Bauerndemo
: Oberhavel in der Hand der Treckerfahrer

Mehr als 1000 Landwirte haben am Dienstag für die längste Demo gesorgt, die der Landkreis Oberhavel je gesehen hat. Besonders deutlich wurde das am Morgen in Nassenheide, dem Sammelpunkt für den Trecker-Treck nach Berlin.
Von
Volkmar Ernst
Nassenheide
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  • In Nassenheide trafen sich die Bauern am frühen Morgen und starteten anschließend gemeinsam nach Berlin.

    In Nassenheide trafen sich die Bauern am frühen Morgen und starteten anschließend gemeinsam nach Berlin.

    Volkmar Ernst
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    In Nassenheide trafen sich die Bauern am frühen Morgen und starteten anschließend gemeinsam nach Berlin.

    Volkmar Ernst
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Gegen 6 Uhr ist am Dienstag die Ruhe im beschaulichen Nassenheide vorbei. Massenhafte Motorengeräusche durchbrechen die Stille, Scheinwerfer die Dunkelheit. Mehr als tausend Traktoren und Schlepper blockieren die Bundesstraße 96 nebst der angrenzenden Flächen. Rund 500 Fahrzeuge sind aus Neustrelitz gekommen. Dort formierten sich viele Landwirte aus Mecklenburg-Vorpommern zum Konvoi, um nach Berlin zur Großdemonstration der Bauern zu fahren. Unterwegs schlossen sich die Landwirte aus dem nördlichen Teil des Landkreises Oberhavel von Fürstenberg über Gransee bis nach Löwenberg dem Tross an. Rund weitere 250 Mitstreitern schätzt Ralph Wittwer, der Chef des Kreisbauernverbandes Oberhavel.

Am Sammelpunkt in Nassenheide vereinigt sich der Treck schließlich noch mit dem Zug jener Landwirte, die aufgrund der Länge ihres Anfahrtsweges in Kremmen übernachtet haben. Das sind nochmal 440 Fahrer und Traktoren. Mit dabei sind unter anderem Landwirt Jan-Peter Hartlef und sein Lehrling Joost Engelken, die aus Stade in Niedersachsen angereist sind. Gut zwölf Stunden haben sie für die rund 350 Kilometer lange Fahrt mit dem Traktor gebraucht. „Deshalb auch die Übernachtung“, erklärt Hartlef. Die Teilnahme an der Sternfahrt ist für den Landwirt und Obstbauern keine Frage: „Es geht um unsere Zukunft. Wenn die Politik entscheidet, dann nicht ohne Rücksprache mit uns. Wir sind die Fachleute und haben Sachverstand. Wir verlangen von den Politikern nicht mehr, als uns anzuhören.“

Teilnehmer aus ganz Deutschland

Aus Nienburg an der Weser hat sich Christoph Büsing auf den Weg nach Oberhavel und schließlich Berlin gemacht. Charlotte Isenberg, Justin Weiß, Justin-Riccardo Rusch und Veselin Marinov leben und arbeiten in Friedland. „Das möchten wir auch weiter machen. Doch die Politik schnürt ein Agrar-Paket und nimmt uns damit die Zukunft. Das kann nicht sein. Mit dem Protest wollen wir friedlich sagen: Bitte sprecht mit uns“, so das übereinstimmende Statement der vier Landwirte.

Diplom-Landwirt Sten Meyer kommt aus Ribnitz-Damgarten. Er ist Bauer mit Leib und Seele. Die Teilnahme an der Sternfahrt ist für ihn Ehrensache. „Als Landwirte ziehen wir alle an einem Strang. Da uns die Politik bislang nicht hören will, müssen wir uns eben so Gehör verschaffen“, sagt er.

Da die Stellflächen in Nassenheide mit der Zeit rar werden, müssen Fahrzeuge sogar auf ein weiteres Gelände hinter der Q-1-Tankstelle ausweichen. Ab diesem Zeitpunkt geht auf der B 96 in Nassenheide nichts mehr. Während die von den Organisatoren eingesetzten Ordnungskräfte den Fahrzeugkonvoi zusammenstellen, sichert die Polizei die Bundesstraße. Einsatzleiter Matthias Goodmann ist trotz des „geordneten Chaos“ zufrieden. „Es gibt keinen besonderen Vorkommnisse“, so seine knappe Einschätzung. Einzig der für 6.30 Uhr angesetzte Abfahrttermin in Richtung Hauptstadt ist ob der Vielzahl der Fahrzeuge nicht zu halten. Er verschiebt sich um gut eine Stunde. Der Aufbruch  wird um 7.30 Uhr mit einem Hupkonzert bekanntgegeben, dann setzt sich der Treck in Bewegung. Gut 30 Minuten fädelt sich Traktor um Traktor in den Konvoi ein, bis endlich die Bundesstraße kurz nach 8 Uhr wieder den Autos zur Verfügung steht. Richtung Oranienburg geht es bis zur Abfahrt Oranienburg-Süd und dort dann über die Berliner Straße weiter nach Birkenwerder und Hohen Neuendorf bis nach Frohnau, wo die Kollegen der Berliner Polizei das weitere Geleit des Trecks übernehmen.

Zustimmung für die Bauern

Am Straßenrand stehen auch einige Mitarbeiter der Sprint-Tankstelle. Wie schon bei der vormaligen Demo hatte Pächter Jörg Arens die Mitarbeiter in Liebenwalde und Nassenheide gefragt, ob sie, wie schon damals, wieder bereit wären, Verpflegungsbeutel anzufertigen. „Wir sind doch alle aus der Region. Wir kennen die Landwirtschaft, manche haben sogar Familienmitglieder oder Bekannte, die dort arbeiten. Da ist es für uns selbstverständlich, wenn wir helfen können“, erklärt Corinna Schindler das eindeutige „Ja“ aller Kollegen.

Das aber beinhaltete eine Sonderschicht, um die Brötchen zu schmieren: 2 000 an der Zahl. 100 Salatköpfe, 40 Gurken und 54 Paprika wurden zerschnitten, die Kilogramm an Wurst und Käse wird mit „viel“ angegeben. Von 22 Uhr bis 3 Uhr wurde im Akkord geackert, damit die Verpflegungsbeutel gefüllt, verpackt und ausgegeben werden konnten. Knapp 8 000 Euro hat die Aktion gekostet, verrät Arens. Auch die Liebenwalder Agrar GmbH war mit einem Versorgungsteam in Nassenheide vor Ort. „Wir haben einen Aufruf gestartet und Helfer gesucht. Da mussten wir nicht lange bitten“, verrät Chefin Anja Schiemann. Um 3 Uhr trafen sich die Helfer, um 300 Brötchen zu belegen und die Verpflegung zu verteilen.

Insgesamt ist der Zuspruch für die Bauern deutlich zu spüren. Die Zuschauer am Straßenrand winken den Landwirten zu, wenn sie mit ihren bulligen Maschinen vorbeifahren. Dass einige „voreilige“ Kraftfahrer versuchen, sich mit ihren gegenüber den Traktoren klein wirkenden Autos auf Höhe der Einmündung der Liebenwalder Chaussee auf die B 96 in den Trecker-Konvoi einzufädeln, wird von vielen mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Schließlich sperren drei Fahrer mit ihren Maschinen die Kreuzung, um Unfällen vorzubeugen.

Staunend verfolgt der fünfjährige Yafes an der Bushaltestelle in Nassenheide das Spektakel. Gemeinsam mit Mutter Daniela Günes hat er seine Schwester Hatife zum Schulbus gebracht und dann entschieden, zuzugucken. „Was sollte ich da machen?“, fragt Daniela Günes rhetorisch.