Mauerfall: Der Mut der Masse

Das Originaltransparent: Hans Joachim Laesicke hat das selbstgemalte Stück Baumwollstoff, das er am 4. November 1989 hoch hielt, gut aufgehoben.
Klaus D. GroteLange genug hatte sich Oranienburgs früherer Bürgermeister, der 1989 als Justiziar beim Tiefbau arbeitete, über die Mauer geärgert, dieses „menschenverachtende Monstrum“. Er konnte nie verstehen, dass man dieses „Schafott im Herzen Berlins“ einfach nicht mehr sehen wollte oder als unvermeidlich akzeptierte. Als im Herbst die Ahnung von gewaltigen Veränderungen aufkam, sah Laesicke das als Befreiung: „Ein Öffnen der Fenster, um frische Luft in die miefige, verkommene Hütte, als die ich die DDR gesehen habe, strömen zu lassen.“
Hans-Joachim Laesickes Erinnerungen an die Zeit vor 30 Jahren sind im neu erschienen Heft „Gestern, heute, morgen“ nachzulesen. Die Gedanken von 23 Autoren hat der Verein Kunstraum Oranienwerk zusammengebracht und das Heft herausgegeben. Dabei bekommt auch die Sichtweise von Nachwendekindern Platz. Einige der Autoren werden ihre Texte am 9. November ab 19 Uhr in der Stadtbibliothek vorlesen. Dann ist auch Hans-Joachim Laesicke dabei, der es wie gewohnt verstand, seine Erinnerungen unterhaltsam aufs Papier zu bringen.
„Die Mauer fällt ohne mich“, ist der Text von Laesicke überschrieben. Am 9. November befand er sich auf einer Tagung in Rostock. Die Bilder vom Mauerfall sah er im Hotelzimmer im Fernsehen. Tags drauf fuhr er aber zurück, um bald darauf West-Berlin einen Besuch abzustatten. Dabei war noch wenige Tage zuvor die Angst groß, von der Stasi verhaftet zu werden. Laesicke entschloss sich gegen den Willen seiner Frau, zur Demo auf dem Alexanderplatz am 4. November zu fahren. „Sie hatte große Angst, dass es mir so erginge wie denjenigen, die am 7. Oktober in Berlin brutal verfolgt wurden und noch immer in gefürchteten Stasi-Gefängnissen saßen, ohne dass man wusste, was mit ihnen geschehen war“, schreibt Laesicke, der sich bereits Wochen zuvor dem oppositionellen Neuen Forum angeschlossen hatte. In der Oranienburger Nicolaikirche sei damals leidenschaftlich diskutiert worden. Man sei sich dabei einig gewesen, dass die Herrschaft der allmächtigen SED gebrochen werden musste.
Am 4. November war der Mut der Opposition noch viel größer. Auch bei Laesicke wich die Angst dem Mut. „Es sind mir noch immer die bedrückenden Bilder vor Augen, als ich von der U-Bahntreppe auf den Alex komme und vor Beginn der Demonstration in den Seitenstraßen unzählige Volkspolizisten und Stasi-Leute sehe, die dort ihre Einsatzbefehle erhalten.“ Unvergesslich wurde ihm aber noch mehr, "wie aus unserer Angst, die jeder Einzelne am Beginn der Demonstration hatte, ein machtvolles Glücksgefühl wuchs, weil wir begriffen, dass wir so viele waren, um das DDR-System bis ins Mark zu erschüttern.
Laesicke berichtete bereits beim Ost-Ost-Dialog am 14. August im Oranienwerk vom ansteckenden Gefühl des Protests. Je mehr Rufe von Demonstranten er hörte, um so stärker wurde sein Mut. Schließlich stimmte Laesicke in die Sprechchöre mit ein und hielt auch das eigens gemalte Transparent hoch.
„Die originellen Plakate, die ersten mutigen Sprechchöre, aber vor allem die gigantische Zahl von Menschen, denen es ein eigenes Bedürfnis war, für die so lange überfälligen Veränderungen der Gesellschaft friedlich zu demonstrieren, haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis gegraben“, schreibt Laesicke weiter. Wohltuend habe sich die Demo von den aufgezwungenen und inszenierten Veranstaltungen der SED abgehoben. Das bemalte Laken brachte Laesicke im August mit ins Oranienwerk. Das 30 Jahre alte Stück Baumwollstoff sieht aus, als sei es eben erst beschriftet worden. „Deutsche Konföderation – Modell für Europa“, hatte Laesicke darauf geschrieben. Das D und die DDR sind von einem roten Herz umrahmt. Die wenigsten dachten damals an eine Wiedervereinigung. Nur fünf Tage später wurden die Grenzübergänge geöffnet. Wie ein Kartenhaus sei die DDR zusammengefallen, schreibt Laesicke.
Lesung und Diskussion
Am 9. November um 19 Uhr findet in der Stadtbibliothek eine Podiumsdiskussion zum Mauerfalljubiläum statt. Dazu lesen einige Autoren ihre Erinnerungen vor, die im Heft "Gestern, heute, morgen" abgedruckt sind.
Ihre Geschichten werden neben Laesicke auch Volkmar Ernst, Suzy Bartelt, Christian Rössler, Maike Hansen und Jennifer Bernard vorlesen.⇥kd