Bei wolkenlosem Himmel und Sonnenschein ist vom Turm der Zehlendorfer Kirche aus in der Ferne sogar der Fernsehturm in Berlin zu erkennen. „Sehen Sie dort, ganz klein, aber mit der typischen Form und der silbernen Farbe der Kugel doch gut zu erkennen“, zeigt Stefan Latotzke vom Vorstand des Gemeindekirchenrates in die Ferne, und Pfarrerin Michaela Jecht folgt mit ihrem Blick seinem ausgestreckten Arm.
Die beiden genießen den Blick über Zehlendorf und die sich anschließenden Wiesen und Felder, die sich rings um das Dorf erstrecken. Doch deswegen sind sie nicht auf den Turm gestiegen. Sie wollen sich über den Baufortschritt informieren. Insofern stehen sie auch nicht wirklich auf dem Turm, sondern auf dem Gerüst daneben.

Birkenwerder Ziegel sind porös und saugen das Wasser ein

Der Turm ist nicht nur in die Jahre gekommen. Auch die verwendeten Ziegel, es handelt sich um die sogenannten Birkenwerder Verblender, bereiten Probleme. Denn in denen bilden sich Haarrisse. Wenn in diese Wasser eindringt, kann es vor allem durch den Forst dazu kommen, dass Teile der Oberfläche abplatzen. Genau das ist passiert, aber nicht zum ersten Mal. Insofern ist es weder die erste Sanierung des Turms und wird auch nicht die letzte sein. „Eine Faustregel besagt, dass ein aus diesen Ziegeln errichteter Turm etwa alle 30 Jahre saniert werden muss“, hat Stefan Latotzke bei seinen Recherchen ermittelt. Da das letzte Mal in den 1980er-Jahren Hand an den Turm gelegt wurde, sind die anstehenden Arbeiten also überfällig.

Ringanker aus Beton muss aus statischen Gründen erhalten bleiben

Es gibt auch noch eine zweite Auffälligkeit, die bislang beim Anblick des Turms schon weithin sichtbar war, künftig aber nicht mehr zu erkennen sein soll. Zur Stabilisierung des Turms war damals ein zusätzlicher Ringanker aus Beton eingebaut und mit Zinkblech verkleidet worden. Die darüber aufgemauerten Ziegel passten nicht recht zur Farbe des Turms und wirkten wie ein Fremdkörper. Außerdem waren bei der Sanierung die vorhandenen Gaupen zugemauert worden. Auch sie werden nun wieder freigelegt.

Bauarbeiten haben im Frühjahr begonnen

Seit dem Frühjahr ist der Turm eingerüstet, er wird es auch noch einen Weile bleiben, vermutlich sogar bis ins nächste Jahr hinein. Denn die Sanierung oder Wiederherstellung der Turmhaube ist nur der erste Teil der Hüllensanierung des Zehlendorfer Gotteshauses. Wenn sie geschafft ist, wird der darunterliegenden Turmkörper in Angriff genommen. Geplant war, dass die an der Turmhaube begonnenen Arbeiten in diesem Jahr abgeschlossen werden. Dass sich schon einiges verändert hat, ist bei einem Blick von der Straße aus auf den Turm nur schwer zu erkennen. Doch oben auf dem Gerüst bietet sich ein ganz anderer Anblick. Von der Höhe arbeiten sich die Bauarbeiter nach unten vor. Die Spitze der Haube erstrahlt schon in neuem Glanz, sprich, sie leuchtet wieder in dem typischen hellgelben Farbton, der charakteristisch für die Birkenwerder Verblender ist.

Die Spitze des Turms erstrahlt schon in neuem Glanz

Noch ist genau zu erkennen, welche Ziegel Risse aufwiesen, auch wenn die Risse verschwunden sind. So weit möglich, wurden die Risse verspachtelt und mit gelblichem Mörtel verfüllt. Waren die Ziegel nicht mehr zu retten, wurden sie ausgetauscht. Nicht nur eine schweißtreibende, sondern auch eine zeitraubende Arbeit, wie Latotzke zu berichten weiß. Die Ziegel wurden aus dem Mauerwerk herausgeschnitten und durch neue ersetzt. Dass zu erkennen, ist kein Problem. Doch das wird nicht so bleiben. Mit der Zeit werden sie eine Patina ansetzen und damit nachdunkeln.
Die Ziegel stammen allerdings nicht aus Birkenwerder, denn dort werden schon lange keine mehr hergestellt. Bei der Suche nach einer Alternative zum Brennen neuer Ziegel entdeckten die Fachleute in Dänemark eine Ziegelei, die den Birkenwerder Ziegeln ähnliche herstellt und die damit weit preiswerter zu haben sind als Extraanfertigungen. Soweit die erste gute Nachricht.

Weniger schadhafte Ziegel, als erwartet, gefunden

Die zweite ist, dass weit weniger Ziegel schadhaft sind, als angenommen. Also geht die Arbeit gut voran. Doch den zwei guten Nachrichten folgte dann eine schlechte. Denn der aus Beton angefertigte Ringanker unter der Haube kann aus statischen Gründen nicht entfernt werden. „Ein Achteck auf einen viereckigen Turm zu setzen, hält ohne eine zusätzlichen Stabilisierung nicht“, so die Erklärung von Stefan Latotzke. Deshalb soll der Betonanker bleiben, aber hinter einer Blende künftig nicht mehr zu sehen sein. Dafür müssen allerdings 700 Formsteine neu gebrannt werden. „Wir hätten gern darauf verzichtet, aber es geht nicht anders“, stellt Pfarrerin Michaela Jecht fest. „Bestellt sind die Steine schon. Auch die Formen sind schon fertig. Wenn alles, wie geplant, klappt, sollen sie in zwölf Wochen geliefert werden“, sagt sie. Bis dahin sollen auch die Gaupen, die inzwischen fast schon freiliegen, neu gefasst sein. Sie werden künftig auch eine neue Bekrönung tragen. Statt der spitz zulaufenden Kegel, wie sie bei letzten Sanierung aufgesetzt wurden, werden es wieder Kugeln sein, wie beim Bau des Turms verwendet.

Im kommenden Jahr wird der Turmschaft saniert

Dass dadurch der Zeitplan aus dem Ruder läuft, hofft Pfarrerin Michaela Jecht nicht. „Ich bin optimistisch, dass die Arbeiten, wie geplant, bis zum Winter geschafft werden. Vielleicht wird der Winter wie der im vergangenen Jahr nicht gar so eisig, dann können die Ziegel noch weiter eingebaut werden. Nur auf das Verfugen müsste dann verzichtet werden.“ Aber das sei im Prinzip kein Problem, weil damit im kommenden Jahr nach dem Ende des Winters mit dem zweiten Bauabschnitt der Turmsanierung begonnen werden könnte. Der umfasst den Schaft des Turmes, auf dem sich als Krönung die Haube befindet.
Die Kosten für die Sanierung der Turmhaube werden mit rund 200.000 Euro veranschlagt. Für die Bauarbeiten am Turmschaft sind abermals rund 170.000 Euro eingeplant.