Kunstprojekt
: Deutsche Pünktlichkeit im afrikanischen Urwald

Imke Rust stammt aus Namibia, lebt aber seit fünf Jahren in Oranienburg. Ein Kunstprojekt führte sie auf ihren Ursprungs-Kontinent zurück.
Von
Conradin Walenciak
Oranienburg
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  • Die Oranienburgerin Imke Rust präsentiert im ivorischen Abidjan ihr Projekt "circle of live".

    Die Oranienburgerin Imke Rust präsentiert im ivorischen Abidjan ihr Projekt "circle of live".

    Issouf Sanogo
  • Das Kunstwerk "Seven Gates of the Rainsnake", das Imke Rust bei der "Abidjan Green Week Biennale" im Banco-Nationalpark in Abidjan anfertigte.

    Das Kunstwerk "Seven Gates of the Rainsnake", das Imke Rust bei der "Abidjan Green Week Biennale" im Banco-Nationalpark in Abidjan anfertigte.

    privat
  • Imke Rust und der künstlerische Leiter der "Abidjan Green Week Biennale", Jems Koko Bi im Banco-Nationalpark.

    Imke Rust und der künstlerische Leiter der "Abidjan Green Week Biennale", Jems Koko Bi im Banco-Nationalpark.

    Issouf Sanogo
  • Das Kunstprojekt "The passage" von Imke Rust.

    Das Kunstprojekt "The passage" von Imke Rust.

    privat
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In Neu-Friedrichsthal hat die 44-Jährige ihre berufliche und private Heimat gefunden. In einem Nebengebäude auf dem eigenen Grundstück hat sie sich ihr künstlerisches Domizil eingerichtet: An den Wänden hängen die eigenen Bilder, eine Staffelei ist an die Wand gerückt, etwas weiter hinten liegen lauter Malereiutensilien auf einem kleinen Tischchen. Dass es in ihrer Kunstwerkstatt aktuell so aufgeräumt aussieht, habe einen einfachen Grund, sagt Rust. „Ich habe gerade eines meiner Projekte abgeschlossen.“ Und das war ein ganz besonderes.

Für 14 Tage arbeitete Imke Rust Anfang Dezember in der Elfenbeinküste, nahm dort an der ersten „Abidjan Green Arts Biennale“ teil, einem Kunstevent in einem Urwald mitten im Herzen der 7-Millionen-Metropole Abidjan. Zwölf ausgewählte Künstler aus der ganzen Welt hatten den Auftrag, in diesen zwei Wochen im Parc National du Banco Kunstwerke zu schaffen – mit nichts anderem, als der Wald ihnen zur Verfügung stellte. „Wir durften keine unnatürlichen Stoffe mit einbringen“, erklärt Rust. „Keine lebenden Pflanzen beschädigen, sondern nur mit toten Ästen und dergleichen arbeiten.“

Regenwaldähnliche Verhältnisse

Für die Künstlerin war der Aufenthalt in dem westafrikanischen Staat eine Reise auf den Kontinent ihrer Herkunft. Denn die 44-Jährige ist gebürtige Namibierin, lebte bis vor fünf Jahren in dem Wüstenstaat am Südatlantik. „Viele haben gedacht, da ich aus Afrika komme, würde ich in der Elfenbeinküste ja nicht viel Neues erleben. Das war aber nicht so.“ Zwischen den beiden Staaten bestehe ein himmelweiter Unterschied. „Ich hatte mich schon sehr auf die Hitze in Afrika gefreut“, sagt Rust. „Denn die vermisse ich hier wirklich sehr.“ Hitze gab es in Abidjan dann auch mehr als genug, „aber die Luft war so unglaublich feucht, daran musste ich mich erst gewöhnen.“

Ihre Arbeit im Banco-Park, in dem regenwaldähnliche Verhältnisse herrschen, erleichterte das nicht. „Ich war jeden Tag komplett nass geschwitzt“, berichtet Rust. „Entweder das, oder vom Regen durchnässt.“ Neben dem tropischen Klima war die Künstlerin auch von den weiteren Gegebenheiten in Abidjan völlig überwältigt. „Das ist eine riesige Metropole, dort leben sieben Millionen Menschen – ganz Namibia hat nur 2,5 Millionen Einwohner. Das kenne ich von da also nicht.“

Dementsprechend musste sich die Künstlerin erst einmal an ihren Arbeitsplatz gewöhnen. „Ich habe schon öfter mit Land-Art gearbeitet, also vergängliche Kunst zu schaffen, ist für mich nichts Neues.“ Als sie aber das erste Mal durch den Banco-Park geschlendert ist, hat sie gemerkt, dass ihr dieser Urwald fremd ist. „Bevor ich mit einem Projekt beginne, versuche ich, mit der Natur in einen Dialog zu treten, versuche mich hineinzufühlen“, erklärt Imke Rust ihre Vorgehensweise. Da sie noch kein Gespür für den Wald entwickelt hatte, begann sie erst einmal mit kleineren Kunstwerken, „um mich der Natur vorzustellen. Ich wollte dem Wald damit zeigen, wer ich bin. Ich habe ihm sozusagen meine Schaffenskraft zur Verfügung gestellt.“ Wenig später offenbarte sich der Wald ihr doch noch, drei Projekte konnte die Künstlerin schließlich verwirklichen.

Dass sie vor ihrer Reise nach Abidjan noch keine Vorstellung davon hatte, wie ihre Kunstwerke später einmal aussehen sollten, bezeichnet Rust als spannend. Darauf müsse man sich eben einlassen. „Ich liebe es, so zu arbeiten. Ich habe von klein auf in Namibia gelernt, Alternativen für teure Kunstmaterialien zu finden und spontan zu reagieren.“ Inzwischen sieht Imke Rust diese Fähigkeit als große Stärke an. „Ich kann mich dem anpassen, was mir zur Verfügung steht und bin auf nichts angewiesen.“

In Deutschland findet sie nun alles, was sie für ihre Kunst braucht, in Hülle und Fülle. Dass Rust Namibia vor fünf Jahren verließ, um nach Oranienburg zu ziehen, hat einen guten Grund. „Und das ist auch der einzige Grund überhaupt, warum man Namibia verlässt“, sagt sie schmunzelnd. Es geht – natürlich – um die Liebe. 2009 leitete sie ein Kunstprojekt zwischen der namibischen Hauptstadt Windhuk und Berlin. Bei diesem lernte sie Steffen Holzkamp kennen, mit dem sie inzwischen verheiratet ist. Holzkamp ist hauptberuflich Cutter und in seiner Freizeit leidenschaftlicher Musiker. Im Nebenraum des Ateliers produziert er seine eigene Musik.

Beruflicher Neustart in Oberhavel

„Fünf Jahre lang bin ich zwischen den beiden Städten gependelt. Aber das wurde mir einfach zu anstrengend“, erinnert sich Imke Rust. Also beschlossen die beiden, zusammenzuziehen. Einen besonderen Bezug zu Deutschland hatte die Künstlerin zuvor nicht. Zwar sind ihre Vorfahren 1870 von Deutschland nach Namibia ausgewandert, eine enge Bindung zur Bundesrepublik hatte sie deshalb aber nicht.

Für Rust war der Umzug auch ein beruflicher Neustart – was anfangs gar nicht so einfach war. „Ich habe in Namibia aus künstlerischer Sicht alles erreicht, was man dort erreichen kann. Ich habe zweimal den wichtigsten Preis für Kunst gewonnen, dadurch eine gewisse Bekanntheit, ein gewisses Standing erlangt.“ Nördlich von Berlin musste sie nun wieder bei Null anfangen. „Ich musste mich sehr umschauen, um hier Fuß zu fassen. Hier kannte mich niemand. Und in der Kunstszene läuft nun mal vieles über Kontakte.“ Nur so sei sie auch zur Biennale in Abidjan gekommen. Eine der zuständigen Kuratorinnen kannte sie von einem früheren Land-Art-Kunstprojekt, hielt sie deshalb für ideal geeignet.

Inzwischen hat sich Imke Rust ein gewisses Netzwerk aufgebaut, beruflich läuft es wieder besser. Dass sie perfekt Deutsch spricht, war in ihrer Anfangszeit nicht unbedingt ein Vorteil, glaubt sie. „Würde ich die Sprache nicht beherrschen, hätten die Leute gemerkt, dass ich nicht von hier bin. Das hätte mir ein bisschen den Druck genommen.“ Deutsch ist eine der Amtssprachen in Namibia, wird vielerorts in der Schule ab der ersten Klasse unterrichtet.

Mit ihrer afrikanischen Herkunft auf der einen Seite und ihrem europäischen Aussehen und dem Beherrschen der deutschen Sprache auf der anderen setzt sich Imke Rust sehr intensiv in ihrer Kunst auseinander. „In Namibia werde ich als fremd wahrgenommen, in Deutschland dagegen als dazugehörend. Eigentlich ist es ja genau umgekehrt“, sagt sie und spricht in diesem Zusammenhang von einer „split personality“ (geteilte Persönlichkeit). „Für mich ist das etwas Positives, mitunter aber auch sehr schwierig. Ich kann damit Brücken zwischen den Kulturen bauen. Ich verstehe, wie die Menschen in Namibia ticken, denn ich habe das im Blut.“ Andererseits habe sie auch typisch deutsche Angewohnheiten. „Wenn ich in Afrika jemanden sage, dass etwas pünktlich sein muss, gelte ich schnell als schwierige Deutsche. Ich habe zwei Gesichter. Das ist manchmal kompliziert, aber immer auch sehr spannend.“

Imke Rust fühlt sich an zwei Orten wohl, fühlt sich in Deutschland und Namibia beheimatet. Ein bisschen geht es ihr da also wie Nachbarskatze Susi. Die putzt sich ihre Pfötchen, hebt kurz den Kopf und schläft dann weiter. Später wird sie wieder ins Nachbarshaus spazieren und sich ihre Streicheleinheiten woanders abholen – in ihrem zweiten zu Hause.