Die helle Wandfarbe ist trocken, das Zimmer bis auf ein Hochbett noch leer. Anastasiia Judina genießt den Ausblick auf den hinter Bäumen leicht versteckten Boddensee. Die Ukrainerin freut sich über ein Zimmer, das sie jetzt mit ihrem sechsjährigen Sohn Dima beziehen kann. Die Sorge um ihren Partner und ihren Vater in der Ukraine ist zwar immer präsent, und sie ist nach bald fünf Monaten Krieg keineswegs geringer geworden. „Aber wir haben Glück, dass uns so viel geholfen wird. Wir sind so dankbar“, sagt sie.
Anastasiia Judina ist gleich zu Beginn des Krieges im Februar mit ihrem Sohn geflüchtet. In Birkenwerder trafen bald einige ihrer Landsleute ein. Familien aus der Gemeinde hatten sich spontan bereiterklärt, die Frauen und Kinder bei sich aufzunehmen. Ganz schnell und unkompliziert wurde Birkenwerders Willkommens-Initiative, die sich 2015 für syrische Geflüchtete gebildet hatte, wiederbelebt und ein neues Netzwerk der schnellen Hilfe geschaffen.

Ausziehen und doch in der Nähe bleiben

Andrea Müller und Alexander Löwe haben Anastasiia „Nastja“ Judina und Dima ihr Schlafzimmer überlassen. Sie sei sehr froh gewesen, auf diese Familie zu treffen, es war ein Glücksfall, sagte die Ukrainerin schon damals, und so denkt sie viereinhalb Monate später noch immer. Sie geht inzwischen in einen Deutschkurs, spricht in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. Viele Behördengänge sind erledigt, ein Kinderarzt für Dima, der einen speziellen Förderbedarf hat, wurde gefunden. Mit Andrea Müller und Alexander Löwe und deren Kindern Karl und Rosa ist eine Freundschaft entstanden. Die achtjährige Rosa sei so etwas wie Dimas große Schwester, sagt Anastasiia Judina. Rosa sagt, sie finde es jedenfalls „für mich selbst so mittel, aber super für die beiden“, dass sie nun ausziehen, aber ganz in der Nähe bleiben und ihr eigenes Zimmer haben werden.

Einige Geflüchtete haben schon eine Wohnung gefunden

Insgesamt kamen bisher etwa 150 Geflüchtete nach Birkenwerder, manche sind weitergezogen, andere haben mithilfe der Gemeinde und der Willkommens-Initiative Wohnungen gefunden. Einige sind aber immer noch Couch-Gäste bei Familien, so auch Anastasiia Judina und Dima. Deshalb soll das jetzt anders werden.
Der Verein Nordbahngemeinden mit Courage hat das Gästehaus des Sozialwerks gemietet. Jetzt ziehen ukrainische Geflüchtete in die Zimmer ein.
Der Verein Nordbahngemeinden mit Courage hat das Gästehaus des Sozialwerks gemietet. Jetzt ziehen ukrainische Geflüchtete in die Zimmer ein.
© Foto: Andrea Müller
19 Frauen und Kinder aus der Ukraine ziehen dieser Tage in das ehemalige Gästehaus des Sozialwerks in Birkenwerder ein. Alexander Löwe, Vorstand im Verein Nordbahngemeinden mit Courage (NmC), erzählt, wie es dazu kommt, dass der NmC plötzlich unter die Vermieter geht. Um die Gastfamilien und Gäste wieder zu entlasten, wurde ein Gebäude, möglichst in öffentlicher Hand, gesucht. Die Gemeindevertreterin Alexandra Stolzenburg (IOB-BiF) sei auf das leer stehende Gästehaus in der Sacco-Vanzetti-Straße aufmerksam geworden.
Eigentümerin ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BimA). Nachdem der Kontakt hergestellt war, habe der Landkreis Oberhavel aber erklärt, wegen der geringen Größe dieser Unterkunft kein Interesse an der Nutzung zu haben, so Löwe.

Wohlwollen für das zivilgesellschaftliche Engagement

Andrea Müller, Mitglied der Willkommens-Initiative und Gemeindevertreterin (Linke), stieß bei der BimA dann auf offene Ohren und Türen, das Haus dennoch nutzen zu können. „Tatsächlich bekommen wir überall freundliche Unterstützung“, sagt sie. Das liege sicher zu einem Teil daran, dass die Politik auf das zivilgesellschaftliche Engagement auch dringend angewiesen sei. „Trotzdem: Es gibt ja eine Menge zu bedenken, und da erfahren wir bei allen Behörden und Ämtern viel Hilfe“, sagt sie.
Das Hochbett steht schon: Alexander Löwe mit Tochter Rosa, Anastasiia Judina und Sohn Dima, ihre Schwester Katya und die Mutter Tanya
Das Hochbett steht schon: Alexander Löwe mit Tochter Rosa, Anastasiia Judina und Sohn Dima, ihre Schwester Katya und die Mutter Tanya
© Foto: Heike Weißapfel
Die BimA habe das Projekt, Geflüchteten die Zimmer als Wohnraum zu überlassen, gleich unterstützen wollen, sagt auch Alexander Löwe. Von da an habe es nur noch wenige, allerdings aufreibende Wochen gedauert, bis es so weit war. „Der NmC hat am Freitagabend beschlossen, die Verantwortung für die Vermietung zu übernehmen“, so Löwe. Der gemeinnützige Verein habe sich zuvor rechtlich beraten lassen und die Bedingungen mit dem Finanzamt geklärt. Die Sozialleistungen für die Geflüchteten laufen über das Jobcenter, das ebenfalls einbezogen wurde. „Das war echt viel Arbeit, und es ist auch erst vorbei, wenn alles läuft“, sagt Löwe. Nun tritt der Verein NmC selbst als Hauptmieter des Objekts auf, die Untermietverträge mit den Bewohnerinnen sollen dieser Tage geschlossen werden. Die Courage, die Risiken zu tragen, gehört auch dazu. NmC ist haftbar für die Vertragsinhalte.
Der Verein ist dabei weiterhin auf die Unterstützung der Willkommens-Initiative, der Gemeinde, der Paten und der Geflüchteten selbst angewiesen und für Hilfen dankbar. NmC steht in den vier S-Bahn-Gemeinden für tolerantes, demokratieförderndes Engagement. Schirmherren des Vereins sind die vier Bürgermeister.

Hausregeln für die Wohngemeinschaft

Im Haus herrscht Aufbruchsstimmung. Dass die geräumige Villa ein Gästehaus war, kommt den neuen Mieterinnen zugute, da jedes Zimmer ein kleines Bad mit Dusche hat. Platz ist insgesamt für 25 Menschen. Im Erdgeschoss sind eine große Gemeinschaftsküche, die noch eingerichtet werden muss, und ein Büro. Zu DDR-Zeiten mal Gästehaus eines Betriebs, mal Stasi-Objekt und nach der Wende vom BND und schließlich vom Sozialwerk des Bundes genutzt, ist das Gästehaus am Fuß des Boddensees idyllisch gelegen und gut erhalten.
Im Gemeinschaftsraum ist viel Platz am großen Tisch. Alexander Löwe vom Vorstand des Vereins Nordbahngemeinden mit Courage ist gespannt, ob die Wohngemeinschaft hier viele Gespräche über die Hausordnung führt und das Gebäude - soweit möglich - selbst verwaltet. Der NmC hat in diesem Jahr für sein Engagement den Birkenpreis der Gemeinde Birkenwerder erhalten.
Im Gemeinschaftsraum ist viel Platz am großen Tisch. Alexander Löwe vom Vorstand des Vereins Nordbahngemeinden mit Courage ist gespannt, ob die Wohngemeinschaft hier viele Gespräche über die Hausordnung führt und das Gebäude - soweit möglich - selbst verwaltet. Der NmC hat in diesem Jahr für sein Engagement den Birkenpreis der Gemeinde Birkenwerder erhalten.
© Foto: Heike Weißapfel
Die künftigen Bewohnerinnen und ihre Paten renovieren, Möbel werden ihnen direkt und übers Internet geschenkt oder über Ebay ersteigert. So haben ehemalige syrische Geflüchtete, die damals willkommen geheißen wurden, Dimas Hochbett aufgebaut.
Im Erdgeschoss gibt es einen großen Aufenthaltsraum mit einem langen Tisch. „Hier soll künftig das Plenum tagen“, sagt Alexander Löwe. „Ich bin selbst schon ganz gespannt, wie das klappt.“

Jemand muss den Rasen mähen

Denn Organisation muss sein, soll das Zusammenleben als große Wohn- oder Hausgemeinschaft funktionieren. Es wird eine Hausordnung geben und Zeiten für die Benutzung der gemeinschaftlichen Anlagen wie der Küche und der Waschküche im Keller. Auch den Rasen muss jemand mähen. Dazu kommt, dass es nur einen Stromzähler gibt, jede Mieterin also anteilig ihre Kosten bezahlen muss. Die Gemeinschaft im Gästehaus soll viel mehr sein als eine Unterbringung in einer gemeinsamen Unterkunft, hofft Löwe. Die Idee ist auch, dass sich alle mit ihren Fähigkeiten gegenseitig unterstützen.
„Das kann ein richtiges Leuchtturm-Projekt über die Grenzen Birkenwerders hinaus werden“, ist Löwe überzeugt. Er formuliert auch den politischen Anspruch, den der Verein NmC und das zivilgesellschaftliche Netzwerk in Birkenwerder immer verfolgen: „Wir wollen in Birkenwerder eine pragmatische Lösung für die Probleme aufzeigen, die sich auf großer Ebene schlechter lösen lassen“, schreibt Alexander Löwe in einer Erklärung des Vereins. „Wir wollen stolz sein auf eine würdige Unterbringung unserer Gäste, die hier zurecht Schutz vor Krieg in Europa suchen. Mit dem Einsatz von ehrenamtlichen Kapazitäten in Birkenwerder ermöglichen wir eine Unterbringung von Geflüchteten, die einerseits den Landkreis beziehungsweise den Steuerzahler nur einen Bruchteil des Geldes von offiziellen Gemeinschaftsunterkünften kostet und andererseits eine Chance auf Rückzug, aber auch Empowerment und Integration bietet.“

Eine bunt gemischte riesige Wohngemeinschaft

Denn eine Dauerlösung könne die Couch-Unterbringung naturgemäß nicht sein, so Löwe. Dass das bei allem guten Willen eine Herausforderung für die Gäste wie ihrer Gastgeber ist, liegt nahe. Schließlich treffen da Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und kultureller Prägung eher zufällig aufeinander. Das betrifft übrigens zum Teil auch die Ukrainerinnen untereinander, die nun die Wohngemeinschaft bilden: Einige sind miteinander verwandt, andere kennen sich gut oder auch gar nicht. Die Mischung ist bunt: Eine Studentin zieht ein, ein Transgender-Paar und ein älteres Ehepaar sind dabei. Einige Kinder gehen schon in die Kita, das jüngste ist wenige Monate alt.
Anastasiia Judina ist glücklich, dass ihre Schwester Katya und ihr Sohn Micha, der erst Anfang Februar geboren wurde, sowie ihre Mutter Tanya inzwischen bei ihr sind und sie ebenfalls Zimmer beziehen können.

Paten-Familien helfen bei der Renovierung

Im Dachgeschoss wird viel gelacht. Dort sind André Weil und Olena Kazakova beim Streichen und müssen nebenbei aufpassen, dass die knapp zweijährige Diana nicht alles nochmal überstreicht. Die Farbrolle gibt sie nicht mehr her. Noch wohnt Olena Kazakova mit ihrer 31-jährigen Tochter Natalia Zinhaieva und Enkelin Diana bei Familie Weil, jetzt können sie im Gästehaus zwei Zimmer beziehen. Immer wenn es sprachlich schwierig wird, zückt die Ärztin ihr Handy, spricht in die App und zeigt dann den übersetzten Text. Sie stammen aus Nikolaev im Süden des Landes. Ehemann und Schwiegersohn blieben zurück. Wegen des Beschusses auf Nikolaev sind sie jetzt in Kiew.
Plötzlich wird es eng im Zimmer. Madeleine Weil macht mit den Töchtern ihren ersten Besuch. Frida ist in Dianas Alter, Lina geht nach den Ferien mit dem Nachbarn Dima in die erste Klasse. Familie Weil hat sogar schon das zweite Mal ihr Kinderzimmer Geflüchteten aus der Ukraine überlassen. Das haben sie gerne gemacht, sagt André Weil. Spontan auf Situationen zu reagieren, ist er als Feuerwehrmann in Borgsdorf sowieso gewöhnt.