Entwicklungshilfe: Britta Bäcker betreut operierte Kinder in Indien
Die Savanne im Bundesstaat Jharkhand im Nordosten Indiens: Staubtrockenes Klima und Hitze von bis zu 47 Grad im Schatten treffen auf die alles an die Oberfläche spülende Regenzeit. In der trockenen, kühlen Zeit Anfang des Jahres reist Britta Bäcker mehr als 30 Stunden zum „Ort der Hoffnung“ — so lautet die Übersetzung des Asha Vihar genannten Entwicklungshilfeprojektes, ins Leben gerufen von der Johar Gesellschaft.
Was 1995 mit dem Aufbau einer Akupunkturklinik begann, hat sich zu einem Gesundheitszentrum entwickelt. Es gibt ein Krankenhaus (Schwerpunkt: Schulmedizin, Akupunktur, Homöopathie, Ayurveda, Physiotherapie), ein Waisenheim, Außenstellen mit humanitären Aktionen und Bildungsprojekten. Und es gibt das jährliche OP–Camp, bei dem ein deutsches Ärzteteam Kinder mit Deformationen an den Gliedmaßen operiert.
Durch den Camp–Arzt Hans Georg Zechel ist Britta Bäcker auf das Projekt aufmerksam geworden. „Nachdem er einen Vortrag in den Sana Kliniken Sommerfeld gehalten hatte, dachte ich, das könnte etwas für mich sein“, sagt die 51–jährige Laborassistentin. Die Familie, gerade ihr Sohn, hatte Bedenken. Als sie von ihrer ersten Hilfsreise wieder kam, wusste sie jedoch: „Das ist es. Das will ich machen.“ Mittlerweile unterstützt ihre Familie sie.
18 Mal war sie inzwischen in Indien. Das deutsche OP–Team kümmert sich um Klumpfüße, andere Deformationen, X– und O–Beine. „In Deutschland werden die Fehlstellungen gleich operiert, in Indien ist das nicht möglich.“ Es gibt kein verlässlich funktionierendes Gesundheitssystem, die Kinder bleiben unbehandelt. „Gerade in den ländlichen Regionen gibt es weit und breit keinen Arzt.“ Britta Bäcker ist für die Nachsorge der jungen Patienten zuständig. Sie wechselt Verbände, überprüft Gipse, gibt Schmerzmittel, misst Fieber, achtet auf Entzündungen.
Die Patienten sind zwischen acht Monaten und 18 Jahren alt. Sie reisen aus ganz Indien in den hoffnungsvollen Ort Asha Vihar, um sich behandeln zu lassen. „Die Eltern wissen um die hohe Qualität der deutschen Ärzte.“ Die OP–Kosten beginnen bei 50 Euro. „Bei Familien, die ganz arm sind, wird auch kostenlos operiert“, sagt Britta Bäcker. „In diesem Jahr waren es 26 Kinder, denen wir einen Start in ein netteres Leben ermöglichen konnten, ja, denen wir die Chance gaben, überhaupt laufen zu können.“
Zwei bis drei Wochen verbringt sie jedes Jahr in Indien — auf ihre eigenen Kosten. „Ich lebe dort extra intensiv, kann alles andere ausblenden.“ Mentalität, Kultur, Umweltbewusstsein, Arbeitseinstellung — in Indien sei alles anders, die Schnittstellen mit Deutschland sind marginal. „Aber wer sagt, dass unsere Art besser ist? Die Inder leben dort mit viel weniger oft glücklicher.“ Doch sie stößt auch auf eine Art Gleichgültigkeit, die schwer nachvollziehbar erscheint. „Ein reicher indischer Arzt, würde nie arme Kinder behandeln“, sagt sie über die oftmals streng gelebte indische Hierarchie.
Für die Kremmenerin sind die Reisen Blicke über den Tellerrand und Entwicklungshilfe in einem. „Es ist erstaunlich, unter welchen einfachen Bedingen dort gelebt wird, oft ohne Wasser und Strom.“ Die Aufenthalte seien mitunter hart. Die Nächste sind kalt und entbehrungsreich. Doch Britta Bäcker, pragmatisch veranlagt, kann das ausblenden. Sie sieht ihr Ehrenamt als eine Art Erdung an.
Dafür bildet sie sich ständig weiter. Neben ihrem Hauptjob im Labor der Oranienburger Klinik — zuvor war sie mehr als 30 Jahre in Sommerfeld als Laborassistentin angestellt –, arbeitet sie seit elf Jahren nebenbei in den Sana Kliniken als OP–Helferin. Mit den Arbeitgebern sei das alles abgesprochen. „Ich brauche diese Erfahrung für Indien, die Kollegen in Sommerfeld haben mir schon viel beigebracht“, sagt sie.
Während ihres Aufenthalts im Projekt Asha Vihar isst, arbeitet, schläft und lebt sie in der Klinik, genießt in ruhigen Momenten die eindrucksvollen Sonnenaufgänge, die Abende mit den Kollegen. Wenn Britta Bäcker von ihrem Engagement berichtet, klingt es wie eine Selbstverständlichkeit. Sie will und muss sich nicht profilieren, Altruismus und eine kleine Portion Abenteuerlust treiben sie an.





