Märchen – das sind Geschichten über wundersame und unvorhergesehene Begebenheiten. Erzählungen von Mut, nicht selten auch Kühnheit. An ihrem Ende stehen meist Helden, die über sich hinauswachsen und Hindernisse meistern mussten. Allen Widerständen zum Trotz. Man muss vielleicht nicht so weit gehen, das Leben Klaus-Dieter Osterburgs als Märchen zu bezeichnen. Doch zweifelsohne besitzen Elemente dieser Definition auch für die Biografie des Nassenheider Märchenerzählers eine gewisse Gültigkeit. Anlässlich seines 80. Geburtstags am ersten Weihnachtsfeiertag blickt der Mann mit der „sagenhaften Stimme“ zusammen mit seiner Ehefrau Brigitte zurück und erzählt aus seiner eigenen Geschichte.

Am Anfang stand ein Zeitungsartikel

Als unvorhergesehene Begebenheit in der Lebensgeschichte des gebürtigen Storkowers darf sicherlich jener Zeitungsartikel aus dem Jahr 1995 gelten, der von einem Seminar für Märchenerzähler berichtete und der die Aufmerksamkeit seiner Ehefrau Brigitte weckte. Ihm sei es damals gesundheitlich schlecht gegangen, erinnert sich Osterburg. Als Ost-Berliner Verkehrspolizist und -erzieher habe er in Folge der Wende zunächst nicht wie geplant seine Karriere fortsetzen können, was ihm stark zusetzte. Der eigentlich charismatische, einnehmende Vater zweier Kinder zog sich zunehmend zurück. Selbst Ärzte rieten ihm, sich etwas zu suchen, „durch das er sich wieder aufrappelt“, sagt Brigitte Osterburg. Den Regeln eines Märchens folgend, kann dies wohl als das Hindernis gelten.

„Eine ganze Menge Überredungskunst notwendig“

„Wir wussten, was für eine gute Stimme er hat. Das hat ihm ja jeder bestätigt“, erklärt Brigitte Osterburg den Gedanken hinter ihrem Vorschlag. Als sie den Zeitungsartikel sah, dachte sie: „Das ist es!“ Die Reaktion ihres Mannes hingegen fiel zunächst verhalten aus, schließlich erklärte er sich aber zur Teilnahme bereit. „Da war eine ganze Menge Überredungskunst notwendig. Die Familie hat mich da wirklich eine Woche lang beackert“, sagt er im Rückblick und klingt dabei selbst etwas verwundert.
Vorbereitet hatte er – der bis dahin eigentlich keinen Zugang zur Welt der Märchen hatte, auch als Kind keine vorgelesen bekam – „Scharita und der Walnussbaum“. Es sollte sich zu einem seiner Lieblingsgedichte entwickeln. Bereits beim ersten Vortragen gegenüber einer Jury, die ihm wenig später die Eignung als Märchenerzähler bescheinigen sollte, hatte er ein gutes Gefühl, erinnert sich Osterburg. „Ich dachte mir, das könnte eine Sache sein, die mir Freude bereitet.“ In gewisser Weise, so beschreibt er es, habe er an diesem Tag „Blut geleckt“.

80 Auftritte pro Jahr

Was für den nun zertifizierten Märchenerzähler folgte, waren 25 Jahre mit prall gefüllten Auftragsbüchern und unzähligen „Geschichten und Märchen für Jung und Alt“, wie es auf einem seiner Plakate hieß. Es zeigt den hochgewachsenen Verkehrspolizisten mit mittelalterlichem Barett auf dem Kopf und frech grinsender Fee auf der Schulter, im Hintergrund ein Schloss à la Neuschwanstein. Verwendung fand es bei den teilweise über 80 Auftritten pro Jahr. Sie führten ihn vor Kindergarten-Gruppen genauso wie vor Sportmannschaften, die Vereinsfeste feierten. Vor Kranke und Pflegebedürftige, wie jene im Spandauer Johannesstift, vor denen er monatlich erzählte. Aber auch auf die Bühnen großer europäischer Märchenfestivals.

Ein Erzähler aus dem Märchen heraus

Fotos von Auftritten, die ihn mal mit Kaftan in orientalischem Setting, mal mit mexikanischem Poncho vor Strohballen, jedoch immer mit verschwenderischer Mimik und ausladenden Gesten zeigen, lassen die Hingebung erahnen, mit der Klaus-Dieter Osterburg seine Märchen erzählte. Zwar habe er bereits als Verkehrspolizist große Straßenkreuzungen in Berlins Mitte gelegentlich als Bühne genutzt und mit filigran geschwungenen Verkehrsstab nicht nur staunenden Touristen „etwas geboten“, wie er sagt, die neu entdeckte Leidenschaft habe ihn dennoch überrascht. „Es ist nun mal so, wenn ich ein Märchen erzähle, dann erzähle ich es nicht von außen, sondern steige rein. Ich bin dann zwar der Erzähler, aber aus dem Märchen heraus.“
Stets vor Augen hatte er dabei die Bedürfnisse des jeweiligen Publikums. In Abstimmung mit den Veranstaltern durchsuchte er eine stetig wachsende Sammlung an Märchenbüchern nach passenden Geschichten. Eines kam für ihn dabei allerdings nie in Frage: Vom Blatt abzulesen. „Beim Vorlesen ist man immer an den Text gebunden. Ich nehme den vorgegebenen Text eines Märchens als den roten Faden und erzähle dann frei. Auf meine Art eben, ohne das Märchen zu verfälschen.“

Auch eigene Märchen verfasst

Gelegentlich schrieb Klaus-Dieter Osterburg auch selbst Gedichte. So inspirierte ihn etwa der Ortsname „Mühlenbeck“, wo er einst für einen Auftritt gebucht war, zu einer Geschichte über eine verschwundene Müllerstochter. Ein Geselle der Mühle, fasst der nunmehr 80-Jährige den Inhalt kurz zusammen, wobei er in einen basslastigen Erzählton mit lang gezogenen Wörtern verfällt, musste sich darin zunächst Wichten und riesigen Kröten stellen, ehe der Weg für die Verschwundene frei war, wieder zurückzukehren.
Den Rücken frei gehalten bekam der 2004 in Rente gegangene Hauptkommissar dabei stets durch seine Ehefrau Brigitte. Nicht nur fertigte die gelernte Schneiderin die zahlreichen Kostüme, die sich noch heute in ihrem Haus in Nassenheide befinden. Sie fungierte auch als Managerin, in deren Domäne alles Organisatorische fiel. Mittlerweile lässt es das Ehepaar Osterburg aber ruhiger angehen. Das letzte Märchen vor größerem Publikum wurde 2019 erzählt.

Erzählend die Welt entdeckt

Im Gegensatz zu den Märchen hält Klaus-Dieter Osterburg seinen 80. Geburtstag für kaum der Rede wert. Aufgrund der Corona-Pandemie würden sie sowieso nicht wirklich feiern, erklärt er knapp, ehe er zu seiner Leidenschaft zurückkehrt. Die Märchen, ist er überzeugt, hätten ihm geholfen. Er habe durch sie die Welt und über sie neue Menschen kennengelernt. Auch Brigitte Osterburg stimmt zu und sieht ihre vor 25 Jahren aus einem Zeitungsartikels entsprungene Idee als geglückt. Als Märchenerzähler, so sagt sie, habe ihr Mann sein Selbstbewusstsein wiedergewonnen. „Manchmal musste ich ihn sogar bremsen“, sagt sie mit freudigem Lachen. Insofern dürfte also ein weiterer märchenhafter Aspekt erfüllt sein: Über sich selbst hinauszuwachsen. Vielleicht hatte der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen also Recht, als er schrieb: „Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst."