Geschichte
: Heinkel-Außenlager galt als KZ-Werk

Das Heinkel Flugzeugwerk Oranienburg beschäftigte sehr früh und am Ende besonders viele KZ-Häftlinge. In dieser Beziehung galt es als Vorzeigebetrieb und KZ-Werk.
Von
Friedhelm Brennecke
Oranienburg
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  • Eigenwillige Geschichtsschreibung: Ernst Heinkel versuchte, sich reinzuwaschen, wollte nicht mit dem NS-Regime verstrickt sein. Hier ein Auszug aus seiner Biografie.

    Eigenwillige Geschichtsschreibung: Ernst Heinkel versuchte, sich reinzuwaschen, wollte nicht mit dem NS-Regime verstrickt sein. Hier ein Auszug aus seiner Biografie.

    Friedhelm Brennecke
  • Referierte in Leegebruch: Dr. Roman Fröhlich aus Berlin

    Referierte in Leegebruch: Dr. Roman Fröhlich aus Berlin

    Friedhelm Brennecke
  • Erinnerte sich als Zeitzeuge: Horst Exner, Schmachtenhagen

    Erinnerte sich als Zeitzeuge: Horst Exner, Schmachtenhagen

    Friedhelm Brennecke
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Wir hatten ein gutes Verhältnis, soweit  das unter den besonderen Bedingungen im Außenlager Heinkel überhaupt möglich war“, sagt Horst Exner.  Der 92-Jährige hatte von 1942 bis 1945 im Heinkel-Flugzeugwerk Oranienburg (HWO) Werkzeugmacher gelernt und arbeitete seit  Januar 1945 bis zum Kriegsende als solcher mit zwei holländischen KZ-Häftlingen zusammen.  „Das Ganze hatte natürlich vormilitärischen Charakter. Es musste täglich zu Appellen angetreten werden“, erinnert sich der Schmachtenhagener, der mit Militär nicht viel im Sinn hatte. Solange die Arbeit einigermaßen erfolgreich erledigt worden sei, habe es seiner Beobachtung nach keine Probleme mit den Meistern, die alle NS-Parteigenossen gewesen seien, und dem von der SS geschulten Werkschutz gegeben.

Drakonische Strafen

Geprügelt  worden sei öfters, allerdings auf den Toiletten, wenn KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter sich dort länger aufhielten oder bei Gesprächen mit anderen Werksangehörigen erwischt wurden. „Man musste schon vorsichtig sein, durfte über die rein dienstliche Zusammenarbeit  keinen persönlichen Kontakt zu den Zwangsarbeitern haben“, sagt Exner. Er habe einmal einen Brief eines seiner holländischen  KZ-Zwangsarbeiter  aus dem von der SS militärisch gesicherten Werksgelände geschmuggelt. „Da habe ich schon richtig Angst ausgestanden“, sagt Exner. Er sei dabei nicht erwischt worden, habe also viel Glück gehabt.

Anders erging es indessen auch zivilen Kräften, die bei solchen Handlungen ertappt worden seien.  Die kamen dann meist ihrerseits zur Haft ins KZ Sachsenhausen.  Die volle Härte der drakonischen und oft willkürlichen Bestrafungsmaßnahmen bekamen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter vom Werkschutz dann zu spüren, wenn ihnen Sabotage vorgeworfen wurde - und das manchmal wohl auch rein willkürlich. Drei französische KZ-Häftlinge seien deswegen erhängt worden. „Ihre Leichen hingen zur Abschreckung mehrere Tage auf dem Werksgelände“, erinnert sich Exner, der nach dem Krieg zunächst noch als Werkzeugmacher arbeitete und später für Werkzeugmaschinen im DDR-Außenhandel tätig war.

Mit der Frage, wie der Häftlingseinsatz überhaupt zustande kam und wer dafür die Verantwortung trug, hat sich Dr. Roman Fröhlich in seiner Dissertation und in seinem Buch „Der Häftlingseinsatz wurde befohlen“ näher beschäftigt. Auf Einladung des Geschichtsvereins Leegebruch referierte er zu diesen Themen vor rund 50 Interessierten in der Gemeinde, die neben der Weißen Stadt in Oranienburg zur wichtigsten Siedlung von Heinkel-Beschäftigten wurde.

Der Einsatz von KZ-Häftlingen sei bis 1942 in vielen Industriebetrieben abgelehnt worden. „Anders sah dies freilich bei Ernst Heinkel aus, der seit 1933NSDAP-Mitglied war“, sagt Fröhlich. Schon ab August 1940 habe Heinkel KZ-Häftlinge in seinem gerade gekauften Oranienburger Werk eingesetzt. Anfangs waren das 150 bis 900 Häftlinge in Kommandos für den Bau.

Als andere Rüstungsbetriebe noch auf den Einsatz von KZ-Häftlingen verzichtet hätten, forcierte Heinkel deren Einsatz ab August 1942, sodass gerade das HWO als Vorreiter und Vorzeigebetrieb galt, was den Häftlingseinsatz betraf, sagt Fröhlich. Druck lag dazu seitens der SS wohl nicht vor. Heinkel habe bewusst auf Häftlinge aus dem nahen KZ-Sachsenhausen zurückgegriffen und deren Einsatz bis zur maßlosen Ausbeutung und zur maximalen Steigerung der Wirtschaftlichkeit seines Luftfahrtunternehmens betrieben, hat Fröhlich bei seinen Forschungen festgestellt.

Im März 1944 sei jeder zweite Beschäftigte im Oranienburger Heinkelwerk zur Arbeit gezwungen worden. Von den gut 48 000 Beschäftigten der Ernst Heinkel AG - also aller Heinkel-Werke - waren mehr als 26 000 zivile Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.

Sicher habe es unterschiedliche Phasen von Häftlingseinsätzen gegeben, so Fröhlich. Teilweise seien KZ-Häftlinge im HWO besser behandelt worden als im KZ und in anderen Außenlagern des KZ-Sachsenhausen, etwa des als Todeslager gefürchteten Klinkerwerks. Facharbeiter für die Flugzeugproduktion hätten bessere Existenzchancen gehabt als ungelernte Kräfte. Da im HWO die Lagerordnung des KZ-Sachsenhausen mit Totalüberwachung galt, waren Willkür, Gewalt und Terror Tür und Tor geöffnet. Wie damit umgegangen wurde, lag im individuellen Verhalten der Wachmänner und Vorarbeiter. Es habe solche gegeben, die sich vergleichsweise human verhalten hätten, aber auch skrupellose und brutale Männer, die ihre Stellung genutzt hätten, um Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zu demütigen, zu quälen und zu töten. Auch Mordaktionen im Außenlager Heinkel, das als KZ-Werk galt, habe es gegeben. so Fröhlich.

Ernst Heinkel selbst wurde nach dem Krieg zunächst als „Mitläufer des NS-Regimes“ eingestuft. Nach einem Berufungsverfahren galt er als „Entlasteter“. Verantwortung für den von ihm forcierten Einsatz von KZ-Häftlingen hat er nie übernommen. Er sei zwar Parteigenosse, aber nie Nazi gewesen. Im Gegenteil: Er sei doch als Antifaschist bekannt, hatte er in einem Brief der  Entnazifizierungsbehörde mitgeteilt.

Geschichtsverein Leegebruch

Der Geschichtsverein Leegebruch besteht seit 15 Jahren. Das nimmt er zum Anlass für eine Veranstaltungsreihe über Regionalgeschichte.

Am 17. März gibt es den nächsten Vortrag. Vereinsvorsitzender Dr. Norbert Rohde referiert um 19 Uhr im Gemeindezentrum zum Thema "Schatten über Leegebruch. Eine Reflektion auf die Beziehung Leegebruchs zum Heinkel Flugzeugwerk".⇥bren