Lebenswerk
: Tierarzt Ulrich Tornow wird 90 Jahre alt

Ulrich Tornow ist vieles: Er hat sein Leben den großen und kleinen Tieren gewidmet, den Menschen in seiner näheren Umgebung, aber als Kommunalpolitiker auch den weiter entfernteren. Am Sonntag wird der Bergfelder 90 Jahre alt.
Von
Heike Weißapfel
Bergfelde
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  • Dr. Ulrich Tornow wird am 18. Oktober 90 Jahre alt.

    Dr. Ulrich Tornow wird am 18. Oktober 90 Jahre alt.

    Heike Weißapfel
  • Vor gut 65 Jahren haben Ingrid und Ulrich Tornow geheiratet. Sie ist zwei Jahre jünger als er.

    Vor gut 65 Jahren haben Ingrid und Ulrich Tornow geheiratet. Sie ist zwei Jahre jünger als er.

    Heike Weißapfel
  • Er ist 90, sie 88. Krankheiten blieben nicht aus. Aber sie haben sich noch.

    Er ist 90, sie 88. Krankheiten blieben nicht aus. Aber sie haben sich noch.

    Heike Weißapfel
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Dr. Ulrich Tornow hat leicht rosige Wangen, und einige der sorgfältig nach hinten gekämmten weißen Haare stehen vorwitzig nach oben. Zwei Stunden lang fesselt er die kleine Gruppe am Kaffeetisch mit Ereignissen aus seinem Leben und wirkt dabei kein bisschen müde. Oft umspielt bei der Erinnerung ein Lächeln seine Mundwinkel. Am Sonntag wird er 90.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so alt werde“, sagt er, und so ganz selbstverständlich scheint es tatsächlich nicht, da er schon früh mehrfach mit dem Tod rang. Als Kleinkind überstand er einen anaphylaktischen Schock nach einer Pockenimpfung, und als er den Krieg, Typhus und Diphterie überlebt hatte, war er noch keine 20. Später kostet ihn der Krebs eine Niere, und andere Krankheiten gesellen sich hinzu, auch die große seelische Belastung, ein Kind zu verlieren. Aber die glücklichen Zeiten scheinen doch deutlich überwogen zu haben. Ingrid, die Frau an Tornows Seite, lächelt ganz ähnlich wie er.

Bekannt wie ein bunter Hund

Über einen Tierarzt zu sagen, er sei bekannt wie ein bunter Hund, klingt nach Klischee, aber treffend ist es doch. Ungezählte Tierhalter gaben sich in den 1990er–Jahren die Klinke seiner Bergfelder Kleintierpraxis in die Hand, und nicht nur nebenbei war Ulrich Tornow auch als liberaler Kommunalpolitiker jahrzehntelang aktiv.

Vorwiegend für seine Familie und Freunde hat Tornow sein Leben und seinen Werdegang in den vergangenen Jahren aufgeschrieben, und er ist glücklich, dass das fertige Buch seit diesen Tagen vor ihm liegt.

Junger Erwachsener in geteiltem Land

Ulrich Tornows Lebensbericht ist auch ein anschauliches Stück der wechselvollen Zeitgeschichte, in deren Mittelpunkt der heutige Kreis Oberhavel steht, da er überall mal tätig wurde. Den Zweiten Weltkrieg hat das Kind schon bewusst erlebt. Der Jugendliche und junge Erwachsene brach in eine neue Zeit auf, erlebte und durchlitt Bodenreform, Kollektivierung, LPG, Zweifel am Staat, Mauerbau und Teilung, die Möglichkeiten und die DDR–typischen Einschränkungen. Er hatte nicht nur die Gelegenheit zum Vergleich, sondern auch zur Mitgestaltung. Ulrich Tornow hat im Laufe seines Lebens eine Menge Funktionen innegehabt und Ämter bekleidet. Die beruflichen Stationen waren dabei so gut wie möglich selbst gewählt. Ehrenämter und Vereinsvorsitze scheinen ihm zugeflogen zu sein.

„Ein Leben mit Tieren und für Tiere“

„Was abgehakt ist, vergisst man ja so leicht“, nennt er einen Beweggrund für das Buch, obwohl das in seinem Fall wahrscheinlich gar nicht stimmt. Mit vielen Überschriften und in kurzen Kapiteln hat er auf 175 Seiten sein Leben für seine Lieben übersichtlich gemacht. Auf einer Karte sind die Orte aufgereiht, in denen er verwurzelt ist. Deren Historie liefert er in kleinen Abschnitten zwischendurch auch gleich mit, wie auch die des eigenen Familienwappens, das ins 12. Jahrhundert datiert. Mit „Ein Leben mit Tieren und für Tiere“ ordnet sich Ulrich Tornow in die ihn umgebende Landschaft, in die Natur und die Menschen ein.

Immer Arbeit in der Landwirtschaft

Im uckermärkischen Rieckesthal, das heute zu Zehdenick gehört, wird er am 18. Oktober 1930 geboren. Bald ziehen die Eltern mit ihm und dem zwei Jahre älteren Bruder Siegfried auf einen Bauernhof nach Neuholland. Wie damals üblich, werden die Kinder, später auch der jüngere Bruder Hermann, früh ins landwirtschaftliche Jahr eingebunden. Gänsehüten, Kühetreiben, Kornaussaat und Ernte bedeuteten zwar Arbeit, aber die Kindheit ist Tornow auch als schöner, behüteter Lebensabschnitt eine gute Erinnerung. In der Liebenwalder Schule, wo er bis zum Ende der Mittelschule lernt, zeigt der Nationalsozialismus in Gestalt einiger Lehrer seine Fratze, und Flucht, das Verschwinden seines Vaters nach dem Krieg und mehrere Überfälle des Hofes durch Russen prägen Ulrich Tornows Jugend. Am Joachimsthalschen Gymnasium in Templin soll er das Abitur absolvieren. Zu diesem Zeitpunkt weiß er schon, dass er Tierarzt werden möchte. Nach längerer Unterbrechung durch Krankheit geht er dann aber bis 1951 als Grenzgänger aufs Gymnasium Berlin–Friedenau im Westteil der Stadt. An der neu gegründeten Freien Universität Berlin nimmt er auch sein Studium auf. In der DDR wird er an der Humboldt–Universität mit der Begründung abgelehnt, dass die Studienplätze nur Bewerbern aus der Arbeiter–und–Bauern–Klasse zur Verfügung stehen. Der Acker des Hofes in Neuholland hat etwas mehr als 50 Hektar, und so gelten die Eltern als „Großbauern“. Noch heute schüttelt Ulrich Tornow darüber den Kopf. Vor dem Studium verhilft er als Besamungstechniker in Schönow so mancher Kuh zu Kälbern.

Lieblingsort Falkenthal

Falkenthal ist Ulrich Tornow schon seit 1948 zum neuen Lieblingsort geworden, und auch der Umstand, dass die Mutter die Geschwister zum Klavierspielen anmeldete, fügt sich zu einem glücklichen. Denn er beeindruckt die hübsche blonde Wirtstochter Ingrid, die ihm jetzt gegenübersitzt, während Tochter Edda Kaffee nachschenkt, so nachhaltig mit Tanz, Klavierspiel und Gesang, dass sie am 25. März dieses Jahres das seltene Ehejubiläum der eisernen Hochzeit begehen konnten. Damals treten die jungen Leute in den Falkenthaler Chor „Frohsinn“ ein. Geheiratet wird 1955 nach mehr als zweijähriger Verlobungszeit in der Falkenthaler Kirche, und noch im selben Jahr wird Sohn Ingo geboren. 1956 lässt sich die Familie in Bergfelde nieder.

Praxis für Großtiere

Aus Heimatliebe bleiben die Tornows in der DDR, auch wenn es ihm verwehrt wird, im eigenen Haus eine private Tierarztpraxis zu eröffnen. Dr. Ulrich Tornow wird Oranienburger Kreistierarzt für Großtiere, ist als Landtierarzt überall zuständig und behandelt — unterstützt von seiner Frau als Veterinärtechnikerin — auch Hund und Katze, Vogel und Meerschweinchen. Tochter Edda wird 1960 geboren, 1965 macht Heiko–Ulf die Familie über ein weiteres Kind glücklich. Er wird aber auch zum größten Schicksalsschlag, denn im Alter von zwei Jahren ertrinkt Heiko. „Die Ratlosigkeit und die Trauer über diesen schicksalhaften Verlust waren unbegreiflich und unbegreiflich groß“, schreibt Ulrich Tornow. Heute zählen neben den beiden Kindern und ihren Partnern drei Enkelkinder und ein Urenkelkind zur Familie. Sohn und Tochter sind übrigens mindestens auf halbem Wege in die Fußstapfen des Tiermediziners getreten: Ingo Tornow ist Arzt in Oranienburg und Edda Tornow–Boltje Zahnärztin in Velten.

In die Politik und zur Jagd

Beim Gründungstreffen des „Klubs der Intelligenz“ in Birkenwerder deuten sich zwei weitere Entscheidung fürs Leben an: Ulrich Tornow lernt dort Johannes Dieckmann kennen. Der ist Präsident der Volkskammer der DDR und stellvertretender Vorsitzender der Liberal–Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD). Und: Dieckmanns persönlicher Referent, Theo Hanemann, ebenfalls Birkenwerderaner, ist ein passionierter Jäger.

Politischer Beginn in der LDPD

„Liberal gedacht habe ich schon immer“, sagt Ulrich Tornow. Das Wort von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gelte ihm viel. „Am 12. Februar 1963 wird Uli Mitglied in der LDPD und ist damit heute das dienstälteste Mitglied der FDP im Landkreis Oberhavel“, weiß sein Parteifreund Klaus Schuster, der selbst am drittlängsten dabei ist, auswendig. 1965 zieht er erstmals als Abgeordneter in den Kreistag Oranienburg ein. Später wird er in der Hohen Neuendorfer FDP seine Impulse setzen, unter anderem den zur Stadtbildung. „Ich bin so froh, dass wir das geschafft haben“, sagt er heute. Mit dem heutigen Bürgermeister Steffen Apelt (CDU) hat er sich mal eine Fraktion geteilt. Als eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit hat Tornow das in Erinnerung. 2006 zieht er sich aus der Stadtpolitik zurück.

Auf den Pudel gekommen

Als 30–Jähriger hat er das grüne Abitur abgelegt und ist Mitglied der Bergfelder Jagdgruppe geworden. Damit begründet sich gleichzeitig die Hundetradition im Hause Tornow. Während er mit Jagdhunden unterschiedlicher Rassen auf die Pirsch geht, kommt seine Frau durch eine kranke Nachbarin unversehens auf die Pudel–Hündin. Amelie wird aufgenommen und darf bleiben. Auf den ersten Pudelwurf 1969 „vom Hause Tornow“ werden viele folgen. „Zweimal haben wir das Alphabet von A bis Z bei den Namen durch“, beschreibt es die Züchterin. Einige der Pudel gehörten immer zur Familie. Ingrid Tornow wird Zuchtwartin, und auch der Ehemann bekommt — immer wieder einmal — Funktionen innerhalb des Pudelklubs und drum herum ab. Als Präsident des Klubs ist er dann auch für dessen Aufgehen in einen westdeutschen Verband zuständig.

Verdienter Tierarzt des Volkes

Tornow qualifiziert sich als Lehrtierarzt, absolviert ein Zusatzstudium im Fachgebiet Kleine Haus–, Heim– und Pelztiere, wird „Verdienter Tierarzt des Volkes“, „sogar als normaler Praktiker und nicht in der Verwaltung“, wie er sagt. Den Titel „Veterinärrat“ darf er sich ebenfalls ans Revers heften.

Nach dem Ende der DDR ist Ulrich Tornow 60 und kann gerade knapp noch nicht in Rente gehen. Also baut er den Keller aus und hängt weitere Berufsjahre an, nun doch endlich mit privater Kleintierpraxis im eigenen Haus. „In den fünf Jahren habe ich festgestellt, wie ich in den Jahrzehnten zuvor um den Lohn meiner Arbeit betrogen worden bin“, sagt er über den Erfolg. Noch als Pensionär hält er bis 2003 bei seinem Nachfolger ein bis zweimal die Woche Sprechstunden ab.

Lebenslange Skatleidenschaft

In der Kirche ist der Protestant unter anderem eine Zeitlang als Kirchenältester aktiv. Gar nicht zuletzt fügen sich in seinem Leben auch scheinbare Kleinigkeiten zusammen: Dass sein Vater und der ältere Bruder in ihm als Zehnjährigem den Keim für die lebenslange Skatleidenschaft legten, kommt der FDP Bergfelde und Hohen Neuendorf zugute. Aus dem jährlichen Skat–Treffen, das Tornow als quasi halbfamiliäres Ereignis mit ins Lebens ruft, wird im Laufe der Jahre der FDP–Neujahrsempfang der etwas anderen Art mit bis zu hundert Mitzockern.

Auch jetzt kämpft Dr. Ulrich Tornow wieder mit dem Krebs. Aber der Doktor ist noch da, und sie haben sich noch, er und seine Ingrid. Die Tornows lächeln.