Als er zwölf Jahre alt war, nahm Mustafa Mohammadi aus Afghanistan mit zwei Cousins eine gefährliche Fluchtroute nach Europa in Kauf, um der islamisch-fundamentalistischen Taliban-Bewegung zu entkommen. Heute ist der mittlerweile 17-Jährige ein waschechter Oranienburger. Einer mit einer Perspektive: Mustafa Mohammadi ist einer von sieben Brandenburgern, die für ein Bildungsstipendium der Start-Stiftung für herausragende Schülerinnen und Schüler mit Migrationserfahrung ausgewählt wurden.

Vier Jahre kickte Mustafa beim TuS Sachsenhausen

Drei Jahre wird Mustafa – das Du bietet ihm der Redakteur an, er nimmt lächelnd an – mit dem Programm der Start-Stiftung gefördert. „Mein Cousin hat seit einem Jahr das Stipendium“, erzählt er, wie er darauf aufmerksam geworden ist. „Ich dachte, ich probiere es auch.“ Bei seinem Cousin hat er gesehen: „Man trifft sich mit Menschen aus verschiedenen Ländern, die die gleichen Ziele haben. Mit Menschen, die dich verstehen.“ Die Stipendiaten bekommen 1.000 Euro Bildungsgeld im Jahr, zweckgebunden für Materialien, Kulturausflüge und Klassenfahrten.
Laut Start-Stiftung sei für die Stipendien-Auswahl der Wille entscheidend, etwas in der Gesellschaft bewegen zu wollen. Mustafa will das. „Ich möchte in Oranienburg auf die Integration eingehen, zeigen, wie man sich gegenseitig unterstützen und verständigen kann“, so der ehemalige TuS-Kicker. Jeweils zwei Jahre spielte er beim TuS Sachenhausen in der B- und der C-Jugend. „Ich hatte verschiedene Positionen. Mittelfeld, Flügel, aber auch Stürmer.“

In Afghanistan drohten Folter und Tod durch die Taliban

Ende 2015 kam Mustafa mit zwei Cousins als minderjähriger, unbegleiteter Geflüchteter nach Deutschland. Afghanistan wurde für ihn als jungen Mann zu gefährlich. Es drohten Folter und Tod, sollte er sich der Rekrutierung der Terrorgruppe Taliban widersetzen. „Es war die richtige Entscheidung, hierher zu kommen“, sagt Mustafa. Auch wenn er mit seinen Eltern nur alle paar Monate am Telefon Kontakt hat. „Sie sagen, die Lage dort ist schlimmer geworden.“
In Deutschland angekommen, landete er in Bayern, kam nach Frankfurt und schließlich nach Oranienburg. „Sechs Monate lang konnte ich im Kinderheim erst gar nichts machen“, erinnert er sich. Er sprach kein Wort Deutsch. Nach einem zwei-, dreimonatigem Deutschkurs, stand fest: „Ich durfte aufs Gymnasium.“ Mustafa lernt schnell. Mittlerweile ist er in der 11. Klasse am Louise-Henriette-Gymnasium. „Ich bin sehr glücklich in der Schule und mit meiner Klasse. Alle sind sehr offen und gute Menschen.“ Sein einer Cousin ist im gleichen Jahrgang, der zweite macht eine Ausbildung bei der OVG.

„Es ist ein Geschenk“, sagt seine Pflegemutter

Seit Januar 2018 lebt er offiziell in einer Pflegefamilie. „Für uns ist das ein Geschenk“, sagt Pflegemutter Petra Krafscheck. Sie ist auch der Vormund von Mustafa. „Meine Tochter hat erst einen Cousin, dann später Mustafa mit nach Hause gebracht“, erinnert sich an den Anfang. „Es hat sich entwickelt, ist immer enger zusammengewachsen.“
Für sie und die gesamte Familie stand fest: Ein Kinderhaus kann die „schulische und seelische Unterstützung“ einer Familie nicht ersetzen. Familie Krafscheck nahm die Cousins auf. „Sie brauchen Sicherheit und einen Ort, wo sie einfach nur normale Jugendliche sein dürfen.“

Fan von Hulk, Thor und Captain America

Mustafa will sich nun – auch mit Hilfe des Bildungsstipendiums – auf seinen Abschluss konzentrieren. Und danach? „Ich würde gerne Sachen machen, die nicht da sind“, erklärt er seinen Berufswunsch Visual Effects Artists. Er liebt die Superheldenfilme des Marvel-Universums: Spider-Man, Hulk, Iron Man, Captain America, Groot. „Spezialeffekte faszinieren und inspirieren mich. Vielleicht kann ich irgendwann mal die deutsche Filmbranche in dem Bereich voranbringen.“ Er lacht breit. Unbeschwert und frei. Fünf Jahre nach seiner gefährlichen Flucht kann sich Mustafa Mohammadi in einem sicheren Zuhause den neuesten Thor-Streifen ansehen und sich auf sein Abitur vorbereiten. Er hat eine Perspektive.

Unter mehr als 1.000 Bewerberinnen und Bewerbern durchgesetzt


183 Stipendiatinnen und Stipendiaten wurden dieses Jahr von der Start-Stiftung ausgewählt, bundesweit gibt es aktuell 495. Durch die Corona-Einschränkungen wurde für 165 Jugendliche das Stipendium verlängert.

Mustafa Mohammadi konnte sich als gegen mehr als 1.000 Bewerberinnen und Bewerber durchsetzen. In Brandenburg erhielten in diesem Jahr drei junge Frauen und vier junge Männer das dreijährige Stipendium.

Die Start-Stiftung finanziert Workshops, Akademien, Ausflüge, einen digitalen Campus. Das Stipendium soll Jugendlichen mit Migrationshintergrund helfen, „ihr Potenzial zu entfalten und ihr Selbstbewusstsein zu stärken“, fasst Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) die Ziele in einer Mitteilung zusammen.

Das Stipendium gibt es seit 2002. Bisher haben laut eigener Aussage 3.000 Jugendliche mit Migrationserfahrung am Programm teilgenommen.