Krankenhaus
: Wenn der Roboter bei der Knie-OP hilft

Eine Million Euro lässt sich der Sana Konzern die Technik in Sommerfeld kosten. Bisher ist der Assistent in Berlin und Brandenburg einzigartig.
Von
Marco Winkler
Sommerfeld
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  • Setzen auf ihre jahrelange OP-Erfahrung: Prof. Dr. Andreas Halder, der Ärztliche Direktor und Chefarzt (rechts), und Dr. Daniel Schrednitzki, Leitender Oberarzt der Klinik für operative Orthopädie, überlassen dem Roboter nicht das letzte Wort.

    Setzen auf ihre jahrelange OP-Erfahrung: Prof. Dr. Andreas Halder, der Ärztliche Direktor und Chefarzt (rechts), und Dr. Daniel Schrednitzki, Leitender Oberarzt der Klinik für operative Orthopädie, überlassen dem Roboter nicht das letzte Wort.

    Marco Winkler
  • Pilotprojekt im Sana Konzern: Die medizinische Neuheit ist seit einem halben Jahr erfolgreich im Einsatz.

    Pilotprojekt im Sana Konzern: Die medizinische Neuheit ist seit einem halben Jahr erfolgreich im Einsatz.

    Sana Kliniken
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Roboter sind im Bereich der Endoprothetik kein neues Feld. „Vor 20 Jahren gab es den Versuch, mit Robotern künstliche Hüftgelenke zu implantieren“, sagt Prof. Dr. Andreas Halder. „Damals ist der Versuch gescheitert, weil der Roboter auf die Weichteile an der Hüfte wenig Rücksicht nahm“, so der Ärztliche Direktor der Sana Kliniken Sommerfeld. Die Maschine habe „fröhlich gefräst“, ohne feste und weichere Knochen zu unterscheiden. Die Hüfte sei danach nicht so kräftig und gut beweglich gewesen wie normal. „Und durch die stumpfe Fräsrichtung saßen die Implantate nicht optimal.“ Genau von dieser korrekten Position des Gelenkersatzes hänge jede Operation ab. Im Bereich der Knie-OPs ist die Technik mittlerweile viel weiter. Hier setzt der OP-Roboter in Sommerfeld ein.

Das bessere Navi

Andreas Halder vergleicht ihn – noch hat er keinen Namen, in anderen Kliniken heißt er „Rosa“ oder „Navio“ – gerne mit einem Navigationssystem. „Das sagt einem, wo es langgeht, aber es lenkt nicht selbst.“ Der Roboter geht einen Schritt weiter Richtung autonomes Fahren. „Wenn sie ihm sagen, er soll rechts fahren, und es dann bestätigen, fährt er nach rechts.“ So einer neuen Technik habe man sich in den Sana Kliniken nicht verschließen wollen.

Nachdem die Chirurgen das Knie meist älterer Patienten freigelegt haben, werden die für die Orientierung des Roboters notwendigen Tracker fest am Knochen installiert. Das sind sternförmig aufgespannte Kugeln. Die Infrarotkamera des Roboters – die wie eine Lampe beim Zahnarzt die OP beobachtet – nimmt die Position der Tracker auf und teilt dem Roboter mit, wie die Prothese sitzen soll. Durch die Tracker werden unter anderem Gelenkhöhe und -drehung sowie Beinachse übermittelt. Sehr vereinfacht gesprochen zumindest.

„Jeder Schritt wird mit dem Roboter abgestimmt und bestätigt“, sagt Andreas Halder. Bei O- oder X-Beinen muss die Prothese nicht immer „schnurgerade“ sitzen. Das weiß der in dieser Funktion schwächelnde Roboter aber nicht. „Wir müssen es ihm mitteilen.“ Am Ende führt der Chirurg die OP durch, der Roboter lenkt die Fräse lediglich millimetergenau. Präzision sei beim komplexen Roll-Gleich-Mechanismus des Knies äußerst wichtig.

Zwei unterschiedliche Variationen der neuen Robotik gibt es auf dem Markt. Bei der einen wird vor der OP die Schnittbilddiagnostik (MRT oder CT) durchgeführt, sodass der Roboter ein dreidimensionales Bild des Kniegelenks speichern kann. Der Roboter weiß so über den individuellen Patienten Bescheid. „Der Nachteil ist, dass die Vorbereitung lange dauert, teuer ist und die Patienten durch ein CT einer Strahlenbelastung ausgesetzt sind“, sagt Andreas Halder.

In Sommerfeld wird deshalb mit Variante zwei gearbeitet: dem Roboter ohne 3D-Bild. Deshalb auch die Tracker als Orientierungspunkte. „Mit seinem Schema-Bild sagt der Roboter dann: Diese Punkte rekonstruiere ich.“ Das spare Vorbereitungszeit; auf die Strahlung durch ein CT könne verzichtet werden. „Der Nachteil ist natürlich, dass der Roboter nicht die individuelle Anatomie hat. Aber das ist in dem Fall nicht wirklich entscheidend.“

Der Roboter fräst und schneidet zu keiner Zeit selbstständig und ohne menschliche Hand. „Das wäre etwas unheimlich“, sagt Andreas Halder. „Bei uns führt er die Hand.“ Per Pedal kann der Arzt das Fräsen ausführen. Kommt er in einen Bereich, der nicht gefräst werden soll, „dann fräst der Roboter auch nicht.“

Zwingend notwendig ist der Roboter nicht wirklich. 3 000 Knieprothesen werden in Sommerfeld jährlich implantiert. „Meines Wissens nach macht nur die Endo-Klinik in Hamburg mehr“, sagt Halder. „Mit normalen Instrumenten können wir 99 Prozent der Implantate gut einsetzen.“ Die Frage ist nun: Lohnt sich die neue Technik wegen eines Prozentpunktes? „Das bleibt abzuwarten“, sagt Halder. In der Fachliteratur werde zwar davon ausgegangen, dass „genauer“ gleichbedeutend mit „besser“ ist. Auch Herstellerfirmen solcher Roboter schwören natürlich auf diese Annahme. „Aber ein wissenschaftlicher Beweis existiert bisher nicht.“ Die Prozedur sei aufwendiger, beanspruche mehr Zeit, erfordere zusätzliches Material wie die Tracker. „Aber ein Quäntchen mehr Präzision kann eben auch mal ein Ergebnis verbessern.“

Klinik übernimmt Kosten

In Sommerfeld ist man im ersten Schritt überzeugt von der neuen Technik. „Wir haben bisher gute Ergebnisse erzielt.“ Die Patienten haben vor der OP das letzte Wort. „Am Anfang war es speziell, aber es hat sich eingespielt“, berichtet Jonas Elias von der OP-Leitung und -Koordination. Mit den Patienten werde alles im Vorfeld besprochen. Niemand müsse den Roboter, für den der Sana Konzern mehr als eine Million Euro ausgibt, in Anspruch nehmen. Konzernweit sowie in Berlin-Brandenburg sei es der erste Roboter dieser Art. „Das ist viel Vertrauen in unsere Abteilung, aber auch ein gewisser Druck“, sagt Andreas Halder.

In anderen Kliniken dürfte es der computergesteuerte Assistent nicht nur wegen der hohen Anschaffungskosten schwer haben. Bisher zahlen die Krankenkassen die zusätzliche Kosten (500 Euro pro OP) nicht. Sicher, da Studien noch keinen Effekt belegen. Eine Versorgung gebe es deshalb nur in Kliniken, die bereit sind, die erhöhten Kosten selbst zu tragen. Abseits des deutschen Gesundheitssystems würden solche Systeme aber „rapide“ zunehmen.