Café Tod: Weil es so lebensbejahend ist

Freundliche Atmosphäre: Petra Wolf (Mitte) mit Teilnehmern des zehnten "Café Tod" im Juni. Seit April 2018 finden diese regelmäßigen Treffen in Schildow statt.
Egon HomerDaran gezweifelt, ob überhaupt jemand ihrer Einladung folgt, habe sie nicht, sagt Petra Wolf. Tatsächlich waren alle zur Verfügung stehenden Plätze schnell besetzt, im Herbst und Winter gab es sogar Wartelisten. „Mehr als zwölf Personen sollten es in einer Gesprächsrunde nicht sein, denn schließlich möchte jeder zu Wort kommen“, so die Schildowerin. Allerdings erinnert sie sich auch an eine Dame, die mehrmals kam, nur um zuzuhören und sich anschließend dafür bedankte, nicht reden zu müssen.
Es geht ums Zuhören
Das ist eines der Grundprinzipien beim Cafè Tod: Nichts wird gewertet oder be- und verurteilt. Niemand wird mit klugen Ratschlägen überhäuft. Es geht ums Zuhören, ums Mitteilen und vielleicht auch darum, sich bewusst drei Stunden der Endlichkeit des Lebens zu widmen. Es geht aber auch ums gemeinsame Kuchenessen und Kaffeetrinken, denn nicht nur der Tod verbindet die Menschen, sondern auch gemeinsames essen und trinken. Zu jedem Treffen präsentiert die Gastgeberin Selbstgebackenes, mitunter bringt auch ein Gast etwas mit.
Waren es zu Beginn ausschließlich Frauen, die nach Schildow kamen, meldeten sich auch bald die ersten Männer bei Petra Wolf. Beim letzten Café vor der Sommerpause hielten sich beide Geschlechter die Waage. Die Themen, über die gesprochen wird, bestimmen die Teilnehmer selbst. „Jedes Mal bereite ich mich auf spezielle Schwerpunkte vor, um eventuellen Leerlauf zu überbrücken“, erzählt die Gastgeberin. Doch noch nicht einmal hat die 64-Jährige ihre Vorbereitungen benötigt. „Wir beginnen jeweils mit der Frage, warum jeder gekommen ist. Schon stehen verschiedene Themen im Raum und sorgen für ausreichend Gesprächsstoff.“ Viele ihrer Gäste haben nahe Angehörige verloren, erzählen von ihrem Umgang mit Trauer und Einsamkeit. Andere wollen sich schon zu Lebzeiten mit dem eigenen Tod beschäftigen. Man spricht über Beisetzungswünsche, den letzten Willen oder auch die Ängste vor dem Sterben. Junge Menschen wollen auf den Tod der Großeltern vorbereitet sein, oder sich als ehrenamtliche Sterbebegleiter engagieren.
„Interessant ist auch, wenn Krankenschwestern oder Hospizmitarbeiter von ihrem Arbeitsalltag berichten, der ja häufig mit Tod und Sterben zu tun hat.“ Im März hatte Petra Wolf die Autorin und Bestatterin Angela Fournes aus Berlin zu einer Lesung nach Schildow eingeladen. Zu dieser Veranstaltung im Gemeinderaum waren mehr als 20 Besucher erschienen.
Atmosphäre wird geschätzt
Die Gäste des Café Tod kommen aus Velten, Zehdenick, Hennigsdorf, Birkenwerder und Berlin. Nur wenige sind aus Schildow. Einige unter ihnen erscheinen zu jedem Termin, sie fiebern ihm schon förmlich entgegen. Dazu gehört Dr. Christine Radtke. Sie schätzt die Aufgeschlossenheit jeder Gesprächsrunde, das Mitgefühl, das Zuhören und auch manche Hilfestellung, obwohl Petra Wolf immer wieder betont, dass es sich beim Café Tod um keine Trauer- oder Selbsthilfegruppe handelt. Das gefällt auch Uta Ernst besonders gut. Außerdem genießt sie die private, geschützte Atmosphäre: „Alles, was erzählt wird, bleibt hier im Raum.“ Axel Schmidt hätte nach manchen Treffen gerne mit den Menschen weitergesprochen, „doch dann kommen sie nicht mehr“.
Es ist ein Kommen und Gehen. Bei jedem Treffen sitzen sich fremde Menschen gegenüber, die in kürzester Zeit zumindest für drei Stunden zu Vertrauten werden. Es wird geweint, aber auch viel gelacht. „Ich komme immer wieder gern, weil das Café Tod so lebensbejahend ist“, bringt es Heike Bunk auf den Punkt.
Anfragen aus dem ganzen Land
Inzwischen scheint das Café Tod in Schildow auch über den Landkreis Oberhavel hinaus bekannt zu werden. So kommen Anfragen aus ganz Deutschland, wie ein solches Treffen zu realisieren sei. Im September werden Sozialpädagogikstudenten der Universität Vechta (Niedersachsen) Berlin besuchen, um sich unter anderem auch über das Café Tod in Schildow zu informieren. Auf Bitte von Angela Fournes, die in Berlin das Erste Café Tod mitgegründet hat, wird Petra Wolf den Studenten von ihren Erfahrungen berichten. Für den Oktobertermin hat sich bereits eine Projektleiterin vom Malteser Hilfsdienst Magdeburg in Schildow angemeldet.
Weitere Termine für die Treffen nach der Sommerpause gibt es bereits. Sie sind am 7. September, 5. Oktober und 2. November (immer der erste Sonnabend im Monat) jeweils von 15 bis 18 Uhr in der Akazienstraße 10 in Schildow. Um Anmeldungen unter p.h.wolf@freenet.de oder 033056 74489 wird gebeten. Der Eintritt ist frei.
Das Konzept
Die Idee stammt vom Schweizer Soziologen und Museumsdirektor Bernard Crettaz, der 2004 erstmals ein "Café mortel" ins Leben rief.
Sechs Jahre später machte der Brite John Underwood aus der Idee ein soziales Franchise-Unternehmen, das "Death Cafe".
Aktuell gibt es weltweit 8 790 solcher Cafés in 65 Ländern. In Deutschland sind 56 Cafè Tod gelistet.
In Berlin hat Angela Fournes das Erste Cafè Tod mitgegründet.
Weitere Informationen gibt es unter www.deathcafe.com⇥red