Suchtberaterin: Oberhavel hat ein Drogenproblem
Auf eine einfache Formel bringt das Andrea Wulsten: „Alle, die mit Jugendlichen zu tun haben, haben auch mit Drogen zu tun.“ Sie muss das wissen, ist sie doch mit ihrer langen Laufbahn als Beraterin beim DRK so etwas wie Oberhavels oberste Experterin für illegale Drogen. Andrea Wulsten hat alles gesehen und erlebt, was mit Heroin, Cannabis, Kokain, Crystal, Pilzen und allen anderen Stoffen zu tun hat, die aufputschen, high machen oder einen durchdrehen lassen.
In Oranienburg berichtet die 50-Jährige von ihren Erfahrungen vor 40 Sozialarbeitern aus Oberhavel, die „an der Front“ an Schulen, in Klubs, in Jugendeinrichtungen und auf der Straße mit Zehn- bis über 20-Jährigen zu tun haben. Und je länger die Gesprächsrunde dauert, zu der der Kreisjugendring eingeladen hat, um so mehr bestätigt sich die Vermutung: Oberhavel hat ein Drogenproblem.
15-Jährige, die bekifft oder auf Pillen in ihre Klubs vor Ort gehen, auf Droge an Bushaltestellen sitzen, vor der Schule Amphetamine schlucken – in Oberhavel hat das keinen Seltenheitswert mehr. Liebenwalde gehöre zur Kokain-Hochburg und Leegebruch sowie der S-Bahn-Bereich sollen zunehmend mit Drogenproblemen bei Jugendlichen zu kämpfen haben. "Es gibt keine Spritze wie beim Arzt“, sagt Andrea Wulsten, die alles einfach löst. Es sind die Sozialarbeiter, denen sich die Nackenhaare aufstellen, wenn sie in weit geöffnete oder nur stecknadelkopfgroße Pupillen blicken. Sie müssen handeln, wenn sonst ruhige Teenies plötzlich am Rad drehen, andere ohne Punkt und Komma quatschen, Blödsinn reden, unvermittelt kichern oder seltsam aggressiv daherkommen. „Das passt heute nicht, du störst die Gruppe, komm morgen wieder“, empfiehlt Andrea Wulsten als Reaktion. Also erst einmal wegschicken, in der Hoffnung, dass der Angesprochene morgen „clean“ erscheint. Wenn nicht? „Ansprechen, reden, zuhören, klare Kante zeigen, helfen,“ sagt Wulsten, notfalls weitervermitteln zur DRK-Suchtberatung, die Sprechstunden in Gransee, Hennigsdorf und Oranienburg hat. Dort gebe es einen Zulauf von 13- und 14-Jährigen, sagt sie, will sagen, das Suchtleben beginnt immer früher. Bei den Erwachsenen sollten die Alarmglocken läuten. Leider sei es nicht selten ganz anders. Dann erzählt Andrea Wulsten den Fall eines Jugendlichen, dem seine Eltern alles durchgehen ließen, angefangen vom Schule schwänzen bis zu Konflikten mit der Polizei. Seine Drogen-Karriere machte ihn zu einem „harten Junky, der nur noch sehr schwer zu erreichen ist“, so Wulsten.
Die Drogenszene sei gut vernetzt, Crystal und Ecstasy gebe es an jeder Ecke. „Der Zuwachs an Amphetaminen ist erschreckend. Ich habe das Gefühl, Oberhavel wird gerade damit überschwemmt“, sagt die Suchtberaterin. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Einsteigerdroge Cannabis damit verschnitten wird. "Die Blüte wird zum Beispiel mit Crystal bespritzt“, erläutert Andrea Wulsten, um neue Konsumenten von Methamphetamin zu gewinnen. Der Gewinn für Dealer sei immens. 3 500 Euro mache beispielsweise ein 15-Jähriger im Monat, will jemand aus der Runde der Sozialarbeiter erfahren haben. Eine Folge: „Was Geld angeht, sind die jungen Menschen versaut. Sagen Sie dem doch mal, er soll eine Lehre machen. Der kommt vor Lachen nicht mehr in den Schlaf.“ Für Pädagogen sei das ein harter Fall. „Nur um Kohle, Kohle, Kohle“ gehe es auch bei verschnittenen Drogen. „Den Dreck bekommen häufig die ganz Jungschen, weil die ganz am Ende der Konsumentenkette stehen. Nur die Stammkunden bekommen das unverschnittene Zeug. Das müssen die jungen Leute wissen!“, gibt Wulsten den Sozialarbeitern Oberhavels mit auf den Weg.
Das Beste, was experimentierfreudigen Jugendlichen passieren könne, sei ein Elternhaus, in dem Kinder zu selbstbewussten, konfliktfähigen und ichstarken Menschen heranwachsen. „Die beste Prävention ist gute Pädagogik“, sagt Andrea Wulsten und bezieht damit alle ein.
Hintergrund und Kontakt
■ Auf verschiedenen Feldern ist ein Anstieg des Drogenkonsums zu spüren. So hat es im vergangenen Jahr zum Beispiel in Brandenburg einen Anstieg der Fälle von Rauschgiftkriminalität gegeben, wie das Polizeipräsidium mitteilte. Lag die Zahl der Fälle im Jahr 2017 noch bei 873, stieg sie vergangenes Jahr deutlich um 156 auf 1 029 erfasste Delikte an.
■ Auch die Verkehrspolizei hat immer mehr mit Verstößen unter Drogen und Alkohol zu tun. Laut Informationen der Polizeidirektion Nord gab es vergangenes Jahr im Landkreis Oberhavel 111 Unfälle unter Einfluss von Drogen und Alkohol. Im Jahr zuvor wurden 98 Drogen-Alkohol-Unfälle registriert.
■ Die Zentrale der DRK-Suchtberatung für Oberhavel ist in Hennigsdorf, Rathenaustraße 17, Telefon: 03302 801645, mail: drksuchtberatung@hotmail.com. ⇥(bu)


