Gedenken: Todesmarsch der KZ-Häftlinge vor 75 Jahren – und das Dorf schaute zu

16 000 Häftlinge wurden in den Wäldern um Below gefangengehalten.
Jens Büttner/dpaMehr als 33 000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen wurden mit der Lagerräumung im April 1945 von ihren SS-Bewachern übers Land Richtung Nordwesten getrieben, auf einer schmalen Linie zwischen den Fronten der Westalliierten und der Roten Armee.
40 Kilometer pro Tag
Bis zu ihrer Befreiung von der sowjetischen oder von der amerikanischen Armee mussten die Häftlinge täglich bis zu 40 Kilometer laufen. Die Schwächsten wurden schon vorher im Lager umgebracht. Doch der Tod lief weiter mit: „Wer nicht mehr weiter marschieren konnte, wurde von der SS erschossen oder erschlagen. Das Gleiche drohte den Häftlingen bei dem Versuch, sich am Wegesrand mit Wasser oder Nahrung zu versorgen“, heißt es auf einer Seite der Brandenburgischen Gedenkstätten.
Der Todesmarsch führte auch durch die Dörfer Hohenbruch, Sommerfeld und Beetz. Das Dorf sah zu. Oft gleichgültig. Nur wenige boten Hilfen an. Kremmens Stadtverordneter Reiner Tietz (Linke) weiß, dass die Zeitzeugen wegsterben oder schon gestorben sind. Am 17. April sollte am Gedenkort im Dorf – seit 2000 wird alle fünf Jahre gedacht – an den Todesmarsch erinnert werden, der ehemalige Gedenkstättenleiter und Stiftungsdirektor Professor Günter Morsch sollte im Anschluss zu einem Gedankenaustausch einladen. Beides fällt nun aus. Das Gedenken wird still, der Austausch nachgeholt.
Pfarrer Thomas Triebler will die Erinnerung unbedingt am Leben erhalten und nicht nur als Ereignis in Geschichtsbüchern verankert wissen. Es habe ihn „sehr bewegt“, als er vor Jahren von Günter Morsch erfuhr, dass Oranienburgs Stadtverordnete damals ein Schriftstück an Hitler aufgesetzt hatten mit der Bitte, das KZ nicht zu schließen. Trotz der Proklamation „Nie wieder Faschismus“ haben sich später im Osten rechtsradikale Tendenzen entwickelt, sagt er. In den 1990er-Jahren brachen die Tendenzen in Taten aus. Günter Morsch sollte einen Weg aufzeigen, wie aus der Geschichte gelernt werden könne, so Triebler. „Die öffentliche Aufmerksamkeit muss erhalten bleiben“, sagt Reiner Tietz und blickt besorgt auf ein „gegenwärtiges Aufkommen rechtsextremer Handlungen in der Gesellschaft“.
Kinder bewarfen die Häftlinge mit Steinen
Der inzwischen verstorbene Holocaust-Überlebende Zwi Helmut Steinitz, der mehrere NS-Vernichtungslager und den Todesmarsch überlebte, war 2015 in Sommerfeld zu Gast. Auf der Seite der Gedenkstätte zum Belower Wald wird er mit folgender Erinnerung an den Todesmarsch zitiert: "In einigen Ortschaften standen aufgehetzte Kinder an der Straße, beschimpften und bewarfen uns mit Steinen: In ihren Augen waren wir anscheinend immer noch jüdische Todfeinde des deutschen Volkes."⇥red