Sozialarbeit: Kleiderkammer ist auch ein wichtiger Begegnungsort
Aber die Mitarbeiter dort leisten noch viel mehr. „Es braucht viel Zeit und Einfühlungsvermögen, wenn ein Witwer uns die gut erhaltenen Lieblingskleider seiner verstorbenen Frau bringt, aber die Sachen so unmodern sind, dass wir dafür keinen Abnehmer finden können“, sagt Sabrina Müller, die seit eineinhalb Jahren in Hennigsdorf angestellt ist. Mit ihr arbeiten hier sogenannte „Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung“ (frühere Ein-Euro-Jobber), es gibt geförderte Arbeitsverhältnisse und Ehrenamtler, die zusammen versuchen, den Kunden nicht als bloßen Kleidungsempfänger zu betrachten. Für ihre Kunden sind die Kleiderkammern eine Begegnungsstätte, die Mitarbeiter ein wichtiger sozialer Kontakt.
Und, was auf den ersten Blick erstaunen mag, die Mitarbeiter leisten einen konkreten Beitrag zur Integration. Petra Neumann, Leiterin der PuR, berichtet, dass die Kunden der Kleiderkammer zu beinahe 80 Prozent nicht aus Deutschland stammen. Kinder werden mit Spielzeug beruhigt, über die Bezeichnung der Kleidungsstücke soll die Angst vor der deutschen Sprache schwinden, und manche Probleme können an die soziale Beratungsstelle für Flüchtlinge im gleichen Haus verwiesen werden. Auf diesem Weg entstehen persönliche Beziehungen und manchmal Freundschaften.
Viele ältere Menschen kommen
Die Kunden in der Fundgrube und der angeschlossenen sozialen Nähstube, die der Arbeitslosenverband in Oranienburg betreibt, sind nach Auskunft der Leiterin Viola Knerndel meist ältere Menschen. Vor allem Hartz IV-Empfänger und Rentner, ausländische Mitbürger aber auch Obdachlose kommen hierher. Neben der Suche nach billiger Kleidung haben die Mitarbeiter ein offenes Ohr für die manchmal existenzbedrohenden Nöte der Menschen. Wer Probleme mit dem Abfassen oder Ausfüllen von Anträgen hat, findet hier Unterstützung und Beratung. Es gibt Hilfe bei der Beantragung von Pflegestufen, der Grundsicherung im Alter und bei Hartz IV-Anträgen. Mütter und Schwangere werden an die Beratungsstellen des DRK weitervermittelt, Kunden mit Suchtproblemen an die Diakonie und Schuldner an den Märkischen Sozialverein. Sogar das Jobcenter schickt Einwohner, deren Anträge in absehbarer Zeit nicht entschieden werden können, mit einem Schreiben zur Fundgrube. Es sind Menschen ohne Einkünfte, die von der Tafel versorgt werden.
Der Arbeitslosenverband, der sich aus Spenden, selbst erwirtschafteten Geldern und kommunalen Mitteln finanziert, muss kostendeckend arbeiten. Ein solches Vorgehen der Ämter kann also auf Dauer zu Finanzproblemen führen, die sich auf alle Beteiligten auswirken.
Auch bei der Oranienburger Kleiderkammer e.V. herrscht zu den Öffnungszeiten großer Andrang. Hier arbeiten ausschließlich Ehrenamtler. Wichtig: Im Pausenraum hängt eine Bedarfsliste für das Frauenhaus. Die Mitarbeiter gehen genauso persönlich auf die Altkunden aus Deutschland und Europa wie auf arabischstämmige Familien ein. „Man kennt seine Leute und ihre Probleme. Kunden, die aus dem betreuten Wohnen kommen und monatlich nur über ein Taschengeld verfügen, dürfen zehn Teile umsonst mitnehmen“, sagt Angelika Voigt, die die Kleiderkammer leitet. Auch Kinder genießen einen Sonderstatus, und beim Warten vor der „Kasse“ wird ein liebevoll sortierter Schmuckständer zum Magnet für junge Mütter.
Die Kunden aller Kleiderkammern sind anspruchsvoller geworden. Unmoderne Kleidung oder solche mit Flecken, fehlenden Knöpfen und aufgeplatzten Nähten wird nicht genommen. Gespendet wird unverändert viel, aber der Überschuss kann auch zum Problem werden. Da bei den abgegebenen oder abgestellten Sachen das Spektrum von ungetragenen Markenklamotten über wirklich abgetragene Kleidung bis zu stinkenden Lumpen reicht, muss jeder Verein eine Lösung für das Zuviel finden. Die Oranienburger Kleiderkammer lässt tragbare Kleidung jede Woche von der Stiftung Lobetal abholen, die ihrerseits Hilfstransporte in die Ukraine sendet. Die Oranienburger Fundgrube gibt überschüssige Sachen an andere Häuser des Arbeitslosenverbandes. Den Bodensatz der Spenden, die sonst kostenpflichtig entsorgt werden müssten, übernimmt in Oranienburg und Hennigsdorf wöchentlich ein Transporter des DRK.
Kontakte inOberhavel
PuR KleiderkammerFabrikstraße 10, 16761 Hennigsdorf03302 49980152
Fundgrube und soziale Nähstube des Arbeitslosenverbandes e.V.Strelitzer Straße 5-6,16515 Oranienburg03301 535425
Oranienburger Kleiderkammer e.V.Albert-Buchmann-Straße 15,16515 Oranienburg03301 5766867
Kleiderkammer des DRK OranienburgBerliner Straße 104, 16515 Oranienburg03301 2009611
Kleiderkammer des DRK GranseeKoliner Straße 12a, 16775 Gransee03306 796917⇥da

