Literatur
: Auf Spurensuche nach Kremmens vergessenem Dichtersohn

Richard Dehmel war zur Jahrhundertwende der bedeutendste Dichter Deutschlands. Sein Todestag jährt sich nun zum 100. Mal.
Von
Marco Winkler
Wensickendorf
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  • Richard Dehmel

    Richard Dehmel

    Privat, dpa, Wikipedia/Foto Nixdorf-Archiv Förster, Klaus D. Grote
  • Das alte Forsthaus

    Das alte Forsthaus

    Klaus D. Grote
  • Richard Dehmel mit Tochter Liselotte

    Richard Dehmel mit Tochter Liselotte

    privat
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Mit den Weltkriegen geriet der einst bedeutendste Lyriker Deutschlands in Vergessenheit. Zu seinem 100. Todestag am 8. Februar könnte er dank neuer Publikationen künstlerisch auferstehen. Aufgewachsen ist Richard Dehmel in Kremmen, im Forsthaus. Heute erinnert nur noch die Dehmelbrücke und der Dehmelweg an ihn.

Auf Spurensuche nach Richard Dehmel, geboren am 18. November 1863 in Hermsdorf (Dahme-Spreewald), führt der Weg zwangsläufig zuerst nach Hamburg – zu Carolin Vogel. Sie ist Vorstandsmitglied der dort ansässigen Dehmelhaus Stiftung, welche die Villa des Künstlerpaars betreut. Sie, die sich hauptsächlich mit Dehmels Zeit in Hamburg-Blankenese beschäftigt, leistete die Archiv-Arbeit, auf der dieser Artikel fußt. „Aus der Beschäftigung mit Dehmels späteren Schriften schließe ich, dass ihn die Heimat im Kremmener Forsthaus insofern geprägt hat, als dass die Liebe zum Wald und die Achtsamkeit gegenüber der Natur sein Leben lang immer wieder zum Ausdruck kommen“, sagt sie. Zur Veranschaulichung das kurze Gedicht „Waldseligkeit“:

Der Wald beginnt zu rauschen,

den Bäumen naht die Nacht;

als ob sie selig lauschen,

berühren sie sich sacht.

Und unter ihren Zweigen,

da bin ich ganz allein,

da bin ganz mein eigene:

ganz nur Dein.

Zwei Jahre nach seinem Tod erschien die Autobiografie von Richard Dehmel mit dem schlichten Titel „Mein Leben“. Er schreibt dort, wie er als Junge nach Kremmen kam. Sein Vater hatte den königlichen Dienst verlassen und war dort Stadtförster geworden. „Welchen Eindruck die neue Umgebung auf mich übte, weiß ich nicht mehr, vielleicht keinen erheblichen: im Gemüt des Kindes waren doch wahrscheinlich durch das zweijährige Fernsein die Erinnerungen von früher verblichen“, schreibt Dehmel.

Das Gebäude, das seine Heimat werden sollte, beschreibt Biograf Julius Bab in „Richard Dehmel – Die Geschichte eines Lebenswerkes“ (1926) als das „recht enge und niedrige, von alten Bäumen umstandene Försterhaus“. „Vor der sehr kleinen, sehr dürftigen Ackerbürgerstadt lag das Haus am Eingang eines Eichenhains vor hohem Kiefernwald; auf weite, flache Ackerfelder ging die Sicht.“ Die Stadt selbst habe „sicherlich wenig von allem, was man geistige Anregung nennen kann“ geboten, schreibt Bab.

Richard Dehmel war etwas, das man heutzutage Überflieger nennen kann. Er war begabt. Er kam, obwohl zu jung dafür, gleich in die vierte Klasse der Stadtschule. Die Schulzeit beschreibt Musterschüler Dehmel, der stolz auf seine Bestnoten war, später als „gleichmäßig einförmig“. Laut Julius Bab war der junge Richard Dehmel ein „kerngesundes, unproblematisches und immer fröhliches Kind“. Und er hatte wegen seines häufigen Lachens einen Spitznamen: Kladderadatsch.

Diese „unschuldigeren Neckereien“ konnte er überwinden. „Stets hatte ich die Nummer I auf meinen Zeugnissen stehen, und nur ein Mal wurde dieselbe durch ein hinzugefügtes b zum schlechteren moduliert, da es mir, wie allen den übrigen jungen Gehirnen, zuerst etwas schwer fiel, mich in den Geheimnissen der Geometrie heimisch zu fühlen“, schreibt Dehmel selbstbewusst. Vier Jahre lang besuchte er die Schule in Kremmen. Julius Bab, offenbar nicht der größte Kremmen-Fan, schreibt: „Da war die Weisheit erschöpft, die es dort zu ernten gab.“ Mit neuneinhalb Jahren wurde Dehmel von seinen Eltern nach Berlin geschickt, aufs Gymnasium.

Frühlingsglück

Der Frühling stieg zur Erde nieder,

o helle Lust, o fromme Scheu:

im Herzen lacht der Himmel wieder,

das welkeste wird warm und neu.

So schnell geschah’s!

Kaum läßt sich’s fassen,

der trübe Winter sei nun tot.

Man fühlte sich so lichtverlassen,

man liebte fast schon seine Not.

Ach Seligkeit: mir scheint die Sonne:

Und schickt der Mai auch Regen dann:

er weint sich aus von seiner Wonne,

daß er noch klarer lachen kann.

Ich möchte alle Menschen fragen,

ob sie nicht jauchzen wolln mit mir.

Nein, ganz im stillen will ich’s tragen.

Ach, Liebste nein: ich sag es Dir!

Was folgte, waren „Flegeljahre“, wie Julius Bab sie nennt. Dehmel entwickelte seine Persönlichkeit, mit allen Ecken und Kanten, die ihn später auszeichnen sollten. „Allerlei Abenteuerlust, allerlei Widerspenstiges und Wildes beginnt sich im Blut des Knaben zu regen.“ So ist das auf dieser Seite abgedruckte Porträtfoto zu erklären, auf dem Dehmel wirkt wie eine Mischung aus Tim Burton und David Lynch.

In Berlin fand er beengende Mauern vor: „Erst im engen Gewühle der Großstadt lernte ich den Reiz der weiten Natur recht zu schätzen“, schreibt er. „Das weiß ich sicher, daß es in den Ferien nichts Köstlicheres für mich gab, als im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen oder die Käfer und Ameisen bei ihrer Arbeit im Grase zu verfolgen.“

Doch Kremmen wurde für Richard Dehmel nicht nur zur Inspiration für naturnahe Gedichte. Es blieb ein Schicksalsort. Mit 15 Jahren kam er in den Ferien in seine Heimat. „Da stürzte er bei einer Riesenwelle vom Reck und trägt eine schwere Gehirnerschütterung davon“, schreibt Biograf Bab. Sein Körper war geschädigt; inwiefern sein „seelisches Sein“ Schaden trug, vermag Bab nicht zu mutmaßen. Sicher seien aber die epileptischen Anfälle, die er erst spät überwinden konnte, darauf zurück zu führen.

Carolin Vogel von der Dehmelhaus Stiftung konnte Briefe ausfindig machen, in denen deutlich wird, dass die Heimat­erinnerungen des einstigen Musterschülers mit Groll verbunden waren. Im Oktober 1909 – Dehmel lebte mit seiner Ida das wilde Leben in Hamburg – schrieb er mit Wut durchtränkte Zeilen an den Kremmener Schulrektor. Dehmel, längst berühmt und erfolgreich, sollte offenbar Buchexemplare der Schule spenden. Dem Rektor gab er keine Schuld. „Von Ihnen ist es mir ein Zeichen liebenswürdigster Menschlichkeit, daß Sie die Leute in meiner Heimatstadt für mein Dichten und Denken empfänglich machen möchten; denn wahrscheinlich sind Sie, der Nichtcremmener, der einzige Mensch in Cremmen, der überhaupt etwas davon weiß, daß ich ‚Gesammelte Werke’ herausgegeben habe.“

Doch dieser Anreiz sei nicht genug, „mich meinen Landsleuten an den Hals zu werfen“. Er warf den „Cremmener Pfahlbürgern“ vor, seinen Vater, den Stadtförster, „während seiner ganzen Amtszeit niederträchtig kujoniert“ [Anm. d. Red.: unwürdig behandelt] zu haben, „daß er um Jahre zu früh gestorben ist.“ Sie hätten ihn ausgebeutet und durch „chikanöse Prozesse“ totgeärgert.

Ein zweiter Brief trieft vor bitterer Ironie. 1915 dankte Dehmel – er hatte sich zum Dienst im Ersten Weltkrieg gemeldet – der „wohllöblichen Bürgerschaft (...) aufrichtig im Namen der Mannschaften meines Zuges für die staunenswerte Liebesgabe“. Jeder der 76 Männer habe „den 0,316ten Teil einer Zigarre und den 0,00263sten Teil einer Zehnpfennigkerze“ erhalten.

Vielleicht war dieser spätere Misston der Grund, dass die Kremmener lediglich eine abseitige Brücke nach dem Dichter benannten. Nun können sie selbst für Versöhnung sorgen, indem sie ihn als vergessenen Sohn der Stadt wiederentdecken.

"Schöne wilde Welt"und "Zwei Menschen"

Carolin Vogel ist Herausgeberin des Buches "Schöne wilde Welt – Richard Dehmel in den Künsten", ebenfalls eine Suche nach Spuren, die Richard Dehmel in der Malerei, Musik und Literatur hinterlassen hat. Erschienen ist das Buch im Wallstein Verlag. Es kostet 19,90 Euro.

Zum 100. Todestag Richard Dehmels und zum 150. Geburtstag Ida Dehmels zeigt die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg noch bis zum 22. März die Ausstellung "Zwei Menschen. Richard und Ida Dehmel in Hamburg". Am 8. Februar findet zudem ein Konzert in der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg statt.⇥win