Porträt: Stefanie Gebauer sucht als Physikerin nach einer zweiten Erde
Fünf Jahre Peking
„Der Himmel war gelb.“ So lebhaft wie an einen Sandsturm in Peking, erinnert sich Stefanie Gebauer an frische Bambussprossen und die langen Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn. „Einmal im Jahr sind wir zum Saisonurlaub nach Deutschland gefahren.“ Ihr Vater brachte die Familie, Stefanie Gebauer war drei Jahre alt, ihre Schwester, gerade geboren, 1983 nach Peking. „Er war Außenhandelsvertreter bei der LEW in Hennigsdorf.“ Noch heute bewundere sie den Mut ihrer Eltern. Wer Stefanie Gebauer kennt, der weiß: er färbte ab. Wie die Fähigkeit, im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen zu treffen. 1988 lief der Vertrag ihres Vaters aus. Verlängern wollte er nicht. „Es hatte sich angedeutet, dass es nicht so ruhig bleiben wird“, sagt Stefanie Gebauer. Wenige Monate vor dem Tian’anmen-Massaker, bei dem das chinesische Militär gewaltsam Proteste niederschlug, reiste die Familie ab.
„Weniger Dorfkind“
Heute, mit Tee und Erinnerungen in Plentz’ Bäckerei sitzend, sagt Stefanie Gebauer über die Nachwehen von Peking: „Ich bin nicht so borniert, weniger Dorfkind.“ Sie spricht von Weltoffenheit. Weitere Beweise: Ihre Mutter kam als Kind aus Russland nach Deutschland, sie selbst war in der elften Klasse für ein Jahr in den USA. Sie kannte zuvor nur die typischen Highschool-Szenen aus Filmen. „Es ist wirklich genau so“, sagt sie. Ein enthusiastischer Lehrer entfachte in Oregon ihre Physikbegeisterung.
Zurück am Hennigsdorfer Puschkin-Gymnasium, verschlang sie Einstein-Beiträge. „Ein Knoten im Kopf hat sich gelöst.“ Nach dem Abitur hatte sie jedoch andere Ambitionen. „Ich wollte Medizin studieren, hatte schon einen Platz an der Humboldt-Universität.“ Doch sie hat sich noch vor Studienbeginn exmatrikuliert. "Das glaubt mir heute keiner mehr, aber ich hatte Panik“, erzählt sie. „Aber nicht vor der Medizin, sondern vor dem Gedanken, nie wieder mit Physik in Berührung zu kommen.“
Also: Immatrikulation an der Technischen Universität, theoretische Astrophysik. Dort traf sie auf Typen, die den sympathisch-schrägen Wissenschaftlern der Comedy „The Big Bang Theory“ erstaunlich ähnelten. Der Darstellung des dort gezeigten Physikers als Comic-Nerd entspricht sie jedoch nicht. Sie ist bodenständig geblieben: Mutter, verheiratet, Helfersyndrom.
„Das Aha-Erlebnis war eine Vorlesung über Sonnensysteme und grundlegende Gleichungen. Am Ende hat sich alles wie ein Kreis geschlossen. Diese Formeln und Gleichungen! Es war so unfassbar schön, wie ein innerer Frieden.“ Die Sätze platzen aus ihr heraus, sie gestikuliert wild. Die Passion überrascht etwas. „Damals war es pure Leidenschaft. So langsam kommt sie wieder.“ Der Alltag samt schwieriger Doktorarbeit verdrängte den unbändigen Enthusiasmus.
Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt betreibt die promovierte Physikerin nun Grundlagenforschung, „um Leben außerhalb unseres Sonnensystems zu entdecken“. Sie erforscht Himmelskörper, die um fremde Sterne kreisen, sogenannte Exoplaneten. Die ersten wurden 1992 nachgewiesen, aktuell gebe es knapp 4 200.erfasste. „Die Frage ist immer, ist das, was wir da sehen, Leben oder nicht. Unser Ziel ist es, ein unmissverständliches Indiz zu bekommen.“
Stefanie Gebauer plaudert über die Möglichkeit fremder Welten, über Transit- und Doppler-Wobble-Methode. In einem kleinen Café in einer kleinen Stadt. „Ich habe hier jetzt meine Wurzeln“, sagt sie. Beruflich sei das vielleicht eine Einschränkung, „aber ich habe mich bewusst für meine Familie entschieden“. Ihre Tochter brachte sie auch in die Kommunalpolitik.
2013 kam sie mit einer Zeichnung nach Hause. „Sie war auf der Rückseite eines Plakates“, erinnert sich Stefanie Gebauer. Heute würde sie das als ressourcenschonend beschreiben. Damals stutzte sie, dass die Kita-Leitung offenbar nicht genug Geld für neues Papier hatte. „Das hat mich aufgeregt.“ Also ging sie ins Stadtparlament und regte sich auf. „Mein Herz hat wie wild gepocht.“ Die Gelassenheit und Abgeklärtheit von heute fehlten. „Ich bin dann in jede Sitzung und in die Ausschüsse gegangen, habe mich eingemischt.“ Mit Erfolg. Das Kita-Geld für Material wurde erhöht. Sie lernte: Mut und eine gewisse Penetranz zahlen sich aus. Vielleicht findet diese hartnäckige Physikerin auch irgendwann eine zweite Erde.
Politische Findungsphase
Das damalige Ortsbeiratsmitglied Manfred Schöneberg brachte Stefanie Gebauer zur CDU. 2014 wurde sie in den Ortsbeirat und ins Stadtparlament gewählt. Sie hatte Pläne, für den Bürgermeister-Posten zu kandidieren. Doch ein Treffen mit den CDU-Männern um Frank Bommert zerschlug diese. "Sie wollten mich nicht, sondern Busse." Gebauer trat aus der Partei aus. Nach einer "Findungsphase" bei der SPD und den Grünen, kam sie schließlich zur UWG/LGU. Heute ist sie Vorsitzende des Stadtparlaments. "Ich versuche, Probleme im Vorfeld zu klären." Sie habe die Wahl, mit dem Bürgermeister oder gegen ihn zu arbeiten. "Am besten mit", sagt sie.⇥win

