Am nächsten Tag, 10. November, kamen zwei Schüler auf ihn zu. Sie sagten: "Wir waren gestern im Westen, sind um halb elf über Stolpe-Süd rüber." Hubert Gediga, damals Leiter der POS, erinnert sich an die Schlange vor Kremmens Rathaus, als er sich selbst seinen Stempel abholte, um nach West-Berlin zu fahren. "An die Deutsche Einheit hat da noch niemand gedacht." Sicher, es habe Gesprächsrunden gegeben. "Aber wir wollten im Prinzip nur eine bessere DDR", so Gediga, der 1983 in die SED eingetreten war. "Ich war überzeugt vom Sozialismus und wie wir miteinander gelebt haben. Aber ich wusste zu der Zeit auch nicht, wie es woanders war." Nach der Wende habe er jedoch niemanden erlebt, der ernsthaft die Politik der DDR verteidigt hätte. Gediga präsentierte im Haus der Generationen die Innenansicht.
Für den Außenblick war Wolfgang Krüger zuständig. Eine halbe Stunde bevor Schabowski den handschriftlichen Zettel bekam, der helfen sollte, eine Diktatur zu stürzen, saß der heutige Kreistagsvorsitzende in einem Berliner Fernsehstudio, moderierte als Chef von Rias TV eine Nachrichtensendung. Zu Hause sah er später Schabowski und schrieb selbst einen Zettel an seine Frau: Die Mauer ist gefallen, ich bin im Studio. "Wir haben alle Kamerateams an die West-Berliner Grenzübergänge geschickt", erinnert er sich. Am nächsten Morgen strahlte Rias TV eine dreieinhalbstündige Live-Sendung aus.
Das Wunder einer Nacht
"Auch 30 Jahre danach berühren einen die Bilder aus dieser einen Nacht." Im Kern sei es nicht um  die Staatsfrage gegangen. "Sondern um das unglaubliche Glücksgefühl der Menschen, die DDR ungezwungen verlassen zu können." Ein Wunder sei es gewesen, dass es zu keinen Kurzschlusshandlungen kam, trotz des enormen psychologischen Drucks, unter dem die Grenzer gestanden haben müssen. Für Krüger und sein Team war in der Nacht klar: "Die Öffnung der Mauer wird massive Folgen für den Bestand der DDR nach sich ziehen." Es war ein emotionaler Schauspiel für die Kameras. Doch eines gehöre rückblickend auch zur "harten Wahrheit": "Uns im Westen hat der Osten einfach nicht interessiert." Nach der Wiedervereinigung habe niemand gedrängt.
Doch spielt das für Nachwendekinder eine Rolle? Luisa Plentz, 2000 geboren und Schülerin am Eduard-Maurer-OSZ in Hennigsdorf, kennt die Zeit nur von Erzählungen. "Es ist ein Tag aus dem Geschichtsbuch", sagte sie. Selbst das Wort Anorak sei nicht im Jugend-Wortschatz erhalten und sorge eher für Belustigung. Ost-West spielt für sie nur eine Rolle, wenn es später um ungleiche Bezahlung geht. Krüger bezeichnete die Ost-West-Debatte als "absurd", für Gediga zähle nur der Geburtsort, mehr nicht. Moderiert wurde das Podium vom Oranienburger Journalisten Robert Tiesler. Für ihn sei das Empfinden als Ostdeutscher ein Stück Identität.

Westlicher Blick Richtung Westen


Wolfgang Krüger erinnerte sich auf dem Podium an seine Zeit, als er unter Ministerpräsident Matthias Platzeck Staatssekretär in Brandenburgs Wirtschaftsministerium war. Auf einer Reise nach Moskau wurden Lieder gesungen. "Ich kam mir blöd vor, weil ich die Texte nicht kannte." Es waren Songs aus dem Osten.

"Der Osten hat sich für den Westen, die Musik und Kultur interessiert. Im Westen war das umgekehrt nicht der Fall. Das hatte nichts mit Arroganz zu tun oder Überheblichkeit", sagte Krüger. "Unsere, sagen wir, geopolitische Ausrichtung ging eben auch nach Westen. Alles andere ist ein Stück weit an uns vorbeigegangen."