Seenotrettung: Oberhaveler rettet Menschen im Mittelmeer das Leben
Am Freitagmorgen nahm die Crew vor der libyschen Küste 65 Flüchtlinge von einem überfüllten Schlauchboot an Bord. Dann begann die Irrfahrt. Kein Hafen wollte dem Schiff Einlass in seine Hoheitsgewässer gewähren. Erst untersagte Italien den Seenotrettern der Regensburger Hilfsorganisation „Sea-Eye“, am italienischen Hafen von Lampedusa anzulegen. Dann wies Malta das Schiff ab.
Sonntagabend willigte die maltesische Regierung – es gab drei medizinische Notfälle an Bord, deren Zustand sich laut Marcel Ditt zusehends verschlechterte – schließlich ein, die Migranten mit dem Boot abzuholen. „Darüber waren wir sehr glücklich und allesamt etwas erstaunt, dass es so schnell geklappt hat“, schreibt Marcel Ditt. Mit unserer Zeitung hat er am Montag per E-Mail Kontakt. „Das Auswärtige Amt und die Europäische Kommission waren im Dialog mit den maltesischen Behörden und haben sich sehr für uns eingesetzt, dafür sind wir sehr dankbar.“
Über die Migranten auf der „Alan Kurdi“ schreibt er: „Die Leute an Bord waren von den Strapazen der letzten Monate und Jahre sehr mitgenommen und man hat es ihnen angesehen, dass sie Schreckliches erlebt haben.“
Für seinen Vater war es ein Wochenende zwischen Anstrengung und Spannung. „Zumindest für diesen Einzelfall gab es ein positives Ende“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Er sei froh, dass die Crew der „Alan Kurdi“ nicht das gleiche Schicksal erleiden musste wie die der „Sea-Watch 3“ unter Kapitänin Carola Rackete in Lampedusa. Sie wurde festgenommen und wenige Tage später wieder freigelassen. Ihr wurde unter anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen. „Es kann nicht sein, dass Menschen, die helfen, andere Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren, kriminalisiert werden“, sagt Jörg Ditt. „Das ist eine absurde und perverse Situation. Man lässt Menschen nicht ertrinken. Punkt.“
Mit seinem Sohn Marcel ist er über den Nachrichtendienst WhatsApp in Kontakt. Das Netz breche für Telefonate immer wieder weg. „Ich habe 1 000 Fragen an ihn, will ihn aber nicht zuballern mit Nachrichten, er hat anderes um die Ohren.“
Als Jörg Ditt am Montag die Nachricht bekommt, dass sein Sohn mit der „Alan Kurdi“ direkt wieder ins Einsatzgebiet fahren will, sagt er: „Ich ziehe meinen Hut und habe größten Respekt vor seiner Entscheidung.“ Sea-Eye-Einsatzleiter Gorden Isler teilte am Sonntagabend mit, dass die Rettungsaktion weitergehe. Das bestätigt Marcel Ditt unserer Zeitung. „Wir befinden uns mittlerweile wieder in der libyschen Seenotrettungszone und setzen unsere Rettungsmission fort. Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich Personen aus Seenot zu retten.“ Der 26-Jährige schreibt: „Von dem, was wir über die Situation in Libyen wissen, und von dem, was mir die Leute an Bord in den letzten Tagen von der Hölle, die sie Libyen nennen, erzählt haben, ist es unausweichlich, dass Menschen versuchen, dieser Situation dort zu entfliehen.“
Die Geflüchteten wieder dorthin – nach Libyen – zurückzuschicken, käme laut Marcel Ditt einem Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonventionen gleich. Vor wenigen Tagen erhielt die Crew die Nachricht, dass ein Boot vor der tunesischen Küste verunglückt ist und über 80 Menschen dabei ihr Leben verloren haben. „Wenn man sich solche Nachrichten erhält und im selben Moment 65 Leute an Bord hat, von denen 39 Kindern sind, dann geht einem das schon sehr nahe.“
Sein Vater sagt, die Familie hätte ihren Sohn ermutigt, auf Rettungsmission zu gehen. „Wir stehen 100-prozentig hinter ihm.“ Marcel Ditt ist in Eichstädt aufgewachsen, hat sein Abitur am Hedwig-Bollhagen-Gymnasium Velten gemacht und war in der örtlichen Willkommensinitiative aktiv. Er habe genau den richtigen Weg eingeschlagen. „Und das in Privatinitiative“, betont Jörg Ditt. „Er und andere Helfer bekommen keinen Cent, sie stemmen alles auf eigene Kosten.“
Vor seinem Einsatz als Seenotretter sei Marcel in der Türkei unterwegs gewesen, habe als „Spotter“ nach Geflüchteten Ausschau gehalten. „Auf eigene Kosten ist er dann nach Spanien gefahren, um aufs Schiff der ‚Alan Kurdi‘ zu kommen.“
Laut Jörg Ditt werde es keine gesamteuropäische Lösung geben. „Es sind zu viele konservative Länder wie Ungarn, Italien oder Polen beteiligt“, sagt der Kommunalpolitiker über das Abdriften Europas in ein rechtskonservatives Spektrum. „Wir brauchen jetzt Länder, die handeln. Deutschland, Frankreich oder Holland müssen vorangehen.“
Es könne es nicht sein, so Jörg Ditt, dass in einer EU mit 28 Staaten und mehr als 500 Millionen Menschen trotzdem Geflüchtet im Mittelmeer ertrinken müssen oder in libyschen Lagern, laut Medienberichten unter „KZ-ähnlichen Zuständen“, ums Leben kommen: „Mit jedem Flüchtling säuft ein Stück der Wertegemeinschaft der EU ab.“
Für seinen Sohn ist die Frage, weshalb Organisationen die Hafeneinfahrt verwehrt wird. „So wie in unserem Fall vorgegangen wurde, muss es der Regelfall sein!“, schreibt er. Er wünscht sich eine gesamteuropäische Lösung: „Es muss eine Europäische Seenotrettungsmission entwickelt werden!“
In Erinnerung anAlan Kurdi
Das Bild ging um die Welt: Im September 2015 wurde die Leiche des zweijährigen Alan Kurdi an der Mittelmeerküste an Land gespült. Das Foto des syrischen Jungen kurdischer Abstammung machte Schlagzeilen. Es zeigt den Jungen auf dem Bauch liegen, im Sand, mit rotem T-Shirt, blauen kurzen Hosen.
Alan Kurdi kam auf der Flucht um. Seine Familie versuchte, von der Türkei aus – zuvor waren sie vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen – die griechische Insel Kos zu erreichen. Das Boot kenterte. Schwimmwesten gab es nicht. Seine Mutter und sein etwas älterer Bruder starben ebenfalls.⇥red


