Interview: „Ich sitze auf dem Platz von Dietmar Woidke“
Herr Grimm, in Ihrem Lebenslauf steht: Geburtsort – Jerusalem. Wie kommt es, dass Sie dort geboren sind?
Meine Eltern haben einige Jahre in Betlehem in Palästina an einer Schule Deutsch unterrichtet. Im letzten Jahr bin ich in einem Krankenhaus in Jerusalem geboren. So kann ich mich also nicht wirklich daran erinnern. Aber wir haben Jahre später mit der ganzen Familie, mit den Eltern, meiner Frau und meinem Bruder eine Reise dorthin gemacht und die verschiedenen Stationen besucht. Das war sehr berührend. Wir konnten uns dann viel besser vorstellen, was unsere Eltern vorher nur erzählt haben.
Bethlehem ist ja fast eine Vorstadt von Jerusalem, liegt aber auf palästinensischem Gebiet. Wie war das?
Meine Eltern waren an der deutschen Schule in Betlehem, aber ihr Freundeskreis erstreckte sich bis nach Jerusalem, weil sie sich dort in der evangelischen Kirchengemeinde engagiert haben. Sie haben bis heute Freunde auf beiden Seiten, die wir auch besucht haben. Ich fühle mich dem Land tatsächlich sehr verbunden und leide mit wegen der politischen Situation und des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern. Durch die Mauer und die Kontrollen ist es von Jerusalem nach Betlehem eine kleine Weltreise wie vor dem Mauerfall zwischen Berlin und Hohen Neuendorf.
Wie fiel damals die Wahl auf Bethlehem? Spielte der Ort als Geburtsort Jesu eine Rolle?
Nein, meine Mutter suchte nach einer Herausforderung und hat das entschieden. Meine Eltern sind damals von West-Berlin aus in den Nahen Osten gegangen und später auch nach West-Berlin zurückgekehrt. 1997 – da war ich 13 Jahre alt – sind wir nach Schönfließ gezogen. Dort bin ich aufgewachsen. In der Bieselheide haben mein jüngerer Bruder und ich Baumhäuser gebaut und die Natur sehr genossen.
Wie wurde früher bei Ihnen zu Hause Weihnachten gefeiert?
Es gab immer Kartoffelsalat mit Wienern. Wir sind nachmittags in die Kirche gegangen, dann sind wir hoch auf unsere Zimmer und meine Eltern haben die Geschenke unter den Baum gelegt, der immer echte Kerzen hatte. Dann läutete eine Glocke und es wurde reihum ausgepackt, sodass es sich manchmal lange hingezogen hat. Häufig war meine Oma dabei.
Und wie feiern Sie heute mit ihrer Familie in Hohen Neuendorf? Sie haben zwei kleine Kinder. Anton ist vier, Amelie ist ein halbes Jahr alt.
Es ist jedes Jahr ein bisschen anders. Seit zwei Jahren feiern wir bei uns zu Hause. Dieses Mal kommt meine Schwiegermutter, mit der ich mich – anders, als man das bei anderen manchmal mitbekommt – sehr gut vertrage. Irgendwann fanden mein Bruder und ich Würstchen mit Kartoffelsalat ein wenig puristisch, deshalb sind wir auf Raclette umgestiegen. Aber jetzt, wo wir es selbst machen müssen, ist es eine Überlegung wert, wieder auf Kartoffelsalat und Würstchen umzusteigen. Aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was meine Frau mit ihrer Mutter vereinbart hat. Der eifrigste Kirchgänger bin ich nicht, mal sehen, ob wir das mit der Familie schaffen. Am ersten Feiertag sind wir dann bei meinen Eltern und es gibt vermutlich Gans zu essen.
Wie sieht der Baum bei Ihnen aus? Echt oder künstlich?
Es ist eine schöne Tanne, die habe ich am dritten Adventswochenende geholt. Der Baum ist bereits aufgestellt. Ich habe die Lichterkette drangemacht – elektrische Kerzen, alles andere ist mir zu riskant. Und meine Frau und mein Sohn haben den Baum geschmückt. Der Baumschmuck ist sehr ökologisch, die Kugeln sehen aus, als wären sie mit einer Schnur umwickelt. Als ich gesagt habe, das sei Öko-Baumschmuck, war meine Frau etwas beleidigt. Aber es sieht wirklich sehr schön aus.
Wird bei Ihnen über Weihnachten auch ferngesehen?
Bestimmt. Unsere Kinder sind da nicht so versessen drauf. Aber wenn die im Bett sind, machen wir uns auch schon mal einen Film an. Aber es gibt kein Pflichtprogramm. Außer zu Silvester: Da wird „Dinner for one“ gesehen.
Wie gelingt es Ihnen, die wenige Zeit mit der Familie auch als Familienzeit zu nutzen.
Wenn ich nicht arbeite, gehört meine Zeit fast ausschließlich der Familie. Ich treffe mich nur noch wenig mit Freunden – leider. Normalerweise bin ich am Wochenende zu Hause. In der Woche versuche ich, an ein bis zwei Abenden die Kinder mit ins Bett zu bringen. Auch wenn ich müde bin, versuche ich für sie da zu sein.
Kommen Sie mit Ihren beiden kleinen Kindern zu genug Schlaf?
Schlaf ist unheimlich wichtig, die Arbeitstage sind lang und fordernd. Manchmal bin ich doch ganz schön kaputt. Aber meine Frau und ich haben uns das gut aufgeteilt, sie kümmert sich nachts um die kleine Tochter und ich um unseren Sohn.
Wie oft prüfen Sie Ihre Mails am Tag?
Jedenfalls nicht permanent. Es ist besser, das auf einen Schwung zu machen, als sich permanent davon ablenken zu lassen. Ich nutze lieber mal eine ruhige Stunde dafür, zum Beispiel die Autofahrten.
Sind Sie oft unterwegs?
Meine Tätigkeit ist eher nach innen ausgerichtet. Ich bin in der Staatskanzlei für das gesamte Haus mit knapp 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verantwortlich. Außerdem besetze ich in der Staatskanzlei das Thema Digitalisierung und bin für die Medien zuständig. Das bedeutet auch die Arbeit im Rundfunkrat – damit sind Reisen verbunden.
Sind Sie mit 35 Jahren der jüngste Staatssekretär in der brandenburgischen Landesregierung?
Ich denke schon. Dienstags trifft sich immer das Kabinett. Einen Tag zuvor sitzen zur Vorbereitung die Staatssekretäre am Kabinettstisch und beraten sich. Dann sitze ich auf dem Platz von Dietmar Woidke. Als ich das erste Mal dort saß und die Reihen entlang schaute, war das schon ein ganz besonderes Gefühl. Es ist eine Ehre für mich und sehr erfüllend. Aber ich habe auch großen Respekt vor der Aufgabe und empfinde es als Privileg.
Wie ist der Tonfall in der Kenia-Koalition am Tisch?
Freundlich. Es herrscht eine Aufbruchsstimmung. Ich persönlich finde mich gut in diesem Bündnis wieder. Zusammenhalt, Sicherheit, Nachhaltigkeit – das sind alles Punkte, mit denen ich mich inhaltlich identifizieren kann.
Wie haben Ihre Freunde reagiert, als sie hörten, dass Sie Staatssekretär werden?
Überrascht. Ich persönlich war ja schon sehr überrascht, als ich gefragt wurde. Denn ich habe nicht darauf hingearbeitet. Ich hatte meinen Schwerpunkt auf meine Tätigkeit als Anwalt gelegt. Aber alle haben sich sehr mit mir gefreut. Ich hoffe jetzt, dass wir uns trotzdem noch regelmäßig sehen.
Zur Person
Geboren wurde Benjamin Grimm am 26. November 1984 in Jerusalem.
Studium der Rechtswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und derHumboldt-Universität zu Berlin.Erstes Juristisches Staatsexamen 2009, Zweites Juristisches Staats-examen 2011
Master in Laws des Trinity College Dublin 2012
Promotion 2016
2013 bis 2019 Tätigkeit als Rechtsanwalt
Seit 3. Dezember 2019 Staatssekretär in der Staatskanzlei des Landes Brandenburg, Beauftragter für Medien und Digitalisierung
Benjamin Grimm ist verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter.⇥red

