Brandenburgs Störche haben längst den sonnigen Süden in Afrika erreicht. Schon im August machten sich die Zugvögel auf ihre Routen - über Spanien oder über den Balkan. Auf den Horsten und bei Roland Heigel in Wensickendorf ist Ruhe eingekehrt. Für den Weißstorchbetreuer des Nabu im Bereich des Altkreises Oranienburg war der Storchensommer 2022 besonders aufregend.
„Das war ein gutes Storchenjahr“, bilanziert der Wensickendorfer. Zumindest gelte dies für den Bereich Oranienburg. Es gebe aber durchaus Regionen in Brandenburg, in denen es für die Störche nicht so gut lief. Doch in den Horsten zwischen Kremmen und Wensickendorf wurden 61 Jungstörche ausgebrütet. Nach jahrelangem Rückgang ein deutlicher Aufschwung. Nur 43 Jungstörche schafften es im recht verregneten Sommer 2021. Die Nässe machte den Tieren zu schaffen. Mit nassem Federkleid können sie den Kältetod erleiden. Vor zehn Jahren zählte Heigel noch 79 Jungstörche im südlichen Landkreis. „Es gibt immer Höhen und Tiefen. Die Population steht und fällt mit den Nahrungsquellen und Witterungsbedingungen“, erklärt der Experte, der seit 22 Jahren Weißstorchbetreuer des Nabu im Kreis ist, sich aber bereits seit Jahrzehnten den Störchen verschrieben hat.

Grausamer Tod einer Störchin in Beetz

Heigel listet nicht nur penibel auf, wann der erste Storch im Frühjahr auf einem der Horste im Landkreis landet. Er kennt auch die Zahl der Brutpaare und Jungvögel, weiß, welche Tiere seit Jahren wiederkehren. „Störche sind horsttreu“, sagt Heigel. Die Brutpaare bleiben ein Leben lang zusammen und kommen jedes Jahr auf denselben Horst zurück - es sei denn, dort hat sich schon ein anderer Storch breit gemacht. Dann kommt es zu Horstkämpfen. Die Unterlegenen müssen einen anderen Platz finden. Wenn Störche im nächsten Frühjahr nicht mehr auftauchen, weiß Heigel nicht, ob sie einen neuen Nistplatz gefunden haben oder möglicherweise die lange Flugreise in den Süden oder zurück in den Norden nicht überstanden haben.
Webcam am Horst: Bei heißen Temperaturen Mitte Juni versorgen die Altvögel ihre Jungen mit Wasser. Dieses schöpfen sie aus den umliegenden Gewässern und transportieren es im Kropf zu ihrem Nachwuchs, erklärt Roland Heigel.
Webcam am Horst: Bei heißen Temperaturen Mitte Juni versorgen die Altvögel ihre Jungen mit Wasser. Dieses schöpfen sie aus den umliegenden Gewässern und transportieren es im Kropf zu ihrem Nachwuchs, erklärt Roland Heigel.
© Foto: Roland Heigel
Überall lauern Gefahren für die Zugvögel - auch in Oberhavel. Eine Störchin war am 14. Juni in Beetz gestorben, nachdem sie einen Maulwurf fressen wollte. Das Tier krallte sich im Schlund des Vogels fest, starb und verweste dort langsam. Das führte zur Vergiftung der Störchin, die schon seit zwölf Jahren mit ihrem Partner auf demselben Horst brütete - im Garten von Helmut Voigt, vor dessen Füßen die Störchin schließlich qualvoll verendete.

Jungstörche aus dem Nest geholt

Fünf Junge warteten im Nest auf Futter. Für den übrig gebliebenen Storchenvater wäre das eine unlösbare Aufgabe gewesen. Heigel berichtet, wie bei Futtermangel Jungstörche aus dem Nest geworfen oder mit dem spitzen Schnabel aufgespießt werden. „Störche sind da nicht zimperlich.“ Doch so weit sollte es in Beetz nicht kommen. Helmut Voigt fütterte unermüdlich mit Fischen. Seine Störche waren daran gewöhnt und schon sehr zahm. Der Storchenvater hab den Fisch unaufhörlich zu den Jungen im Nest gebracht, die allesamt groß und flügge wurden, berichtet Heigel.
Nicht so erfolgreich war dieser Versuch in Germendorf. Dort verendete ein Storch, nachdem er sich in einer Hochspannungsleitung einen Flügel fast ausgerissen hatte. Hier klappte das Zufüttern nicht. „Der andere Storch nahm den Fisch nicht an. Eigentlich sind Fische auch keine Beute für Störche“, erklärt Heigel.

Bis zu acht Störche gleichzeitig mussten gefüttert werden

Der Storch machte Anstalten, einen Teil der Brut aus dem Nest zu werfen. Heigel holte zwei der drei Jungvögel per Hubwagen der Feuerwehr vom Horst und zog sie in Wensickendorf groß - wie schon unzählige Störche in früheren Jahren. Die beiden Tiere und der im Horst verbliebene Storch wurden flügge. Alle drei Störche flogen im August in den Süden.
Ab in den Süden: Die drei Jungstörche aus Wensickendorf haben den Horst Mitte August verlassen und ziehen Richtung Afrika.
Ab in den Süden: Die drei Jungstörche aus Wensickendorf haben den Horst Mitte August verlassen und ziehen Richtung Afrika.
© Foto: Roland Heigel
Bis es so weit war, hatte Heigel noch alle Hände voll zu tun. Denn er nahm sich noch weiterer Störche an, die bei ersten Flugversuchen abgestürzt waren. Bis zu acht Störche gleichzeitig päppelte er in diesem Sommer auf. „Da war ganz schön was los, so viele waren es noch nie“, gibt der erfahrene Storchenbetreuer zu. Die größeren Jungstörche brauchen täglich ein Kilo Futter, machte also acht Kilo pro Tag. Es gab vor allem Fisch.

Angler brachten Fisch

Heigel bedankt sich bei den Anglern, die nur für die Störche ihre Ruten auswarfen und ihren Fang zum Verfüttern nach Wensickendorf brachten. Der Lohn für Heigel sind Störche, die erfolgreich groß und flügge werden. Manchmal sieht er die dann beringten Vögel im folgenden Jahr wieder. Einen Storch, den er im vergangenen Jahr nach einer Verletzung wieder aufgepäppelt hatte, tauchte in diesem Frühjahr in Basdorf wieder auf.
Der Storchenbeauftragte Roland Heigel (r.) erhielt den Ehrenpreis der Stadt Oranienburg aus der Hand von Finanzdezernent Christoph Schmidt-Jansa.
Der Storchenbeauftragte Roland Heigel (r.) erhielt den Ehrenpreis der Stadt Oranienburg aus der Hand von Finanzdezernent Christoph Schmidt-Jansa.
© Foto: Stefan Zwahr
Die acht Störche, die in diesem Jahr gleichzeitig auf seinem Hof waren, seien eine große Freude für ihn gewesen. „Bei mir ist immer eine Tür für Störche offen. Ich mache das für die Jungstörche“, sagt der Storchenvater, der für sein unermüdliches Engagement am 2. Oktober mit dem Ehrenpreis der Stadt Oranienburg geehrt wurde. „Das hat mich wirklich gefreut“, sagt Heigel, den die Überraschung zu Tränen gerührt hat.