Seit 1955 ist sie mit der Siedlung, die zu Hohenbruch gehört, verbunden. Sie teilt ihr Glück, das sie in Verlorenort gefunden hat. Wer das überschaubare Fleckchen mit sechs Häusern und zehn Einwohnern nun passiert, bleibt wegen ihr ein Weilchen länger. Doris Pachel hat die bedrohlich wirkenden Wolken, die das Ende der Welt anzukündigen schienen, weitergeschoben.
Sicher, die Huckelpiste durch den Wald ist geblieben und so holprig wie eh und je. Doch kaum in Verlorenort angekommen, lädt eine sauber gemähte Rasenfläche zum Bleiben ein. Doris Pachal, 69 Jahre alt, begrüßt Gäste mit einem Lächeln. "Ich möchte nicht, dass der Ort vergessen wird", sagt sie. Ihr Mann Dieter hat aus Baumstämmen vom Förster stabile Bänke gebaut, Doris Pachal selbst einen Schaukasten mit Fotos und Infos bestückt. Ein bunt bemaltes Verteilerhäuschen sorgt für Farbe. Für das hat sie sich lange stark gemacht. So wie für den hölzernen Wegweiser nach Kremmen. Und Doris Pachal erzählt.
Kneipe als Mittelpunkt
Schon ihre Oma hat in Verlorenort gewohnt. Als Doris Pachal fünf Jahre alt war, zog ihre Familie aus Sommerfeld in die abgelegene Siedlung. "Wir waren acht Kinder, Fernsehen gab es nicht." Es war das Jahr 1955. Verlorenort wurde gerade ans Stromnetz angeschlossen. "Anfang der 60er bekam ein Nachbar ein TV-Gerät. Die Eltern sind montags immer rüber. Jeder hat fürs Gucken zehn Pfennig bezahlt." Das einzige Telefon befand sich in der Kneipe. "Erst 1994 wurden wir alle angeschlossen."
Die Kneipe "Zu den zwei Linden", seit 1928 in Familienbesitz, war der Dreh- und Angelpunkt im Ort, Tante Lucie lange Zeit die Chefin. "Es gab Flaschenbier, Bockwurst und Kartoffelsalat." Einmal in der Woche kam der Bäcker vorbei, wer mehr brauchte, rief im Kremmener Konsum an. Der lieferte zwei Tage später. "Wir waren gut versorgt, jeder hatte seinen Garten voller Kartoffeln, Mohrrüben und Kohl." Mit der Wende wurde das weniger, die Zeit der Discounter begann.
Doris Pachal zog Mitte der 70er-Jahre weg – nach Leegebruch. Sie heiratete ihren Dieter, zusammen bauten sie ein Haus. Sie arbeitete bei der Qualitätssicherung der Veltener Schwingungstechnik, ihr Mann baute für Siemens Gasturbinen. "Am Wochenende sind wir immer rausgefahren, ins Ferienhäuschen." Später zog das Paar ganz zurück. "Es waren unkomplizierte Zeiten in Verlorenort." Der Zusammenhalt war da, die Türen mussten nicht verschlossen werden. "Ich bin froh, dass ich das miterleben durfte. Aber ich weiß, dass diese Zeiten vorbei sind und nicht wiederkommen." Die Welt der Ellenbogen erhielt Einzug in Verlorenort.
Doch auf die Nachbarn sei – kommt es hart auf hart – nach wie vor Verlass. Als Mitte der 90er-Jahre eine Zufahrtsstraße gesperrt werden sollte, protestierten alle – mit Erfolg. Als ihr Mann 2015 an Krebs erkrankte und der Arzt kurz vor Weihnachten die Überlebenschance als sehr gering einschätzte, klemmte sich eine Nachbarin hinter "den Fall", holte eine zweite Meinung ein – ebenfalls mit Erfolg. Fünf Jahre später sitzt Dieter Pachal im Garten, wirkt ausgeglichen. Als Hobby liest er Fährten im Wald, seine Frau fotografiert und hält die Geschichte des Ortes fest. "Ich bin heute traurig, meinen Eltern und Großeltern nicht genug zugehört und mehr Fragen gestellt zu haben", sagt sie. "Vieles gerät in Vergessenheit, wenn man das Erzählte nicht festhält." So wurden nach Kriegsende die Verlorenorter nach Oranienburg-Eden evakuiert. "Die Russen haben hier Häuser gebaut, es sah aus wie in einer kleinen Stadt. Nur wenige Überreste sind noch im Wald zu sehen. Manchmal findet man einen Topf oder eine Schüssel." Ihr Opa musste für die Russen Tiere schlachten. "Die haben hier gut gelebt."
Wie die Verlorenorter nach deren Abzug. "Die Gemeinschaft war immer toll", sagt Doris Pachal. Seit 1992 lebt sie wieder "fest" im Ort. "1998 haben wir das Haus für unsere Tochter ausgebaut." Lange Zeit hat sie Ferienwohnungen für Forstarbeiter betreut. "Das war immer sehr familiär. Langeweile gab es eigentlich nie." Vor allem nicht, wenn es hieß: "Komm, wir gehen zu Lucie." Selbst als Gisela und Manfred Woitella 1989 das Gasthaus übernahmen, blieb es beim Namen. Kurz nach der Euro-Einführung schloss die kleine Kneipe 2001. Seitdem ist es noch ruhiger in Verlorenort.
Doris Pachal stört das nicht. Und egal, ob der Alte Fritz mal einen Holländer an dieser Stelle verlor oder beim Bruch der Kutsche von der Strandung an einem "verlorenen Ort" gesprochen haben soll, Doris Pachal weiß ihr Fleckchen Erde zu schätzen. "Ich bin stolzer Verlorenorter", sagt sie. Deshalb will sie weiter dafür sorgen, dass Verlorenort zu keinem vergessenen Ort wird.