30 Jahre Mauerfall
: Ost-Ost-Dialog im Oranienwerk – Eine Frage der Perspektive

Der „Ost-Ost-Dialog“ im Oranienwerk bot sehr unterschiedliche, heitere und nachdenkliche Erinnerungen auf die DDR und den Wendeherbst 1989.
Von
Klaus Grote
Oranienburg
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  • Hans-Joachim Laesicke weint der DDR wohl kaum eine Träne nach.

    Hans-Joachim Laesicke weint der DDR wohl kaum eine Träne nach.

    Klaus D. Grote
  • Unterschiedliche Erinnerungen: Heinz Vietze (l.) und Jürgen Peter

    Unterschiedliche Erinnerungen: Heinz Vietze (l.) und Jürgen Peter

    Klaus D. Grote
  • Angelika Mann war schon seit 1984 in West-Berlin.

    Angelika Mann war schon seit 1984 in West-Berlin.

    Klaus D. Grote
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Auf Einladung des Vereins Neues Potsdamer Toleranzedikt und der Oranienburger Bürgerstiftung berichteten die Schauspielerin und Sängerin Angelika Mann, Alt-Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke, der frühere SED-Funktionär Heinz Vietze und der Bauunternehmer und OFC-Vorsitzende Jürgen Peter über das Ende der DDR und darüber, was ihnen aus der Vergangenheit heute fehlt.

Angelika Mann, bot einen heiteren Rückblick, dabei wurde sie in der Vorstellung zunächst drei Jahre älter gemacht. „Ich bin eine typische 49erin, im Jahr der DDR-Gründung geboren“, stellt sie das Geburtsdatum richtig. Und dann erzählt sie, dass sie durch die Ausbürgerung 1984 und den Umzug nach West-Berlin den aus ihrer Sicht vielleicht wichtigsten Tag der DDR, den Tag des Mauerfalls am 9. November, nicht miterleben durfte. Damals wäre ich gerne nochmal da gewesen.“

Blauer Würger zum Mauerfall

Dieses Gefühl am Abend des Mauerfalls und den darauffolgenden Tagen beschrieben die Teilnehmer sehr unterschiedlich. Am unterhaltsamsten fiel erwartungsgemäß die Beschreibung von Hans-Joachim Laesicke aus. Dabei bezeichnete er seinen 9. November als traurig. Als Justiziar beim Tiefbau war er zu einer Konferenz in Rostock. „Das Hotelzimmer und das Ehebett musste ich mir mit meinem Chef teilen“, erzählt Laesicke. Die Männer lagen nebeneinander im Bett, verfolgten im Fernsehen die Ereignisse, tranken Weinbrandverschnitt und Blauer Würger aus der Hotelbar. Die Weiterbildung im DDR-Wirtschaftsrecht am nächsten Tag sei wohl nicht mehr notwendig gewesen, war sich Laesicke sicher. „Ich fuhr im ersten Zug zurück, nicht ohne das Hotelfrühstück auszulassen“. In der beschaulichen Rosenstraße sei dann so viel los gewesen wie nie. „Die Leute hingen überm Zaun und meine Frau lief mir schon entgegen.“ Sie wollte seinen Pass für den Ausreisestempel.

Auch Jürgen Peter bekam den Stempel in den Pass. „Die Schweine, die die DDR verlassen wollen, die lassen wir nicht zurück“, habe der Grenzer gesagt. Sehr nüchtern berichtet Peter die Ereignisse am Schlagbaum in der Bornholmer Straße. Er wohnte damals mit Frau und zwei Kindern in Pankow. Er stand in der ersten Reihe, als sich die Mauer öffnete. „Wir gehörten zu den ersten hundert hinterm Schlagbaum und haben Parolen gerufen, die heute politisch missbraucht werden“, sagt Peter. Sein Bericht klingt wie aus dem Geschichtsbuch. Peter war Zeitzeuge des Jahrhundertereignisses.

Das war auch Heinz Vietze, aber auf der anderen Seite. Als Chef der SED-Bezirksleitung Potsdam erlebte er die Verwirrung der Sicherheitsorgane der DDR und der Alliierten an der Grenze zu West-Berlin. Dabei bestätigt er Jürgen Peter, der von Angst und Unsicherheit berichtet hatte. "Wir dachten an die Ereignisse in Peking“, so Peter. „Die Angst war berechtigt“, erklärt Vietze, der die technokratische Funktionärssprache nicht abgelegt hat und aus seiner Sicht plausibel seine Zusammenarbeit mit der Stasi darlegt. Immerhin habe er einen Anteil am Rücktritt Honeckers gehabt. Manche Erklärung klingt nach Schönrederei. Auch seinen politischen Einfluss nach der Wiedervereinigung stellt der 71-Jährige gern heraus, bis heute hält sich Vietze für unverzichtbar. In Potsdam-Golm ist er Ortsbeiratsmitglied.

Leidenschaftlich berichtet der Alt-Bürgermeister Laesicke über die gedrückte Stimmung und die Unfreiheit in der zu Ende gehenden DDR sowie die Aufbruchstimmung und den aufkommenden Mut des Wendeherbstes, die Demos auf dem Alexanderplatz und den ersten Besuch in West-Berlin. „Alex drehte im Konsumrausch völlig frei und wollte jedes ferngesteuerte Auto“, berichtet er über den damals Zehnjährigen und heutigen Bürgermeister Alexander Laesicke. Besonders erwähnt er noch die "Herzlichkeit der West-Berliner.“

Berlin sei damals „eine krachvolle Stadt“ gewesen, erinnert sich  Angelika Mann. "Und ich hatte mein altes Publikum wieder.“ Heute vermisse sie eigentlich nichts aus der DDR, antwortet sie auf eine Frage von Moderator Jann Jakobs, dem früheren Potsdamer Oberbürgermeister. Sie bedauere aber, dass viel Gutes und vor allem Erfahrung aus der DDR auf der Strecke geblieben seien. Sie spricht damit vielen Gästen im Publikum aus der Seele. Heinz Vietze macht daraus eine Warnung vor aktuellen Entwicklungen und einen Appell zur Rettung der Demokratie und der anstehenden Landtagswahl. Zeit, darauf zu reagieren, bleibt an diesem kurzweiligen Abend jedoch leider nicht.

Talk anwechselnden Orten

30 Jahre nach dem Mauerfall wird in den "Ost-Ost-Dialogen" über den "wunderbaren Osten" gesprochen. Moderiert wird die Talk-Reihe an wechselnden Orten vom früheren Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs und der früherer Professor der Uni Potsdam Hein Kleger.⇥kd