30 Jahre Mauerfall: Erinnerung an die Runden Tische
Petra Schmidt berichtete über die bewegte Zeit, die in Bergfelde schon am 26. Oktober 1989 mit einem Brief begann. „Wir meinen, daß es an der Zeit ist, Probleme politischer, wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Art, die im Raum Bergfelde existieren, öffentlich mit allen Bürgern und Bürgerinnen zu diskutieren“, schrieb Pfarrer Matthias Möckel (kleines Foto) im Namen der evangelischen Kirchengemeinde an den Rat der Gemeinde. Die Bürgermeisterin lud für den 2. November zum ersten „Bürgergespräch“ ein. Am gleichen Tag fand in Hohen Neuendorf das erste „Rathausgespräch“ statt. Weil für die rund 300 gekommenen Einwohner der Platz nicht reichte, wurde es in den Kinosaal der „Klause“ (heute City–Arkaden am S–Bahnhof Hohen Neuendorf) verlegt.
Neben diesen Bürgerdialogen gab es Anfang 1990 in beiden Orten Runde Tische. Auch dort wurden lokale Probleme diskutiert, wie die Abwasserentsorgung im Rotpfuhl, die zum Waldsterben geführt hatte, oder die Siedlung im Lärchenweg, wo seit den 80er–Jahren Häuser entstanden, deren Mieter offenbar beim Ministerium für Staatssicherheit angestellt waren. Neu an den Runden Tischen war nicht nur die Öffentlichkeit, in der die Diskussionen geführt wurden, sondern auch die Gleichberechtigung der Teilnehmer von den neu entstandenen Parteien und den Kirchengemeinden. Pfarrer Fred Bormeister, der Moderator des Runden Tisches in Hohen Neuendorf, sagte: „Es kam mir vor allem darauf an, dass sich die Beteiligten nicht gegenseitig an die Gurgel gehen.“ Meist seien die Gespräche aber wieder sachlich geworden. Das bestätigte Pfarrer Möckel für Bergfelde. Nur als einigen Teilnehmern am Runden Tisch eine Stasitätigkeit nachgewiesen wurde, sei es unangenehm gewesen, diese zu konfrontieren.
Erkennbar bewegt lauschten die Gäste dem Bericht der damals 27–jährigen stellvertretenden Kindergartenleiterin in Bergfelde, Beate Wieczorek. Als am 10. November nur ganz wenige Kinder erschienen, fragte sie sich: „Bleiben sie weg oder kommen sie morgen wieder?“ Sie sah sich eine DRK–Kita in Reinickendorf an, besorgte sich Bücher und lud, unterstützt von Pfarrer Möckel, Erzieher, Mitarbeiter und Eltern selbst zu einem Runden Tisch ein. Einerseits gab es die Krippenkinder in einem baufälligen Haus in der Goethestraße und andererseits den Kindergarten mit seinem festen Lehrplan. Eine Einrichtung gehörte zum Gesundheitswesen, die andere zum Ministerium für Volksbildung. Es ging um Altersmischung, Vorschule, Eingewöhnungszeit, Geschwisterkinder. „Alles musste schnell entschieden werden. Zum Glück waren Eltern wie Mitarbeiter begeisterungswillig“, sagt Beate Wieczorek. Im Juli 1990 war die Kita Bergfelde die erste mit altersgemischten Gruppen.
Wer bis zum Ende der Veranstaltung blieb, konnte erleben, wie Protokolle und Zeitungsartikel über diesen schwierigen Weg dem Geschichtskreis übergeben wurden. Dort werden diese Materialien eine wichtige Quelle sein, um der Jugend in Hohen Neuendorf zu zeigen, wie Verwandte die Demokratie erst üben und erlernen mussten. In Hohen Neuendorf und Bergfelde trafen sich die Runden Tische letztmals im April 1990.

