausgeredet.“ Beide hätten bessere Jobs und müssten sich dieser Herausforderung nicht stellen. „Für uns war die Firma unser Leben“, sagt Ilona Stirnemann.
Wenn der Laden zu ist, wollen sich beide mehr Zeit für sich nehmen – Reisen und Motorradfahren. Der lächelnde Koch an der Fassade ihrer ehemaligen Scheune wird sie an die spannenden Unternehmerjahre stets erinnern.