Pandemie
: Coronatest für weitere Heimbewohner in Hennigsdorf

Linke kritisiert Vorgehen des Landkreises im Umgang mit Geflüchteten. Beraterin fordert Einzelunterkünfte. Jetzt 78 Infizierte in Oberhavel.
Von
Klaus Grote
Hennigsdorf
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Blick in ein Zimmer für zwei Personen in der Gemeinschaftsunterkunft in Lehnitz: Hier wird Abstandhalten schwierig.

Burkhard Keeve

Die Linke Oberhavel und die Flüchtlingsberatungsstelle des Kirchenkreises übten scharfe Kritik an der Unterbringung in Heimen, weil dort wichtige Hygieneregeln nicht einzuhalten seien. „Die Situation in der Unterkunft in Stolpe–Süd ist besorgniserregend“, sagte die Kreistagsabgeordnete Kathrin Willemsen (Linke). Die Menschen müssten auf engstem Raum zusammenleben und sorgten sich um ihre Gesundheit und ihre Arbeitsplätze.

Flüchtlingsberaterin Simone Tetzlaff berichtet von einem Altenpfleger, der seinen Job wegen der Quarantäne nicht ausüben könne. Er befürchte, sich im Heim anzustecken. „Die Bewohner leben jeweils zu zweit auf 15 Quadratmetern Fläche, teilen sich mit anderen Küche und Sanitärräume“, sagt sie. In den Heimen komme es zu permanenten Verstößen gegen die Eindämmungsverordnung. Sie habe den Kreis erstmals vor vier Wochen auf die Situation in den Unterkünften aufmerksam gemacht und gebeten,  Personen, die in Pflegeberufen arbeiten, anders unterzubringen. Sie gefährdeten sonst auch andere.

Landrat Ludger Weskamp (SPD) hatte angekündigt, die auch vom Flüchtlingsrat Brandenburg und den Grünen Oberhavel veröffentlichte Forderung der Unterbringung zu prüfen. Der Kreis teilte auf Anfrage aber auch mit: „Aktuell gibt es für die externe Unterbringung keine medizinische Indikation.“

Bislang wurden in Oberhavel 195 Menschen positiv auf das Virus getestet. (Stand Montag, 10 Uhr).  1 304 Menschen aus Oberhavel stehen derzeit zu Hause unter Quarantäne, weil sie begründete Verdachtsfälle sind. 1 137 Menschen wurden inzwischen negativ auf das Corona–virus getestet.

Verzweifelter Pfleger

Simone Tetzlaff, seit vielen Jahren Flüchtlingsberaterin des Kirchenkreises Oberes Havelland, berichtet von einem verzweifelten Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft in Hennigsdorf. Der Afrikaner arbeitet in einem Seniorenheim, der Job macht ihm Spaß. Doch jetzt darf er nicht arbeiten, weil er das Haus nicht mehr verlassen darf. 289 Heimbewohner in drei der sechs Häuser in Stolpe–Süd stehen unter Quarantäne. Insgesamt 18 Bewohner sind infiziert. Das Gesundheitsamt hat für Dienstag Tests für 75 weitere Bewohner angekündigt.

„Die Angst in den Heimen ist groß. Die Menschen leben auf engstem Raum zusammen“,. sagt Simone Tetzlaff. Der Mann habe sich seit mehr als zwei Jahren vergeblich um eine Wohnung bemüht. Bei den beiden Hennigsdorfer Wohnungsbaugenossenschaften sei er immer abgeblitzt. Die Antwort des Kreises auf die Forderung, Personen in Pflegeberufen aus den Heimen zu holen, muss für den Mann wie Hohn klingen. Nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner seien verpflichtet, in der Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen. „Die Wohnverpflichtung kann auf Antrag beim Landkreis aufgehoben werden“, teilt die Verwaltung mit.

„Jetzt in der Krise zeigen sich in den Sammelunterkünften die Probleme, die wir schon immer kritisiert haben“, sagt Simone Tetzlaff. Die Grünen Oberhavel fordern eine Unterbringung in Pensionen oder Hotels für Bewohner, die in Pflegeberufen tätig sind oder die zur Risikogruppe gehören. Der Landrat will sich dazu zuerst mit den Kreistagsfraktionen beraten. Schließlich greife eine solche Unterbringung, die über die gesetzlichen Verpflichtungen hinausgeht, auch in Rechte des Kreistages ein. Außerdem wolle er sich mit Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Bündnis 90/Grüne) beraten. Der Flüchtlingsrat Brandenburg verweist auf die Stadt Potsdam. Dort hätten Heimbewohner, die in Pflegeberufen tätig sind, andere Wohnplätze erhalten. Nach Angaben des Landreises arbeiten neun Asylbewerber aus Oberhavel in Pflegeberufen.

Heute sind 75 Tests in Haus 2 der Gemeinschaftsunterkunft geplant, da es im Haus einen Positivfall gibt. Freiwillig testen lassen können sich zudem 68 Bewohner des Hauses 1 und 73 Bewohner im Haus 4. Für diese Personen liege keine medizinische Indikation für einen Test vor. Damit gebe es auch keine Verpflichtung für den Test. Dies gelte auch für andere Gemeinschaftsunterkünfte in Oberhavel. Insgesamt bewohnen derzeit 418 Personen die Hennigsdorfer Gemeinschaftsunterkunft. Haus 3 ist nicht belegt. kd