30 Jahre Wiedervereinigung
: Mit Trabi und FDJ-Hemd zur Party

Bei der Einheitsparty in der Stadthalle erinnerten sich die Hohen Neuendorfer am Freitag an den Mauerfall. Die einen mehr, die anderen weniger (n)ostalgisch.
Von
Katja Schrader
Hohen Neuendorf
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Silke war in der zehnte Klasse, als die Mauer fiel. Ihr altes FDJ-Hemd hat sie bis heute behalten. Für die Einheitsparty in der Hohen Neuendorfer Stadthalle hat sie es noch einmal aus dem Schrank geholt.

Katja Schrader

Passend zum Anlass hat Silke aus ihrem Kleiderschrank das zerknitterte FDJ-Hemd gezogen, es gewaschen und gebügelt. „Dass du das noch aufgehoben hast, ist erstaunlich“, wundert sich ihre Freundin Peggy. „Ich hab alles aufgehoben, sogar ein Käppi und das Pioniertuch schwirrt auch noch irgendwo rum. Das sind Erinnerungen“, sagt die Hohen Neuendorferin. Sie ist allerdings an diesem Abend so gut wie die Einzige, die sich dem Thema entsprechend gekleidet hat. Das tut der Freude keinen Abbruch. „Es gibt sogar Rosenthaler Kadarka“, schwärmt Peggy. „Grüne Wiese auch?“, will Silke wissen. „Ich glaube schon“, meint Peggy gesehen zu haben.

In der zehnten Klasse waren die beiden, als die Mauer fiel. Das Thema Ost-West sei für sie schon lange keines mehr. „Wir waren zu jung, aber ich schätze, dass es hier in einigen Köpfen noch nicht Geschichte ist“, meint Peggy. Im Saal erinnern Fotowände an den Tag, an dem sich die Menge von Hohen Neuendorf nach Frohnau bewegte, an den Grenzstreifen, die Mauer. Ein junges Mädchen hat sich in die dazugehörigen Aufzeichnungen der Fotografen vertieft.

Bürgermeister Steffen Apelt war zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt. „Die Stimmung auf der 96 war an diesem Tag Gänsehaut pur. Es ist im Schneckentempo Richtung Frohnau vorangegangen.“, erinnert er sich. Aufregender sei für ihn allerdings die Zeit danach gewesen. „Heute ist es viel schöner als damals“, sagt er beschwingt. „Völlig losgelöst von der Erde“ singen derweil die Typen Renè und Schenk von der gleichnamigen Partyband mit ihrer Begleitung Paula Schultheiss. In ihren 80er-Jahre-Outfits heizen sie die Stimmung an. Es wird ausgelassen getanzt zu den Hits der Neuen Deutschen Welle. Pressesprecherin Ariane Fäscher freut sich über die gute Atmosphäre und darüber, dass Besucher von 17 bis 75 und egal ob aus Ost oder West zusammen feiern. Das sei auch die Idee der Veranstaltung gewesen, die Freude von damals an diesem Abend ein wenig zurückzuholen. Generationsübergreifend soll die Party Spaß machen.

Vor der Halle rauchen vier fröhliche Frauen ihre Zigaretten. Sie seien ein gutes Beispiel für gelungene Ost-West-Verbindung. „Zwei von uns kommen aus dem Westen, zwei aus dem Osten. Für uns ist das überhaupt kein Thema“, sagt Annette. Überhaupt sei der Mauerfall für die damals 18-jährige Westberlinerin nicht so bedeutend gewesen. „Für mich war das dann so“, sagt sie. Einige Alteingesessene hätten Probleme damit gehabt, dass sie sich Häuser in Hohen Neuendorf gebaut haben. „Wir mussten uns damals auch quälen durch die Mauer und ich fand doof, dass sich die Ossis alle ihr Begrüßungsgeld abgeholt haben“, erzählt sie. Inzwischen gebe es die Trennung in Hohen Neuendorf lange nicht mehr. Da sei jeder gleich.

Mike aus Birkenwerder trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Born in GDR“. „Die 30 Jahre waren schnell weg“, sagt er ein wenig melancholisch. An die Zeit damals denke er mit gemischten Gefühlen. Seine Tochter war gerade ein Jahr alt. „Die Geborgenheit, die wir hatten, war hin“, erzählt er. Man habe nicht gewusst, was kommt. „Ich hatte schlaflose Nächte und Angst vor der Zukunft.“ Es sei zum Glück alles gut gegangen. Eigentlich habe es keine Zeit gegeben, darüber nachzudenken. Der ehemalige Volkspolizist war plötzlich Teil der Polizei für ganz Berlin. „Wir mussten zusammenwachsen. Es ging gar nicht anders. Es musste funktionieren“, sagt er. Heute sei für ihn alles gleich und er denke auch beim Fahren durch die Stadt schon lange nicht mehr daran, ob er im Osten oder Westen ist. Auch Frank genießt die Party. Er erinnert sich, wie er damals die Musik mit dem Kassettenrekorder aufgenommen hat. „Bei uns war die Neue Deutsche Welle ganz groß. Die Ostmusik lebt jetzt wieder auf.“  Bis 2 Uhr spielen DJ Sven und DJ Balu Hits aus Ost und West.