Mord ohne Leiche im TV: Fall Maike Thiel – warum die Familie nicht zu Wort kommt

Am 3. Juli 1997 wurde die schwangere Maike Thiel (17) aus Leegebruch in Hennigsdorf oder der Umgebung ermordet. Erst 2014 wurden ihr Ex-Freund Michael Sch. und dessen Mutter zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt soll neu verhandelt werden.
Polizei Land BrandenburgEs ist ein Mordfall, der Oberhavel über Jahrzehnte beschäftigt hat – und immer noch bewegt. Maike Thiel ist hochschwanger, als sie 1997 spurlos verschwindet. Erst 17 Jahre später werden ihre Mörder verurteilt. Sie wollen das Verfahren nun neu aufrollen. Der Mordfall – bis heute wurde die Leiche nicht gefunden – schafft es jetzt ins Fernsehen. Allerdings ohne Familie Thiel.
Eine Dokumentation will die „Geschehnisse und Widersprüche in dem Fall“ beleuchten. „Welche Rolle spielen mögliche Falschaussagen und der Umstand, dass es bis heute keine Leiche, keinen Tatort und nur Indizien gibt?“, heißt es in der Ankündigung. Weiter: „Fast drei Jahrzehnte nach dem Verschwinden der jungen Frau kommt durch neue Gutachten und den Wiederaufnahmeantrag noch einmal Bewegung in den Fall.“
Ausstrahlungstermine im NDR und der ARD-Mediathek
Das Doku-Format läuft unter der Serie „ARD Crime Time“ mit dem Titel „Mörderisches Duo? Eine Schwangere verschwindet spurlos“. Mit dem Duo sind Michael Sch., der Ex-Freund von Maike Thiel, und seine Mutter, Christine Sch., gemeint. 2014 wurden sie nach einem langen Indizienprozess wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes und Anstiftung zum Mord zu lebenslanger Haft verurteilt.

Michael Sch. wurde wegen Mordes an Maike Thiel verurteilt. Bis heute behauptet er, unschuldig zu sein.
Michael Nanz/NDRDie Serie von Raphaela Golling und Stephan Rebelein ist eine Produktion von „Bewegte Zeiten“ und im Auftrag des NDR/SWR entstanden. Die dreiteilige Dokumentation läuft zuerst im NDR und ist in der ARD-Mediathek zu sehen. Die Ausstrahlungstermine:
- Mittwoch, 29. Mai 2024, um 22.30 Uhr im NDR Fernsehen (90 Minuten)
- ab Mittwoch zudem abrufbar in der ARD-Mediathek (drei Folgen à 30 Minuten)
Maike Thiel aus Leegebruch wird am 3. Juli 1997 letztmalig gesehen. Sie kommt von einem Vorsorgetermin aus dem Krankenhaus. Die junge Frau ist im achten Monat schwanger. An einer Bushaltestelle in Hennigsdorf verliert sich jede Spur.
Schnell geraten ihr Ex-Freund und seine Mutter ins Visier. Aus Mangel an Beweisen wird der Fall im Jahr 2000 eingestellt. Zwölf Jahre später bricht eine Zeugin ihr Schweigen und belastet das „mörderische Duo“. 2015 bestätigt der Bundesgerichtshof das 2014 gefasste Urteil.
Ihre verurteilten Mörder wollen den Fall neu aufrollen und einen Freispruch erringen. Michael Sch. behauptet bis heute, unschuldig zu sein. Seine Mutter Christine Sch. versucht seit zehn Jahren, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Die Strafverteidiger Gerhard Strate und Lawrence Desnizza haben den Antrag auf Wiederaufnahme im April 2023 eingereicht.

Christine Sch. sitzt seit 2014 wegen Anstiftung zum Mord an Maike Thiel im Gefängnis. Sie versucht seitdem eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen.
Matthias Bähr/NDRWer taucht in der Crime-Dokumentation alles auf? Laut Filmproduktion äußern sich die beiden Verurteilten Michael und Christine Sch. sowie ihre Anwälte in „ausführlichen Interviews“. Ebenfalls vor der Kamera: der damalige Staatsanwalt Philip Schumacher und der Vorsitzende Richter Gerd Wegner.
Gerd Wegner, längst im Ruhestand, zeigte sich gegenüber der Redaktion überrascht vom Antrag auf Wiederaufnahme. Philip Schumacher, inzwischen Richter am Landgericht Neuruppin, sagte auf Nachfrage: „Ich bin felsenfest überzeugt, dass das damalige Urteil richtig ist.“

Der damalige Staatsanwalt Philip Schumacher erhob 15 Jahre nach Maikes Verschwinden Anklage gegen Maikes Ex-Freund und dessen Mutter: wegen Mordes und Anstiftung zum Mord.
Matthias Bähr/NDREbenfalls zu Wort kommet mit Barbara Apostoli eine der damaligen Schöffinnen. Sie gewährt „teils sehr persönliche Einblicke in die Geschehnisse rund um das Gerichtsverfahren“, wirbt die Produktionsfirma. Mit Karin Baum berichtet die Mutter von Maike Thiels damals bester Freundin über ihr enges Verhältnis zur Leegebrucherin. Ein Name auf der Liste der Protagonisten fehlt: Thiel.
Eltern von Maike Thiel nicht Teil der Dokumentation
Die Eltern von Maike Thiel kommen in der Dokumentation nicht zu Wort. „Familie Thiel selbst wollte nicht vor die Kamera“, heißt es. Für die Familie in Leegebruch reißen seit Monaten alte Wunden wieder auf. Sie bekommen dieser Tage offenbar viele Presseanfragen, nicht immer von seriösen Medien. Die meisten lehnt Familie ab. Die von der Lokalpresse nicht.
„Wir sind erstmal schockiert gewesen“, berichtete Hans-Joachim Thiel, wie er und seine Frau Heike auf die Nachricht reagiert haben, dass das Verfahren neu aufgerollt werden könnte. Die Trauer um die ermordete Tochter wird sie nie loslassen. Familie Thiel setzt darauf, dass damals Gerechtigkeit gesprochen wurde. Die Staatsanwaltschaft Cottbus prüft derzeit noch, ob das Verfahren wirklich aufgenommen wird.


