Gedenken: Stolpersteine erinnern jetzt an Familie Tannenbaum
Für Harlan Mandel ist es ein sehr emotionaler Moment. Seit Donnerstag erinnern drei Stolpersteine an seine Oranienburger Vorfahren. Vor dem Haus Bernauer Straße 61 sind auf den Messingplatten die Namen von Jacob und Anna sowie ihrer Tochter Ellen Tannenbaum zu lesen. Ellen war die Mutter von Harlan Mandel, der mit Kindern und Enkeln aus den USA angereist ist. Ellen und Anna verließen Nazi–Deutschland 1940 über Genua nach New York.
Ausreise gegen Vermögen
Jacob Tannenbaum betrieb in der Berliner Straße ein Niedrigpreisgeschäft, das in der Pogromnacht 1938 geschändet wurde. Für einige Wochen nahmen ihn die NS–Machthaber im KZ Sachsenhausen in Schutzhaft und drängten ihn, das Land zu verlassen. Unter der Bedingung, dass er sein Vermögen dem Nazi–Staat vermacht, durfte er ausreisen. Er verließ Oranienburg schon 1939 in Richtung El Salvador. Erst in den 1940er–Jahren kam die Familie in den USA wieder zusammen.
Gunter Demnig, der Kölner Künstler und „Vater“ der Stolpersteine, erledigte im Regen auch noch einen zweiten Auftrag in Oranienburg, wo inzwischen 67 Stolpersteine an das Schicksal überwiegend ehemaliger jüdischer Mitbürger erinnern. Auf der Schlossbrücke ist ein Stein für Helmuth Lewinsohn dazugekommen.
Neun Steine der Erinnerung sind dort bereits ins Pflaster des Gehweges eingelassen, darunter einer für Klara Lewinsohn, der Ehefrau von Helmuth. Das Haus, in dem ursprünglich die Familie Abraham lebte, die ins Warschauer Ghetto deportiert wurde, steht nicht mehr. Klara Lewinsohn lebte auch in diesem Haus. Sie wurde nach Riga verschleppt und ist dort vermutlich erschossen worden. Helmuth Lewinsohn konnte mit seinen Töchtern, die in Wriezen auf ihn warteten, Deutschland verlassen und nach Bolivien ausreisen. Ob sie dort unversehrt angekommen sind, ist allerdings nicht belegt.
Einen Gedenkstein für Moritz Letzter, der gestern ebenfalls hätte auf der Schlossbrücke gesetzt werden sollen, hatte Gunter Demnig noch nicht dabei. Bei 75 000 Stolpersteinen, die er inzwischen verlegt hat, kann das schon mal passieren. „Das holen wir aber nach. Da ist wohl etwas schiefgelaufen“, sagt Minette von Krosigk, die das Projekt Stolpersteine in Oranienburg leitet.
Stadtverordnetenvorsteher Dirk Blettermann (SPD) dankte Minette von Krosigk für ihr Engagement, warnte vor erstarkendem Rechtsextremismus und mahnte zur Wachsamkeit. Oranienburgs Finanzdezernent Christoph Schmidt–Jansa (CDU) lobte das Projekt Stolpersteine, die als stumme Zeugen Oranienburger Menschenschicksale vor dem Vergessen bewahren, und sicherte die weitere Unterstützung der Stadt zu.
Harlan Mandel und seine Angehörigen zeigten sich sehr gerührt, wie in Oranienburg an Menschen gedacht werde, die das Land vor 80 Jahren verlassen mussten oder sogar ermordet wurden. "Vielen Dank für diese Erinnerungen“, sagt er.

