Gerade wird eine Frage besonders diskutiert: Ist Deutschland wirklich schon zusammengewachsen? Ganz unterschiedlich wird dabei auf die Ereignisse der friedlichen Revolution vor mehr als 30 Jahren zurückgeblickt. Für die meisten ist der Nationalfeiertag am 3. Oktober ein wichtiges Datum, manifestiert sich darin doch der Sieg der Demokratie über die Diktatur im Arbeiter und Bauernstaat. Um ein Zeichen zu setzen, hat sich in Grüneberg Kantor und Chorleiter Jens Seidenfad dazu entschlossen, diesen Tag zu feiern. Nur wie, hat er lange überlegt. Die Fragen stellte Redakteur Burkhard Keeve.

Herr Seidenfad, warum ist der 3. Oktober so wichtig für Sie?

Wir müssen an dieses Wunder erinnern, dass man vor 30 Jahren, in Frieden zueinander gekommen ist und jetzt, wie Willy Brandt es gesagt hat, zusammenwächst, was zusammen gehört. Das Erinnern ist umso bedeutender angesichts der aktuellen Geschehen in Weißrussland. Es zeigt doch, wie schwierig und gewalttätig es werden kann, wenn man auf die Straße geht.

Auch in der DDR ging die Revolution nicht nur friedlich ab, oder?

Das ist richtig, auch bei den ersten Demonstrationen gab es Gewalt und Übergriffe seitens der Staatsmacht. Aber dass es die Leute, wir, es trotzdem geschafft haben, und dass die Kirchen viel dazu beigetragen haben, dass es friedlich blieb, muss immer wieder erzählt werden.

Warum?

Das ist mir ganz wichtig, weil ich zu der Zeit auch auf der Straße war und gebangt habe, dass das alles gut geht.

Was sind die Lehren aus heutiger Sicht daraus?

Bei allen Befindlichkeiten, die es heute natürlich gibt und Menschen verschiedene Ansätze haben, Gesellschaft zu sehen, ist es doch wichtig, dass wir miteinander reden, unsere Meinung sagen, streiten können. Dass wir um das Beste ringen miteinander. Dass wir das auch in unserem Dorf tun, halte ich für ein großes Glück. Der Chor ist letztlich ein Ausdruck, ein Spiegel der verschiedenen Menschen, die hier mittlerweile angekommen sind. Das ist eine bunte Durchmischung von Menschen, die hier groß geworden sind und viele die zugezogen sind, die aus ganz anderen Teilen der Republik kommen.

Der Chor als Mikrokosmos der Demokratie?

Im Chor drückt sich das für mich aus, wenn man die einzelnen Stimmen hört, wie gut das klappen kann, wie man gerade singenderweise gut zusammenfinden und einen guten Geist verbreiten kann. Diesen motivierenden und unterstützenden Geist gilt es doch zu verbreiten.

Was haben Sie und der gemischte Chor Grüneberg am 3. Oktober vor?

Ich hatte nach Möglichkeiten im Internet recherchiert, was es für Aktionen zu diesem Tag gibt. Da bin ich auf die Initiative „Deutschland singt gestoßen“. Wunderbar. Daran werden wir uns beteiligen (siehe Hintergrund).

Was macht das gemeinsame Singen mit den Menschen?

Wir haben in Grüneberg schon mehrfach draußen gesungen. Openair können die Abstandsregeln gut eingehalten werden. Das Singen wird zum wichtigen Mittel, sich auszudrücken. Es hilft gegen die Vereinzelung. Man kommt raus aus der Isolation und kann miteinander einen guten Geist beschwören, zumal über uns allen ja permanent diese undefinierbare Angst schwebt, was wird denn noch alles kommen mit der Pandemie.

Und um diesen Geist zu verbreiten, haben Sie sich der Aktion „Deutschland singt“ angeschlossen?

Ja richtig. Ich wusste allerdings gar nicht, dass es diese Initiative schon so lange gibt. Sie machen das nicht zum ersten Mal. Sie haben dieses Jahr nur breiter dafür geworben.

Was geschieht also am 3. Oktober in Grüneberg?

Es soll Gedanken geben vom Bürgermeister der Gemeinde Löwenberger Land, Bernd-Christian Schneck, von der Pfarrerin Barbara-Ruth Schlenker, von Schriftstellerin Katharina Hacker (geboren in Frankfurt am Main, Anmerkung der Redaktion), weil ich ihre Stimme wichtig finde. Meine Frau (Fotografin Kathrin Karras, geboren in Guben) habe ich auch angesprochen, ob sie nicht etwas sagt von sich, von ihrer Ostbiografie her. So ist es angedacht.

Gemeinsamer Treffpunkt ist um 15 Uhr vor der Grüneberger Kirche. Eigentlich singt Deutschland aber um 19 Uhr?

Wir singen früher aus den Gründen, dass es auch ein Familienfest werden soll mit kleinen Kindern. Außerdem kann es abends schnell kalt werden und frieren soll keiner. Außerdem ist es technisch einfacher, wenn wir Licht haben. Ab 19 Uhr wird es dunkel. Eine Kerze wird da nicht reichen, die Liedblätter zu beleuchten.

Es sollen auch nicht nur die Stimmen der Chormitglieder erklingen, sondern das ganze Dorf und Gäste sind eingeladen. Richtig?

Ja, das ist ganz wichtig, Es ist ein Mitsingkonzert mit einer Liederliste, die deutschlandweit gilt. Da haben wir auch nichts dran geändert. Wir nehmen nur noch Lieder zusätzlich ins Programm, wie die Europahymne. Aber sonst sind es diese zehn Lieder, die wir singen, die an diesem Tag in mehr als 200 Gemeinden in Deutschland gemeinsam erklingen.

Was für Lieder werden zum Beispiel angestimmt?

Zum Beispiel „Die Gedanken sind frei“, „Dona nobis pacem“ (Gib uns Frieden) oder ein Gospel „Amazing grace“ oder „Über sieben Brücken musst du gehen“ von Karat.

Zehn Lieder, tausende Stimmen


Die Initiative „3. Oktober – Deutschland singt” hat sich zum Ziel gesetzt, den Tag der Deutschen Einheit in ganz Deutschland singend mitzufeiern und dadurch positiv zu prägen.

Die verbindende Idee der Dankbarkeit im Zeichen der Wiedervereinigung Deutschlands hat auch die Kommission der Bundesregierung „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ überzeugt unf ihre Unterstützung zugesagt hat.

Das gemeinsame Singen in allen Großstädten, Städten und Dörfern am 3. Oktober soll ein Zeichen der Dankbarkeit und ein Impuls für gelebte Einheit und Freiheit sein.

Im ganzen Land werden zehn verbindende Lieder gesungen wie Volkslieder, Spirituals, Popsongs, Gospels, Choräle und Schlager.

Im Einzelnen sind das: „Die Gedanken sind frei“. „Wind of Change“. „Nun danket alle Gott“. „Hevenu Shalom Alechem“. „Über sieben Brücken musst du gehn“. „Dona Nobis Pacem“. „Amazing Grace“. „Der Mond ist aufgegangen“. „We Shall Overcome“ und „Von guten Mächten“.