Tod
: Der ambulante Hospizdienst hilft Menschen in tiefer Trauer

Nach dem Verlust ihres Ehemannes wendet sich Christina Uhl hilfesuchend an den ambulanten Hospizdienst.
Von
Amy Walker
Oberhavel
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  • Emotionen auf das Blatt bringen: In der Trauergruppe von Jacqueline Werk sollen die Teilnehmer Bilder malen, die ihre Gefühle widerspiegeln, um danach mit den anderen Gruppenmitgliedern darüber zu sprechen.

    Emotionen auf das Blatt bringen: In der Trauergruppe von Jacqueline Werk sollen die Teilnehmer Bilder malen, die ihre Gefühle widerspiegeln, um danach mit den anderen Gruppenmitgliedern darüber zu sprechen.

    Amy Walker
  • Jacqueline Werk ist Sozialarbeiterin beim Hospizdienst.

    Jacqueline Werk ist Sozialarbeiterin beim Hospizdienst.

    Amy Walker
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Die große Liebe

Christina und Alfred Uhl waren 43 Jahre lang verheiratet. Sie haben zwei Kinder und drei Enkelkinder. In ihrem Haus in Schmachtenhagen war ihr Glück perfekt, auch wenn Alfred Uhls körperliche Gesundheit das nicht war. Nach einem Unfall wurde er in jungen Jahren querschnittsgelähmt. „Ich habe ihn im Rollstuhl kennengelernt. Ich habe den Stuhl aber nie gesehen. Ich habe mich in diese Augen verliebt“, erinnert sich Christina Uhl. Die gelernte Kinderkrankenschwester begegnete ihrem zukünftigen Ehemann in der Klinik. Ab dem Moment waren beide unzertrennlich. „Entweder wir haben etwas zusammen gemacht oder gar nicht.“

Fünf Jahre vor seinem Tod verunfallte Alfred Uhl erneut – sodass einer seiner Arme zusätzlich gelähmt war. Dadurch, dass er sich selbst nicht mehr aus dem Stuhl heben konnte, war er pflegebedürftig. „Ich konnte ihn nicht aus meinen Händen geben.“ Christina Uhl pflegte ihren Ehemann zu Hause, sie gab dafür ihren Beruf auf. Die Pflege strukturierte das Leben des Paars. Jeden Morgen um vier stand Christina Uhl auf, um ihren Mann aus dem Bett zu tragen. Sie waren glücklich, immer wenn sie Lust hatten, wohin zu fahren, sind sie aufgebrochen. Es schien ihnen nichts im Wege zu stehen. „Aber irgendwann war die Schlacht verloren“, sagt Christina Uhl. Alfred hatte einen Tumor. Am Ende seines Lebens hatte er große Schmerzen, täglich spritzte Christina ihm Morphium – bis zum 10. Oktober, als auf einmal nichts mehr half. Noch wenige Wochen zuvor, am 27. September, hatte das Paar seinen letzten gemeinsamen Hochzeitstag gefeiert.

Die Zeit der Trauer

Der Tod ihres Ehemanns hat Christina Uhl schwer traumatisiert. „Er fehlt mir nach wie vor wahnsinnig“, sagt sie heute. Es fällt nicht schwer, ihr das zu glauben. Sie spricht über ihren Alfred, als ob sie immer noch frisch verliebt sei.

Um den Tod und die Trauer zu verarbeiten, benötigte Christina Uhl Hilfe. Im November 2017 sprach sie deshalb beim ambulanten Hospizdienst in Oranienburg mit der Sozialarbeiterin Jacqueline Werk. Diese lud Christian Uhl ein, an einer Trauergruppe teilzunehmen. Im Februar fand das erste Treffen statt.

Die Trauergruppen des ambulanten Hospizdienstes werden regelmäßig angeboten, je nachdem, wie die Nachfrage ist. Zwischen sechs und acht Personen können in einer Gruppe sein, zuvor kommen die Trauernden zu einem Gespräch bei Jacqueline Werk zusammen. Eine Sitzung dauert etwa zwei Stunden, alle 14 Tage kommt die Gruppe zusammen, um sich ausschließlich mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen.

„Zur ersten Sitzung bringe ich einen Beutel voller Krimskrams mit. Figuren, Überraschungseier, eine Nähmaschine, alles was man sich vorstellen kann“, sagt Sozialarbeiterin Werk. Anhand dreier Objekte sollen die Teilnehmer dann erklären, warum sie da sind. „Weil es vielen Menschen einfacher fällt, sich über andere Dinge zu erklären.“ Es geht in den Sitzungen um Gefühle, um die Frage nach der Bedeutung der verstorbenen Person, wer sie war und was die Trauernden jetzt an ihr vermissen. „Und dann geht es auch um die Menschen, die jetzt die Trauernden stützen. Mein Fokus soll nämlich immer positiv sein“, so Jacqueline Werk. Der trauernde Mensch soll den Weg zurück nach außen, zurück ins Leben wagen und ein Stück weit auf seine Mitmenschen zugehen. „Die Menschen in den Gruppen sind auch immer ganz vielfältig. Da sind vielleicht eine 18-jährige Frau und ein 70-jähriger Mann in der Gruppe. Die haben natürlich eine andere Geschichte. Es entwickelt sich aber immer eine Solidarität, fast automatisch.“ Jaqueline Werks Anspruch an die Gruppen ist es, den trauernden Menschen ein Handwerk zu geben, um mit ihrer Trauer umzugehen. „Am Ende muss es jede Person für sich schaffen. Aber die Gruppe kann einem Rückendeckung geben.“ Jacqueline Werk weiß aus ihrer Erfahrung: Jeder Mensch kann es schaffen.

Bei Christina Uhl löste der erste Termin ein komisches Gefühl aus. „Es verlangt unheimlich viel von einem ab“, sagt sie. Vor fünf fremden Menschen sein Herz auszuschütten, falle nicht jedem leicht. „Ich habe aber gestaunt, wie plötzlich man sich doch öffnen konnte. Innerhalb kürzester Zeit war da eine Vertraulichkeit.“ Jacqueline Werk habe die Gruppe durch die Dunkelheit geführt und ihr einen Hoffnungsschimmer aufgezeigt. „Ein Licht am Ende des Tunnels“, beschreibt es Christina Uhl. Nach jeder Sitzung hat die Sozialarbeiterin ein Gedicht mitgebracht, das den Trauernden helfen sollte. „Das war für mich wie Balsam für die Seele“, sagt Christina Uhl.

Das Leben ist doch schön

Die Trauergruppen gehen nach dem letzten Termin meistens nicht einfach wieder auseinander. „Es gibt zum Beispiel eine Gruppe, die kocht immer wieder zusammen. Manchmal laden mich die Gruppen zum Weihnachtskaffee ein“, sagt Jacqueline Werk. Häufig hört sie von ehemaligen Teilnehmern, dass sie zumindest verbal den Kontakt zueinander aufrechterhalten. Dies sei auch ein Ziel der Trauergruppe: Menschen zu finden, denen man sich nicht erklären muss. Christina Uhl pflegt heute eine Freundschaft mit einer anderen Teilnehmerin aus der Gruppe. Eine Weile lang hatten sich auch andere Mitglieder regelmäßig gesehen – aber mit der Zeit sei das wieder auseinandergegangen. „Der Weg aus der Trauer ist für jeden unterschiedlich“, weiß die 65-Jährige. Mit der neuen Freundin aus der Trauergruppe kann sie über ihren Mann sprechen, gemeinsam können sie beide auch mal weinen. Am Todes- und am Geburtstag von Alfred bekommt sie immer Nachrichten von dieser Freundin. „Ich denke heute an dich, heißt es dann einfach. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Christina Uhl ist heute die ehrenamtliche Leiterin der Rheuma-Liga in Oranienburg. Sie plant gerade einen Wochenendausflug der Gruppe im Herbst, was viel Zeit in Anspruch nimmt. Nach Alfreds Tod hat sie schnell gemerkt, dass sie eine Beschäftigung braucht. Mit der Tätigkeit bei der Rheuma-Liga hat sie genug zu tun. Und es macht Spaß. „Alfred hat bis zuletzt immer gesagt: Tina, das Leben ist doch schön. Dieser Satz begleitet mich.“

Angebote zur Trauerbewältigung

In Corona-Zeiten sind zunächst alle Veranstaltungen des ambulanten Hospizdienstes ausgesetzt. Telefonisch sind sowohl die Koordinatorinnen als auch das Büro weiterhin erreichbar.

Üblicherweise finden die Trauergruppen je nach Bedarf und Nachfrage statt. Die festen Termine sind meistens alle 14 Tage. Wer eine solche Gruppe für sich in Betracht zieht, sollte bei Jacqueline Werk vorstellig werden: 03301 207445.

Wer keine feste Trauergruppe möchte, kann in das Trauercafé "Lichtblick" gehen. Normalerweise jeden ersten Dienstag im Monat zwischen 17 und 19 Uhr.

Für Kinder gibt es ebenfalls eine Trauergruppe, die "Igelkinder". In gemischten Gruppen mit bis zu acht Kindern wird spielerisch über Trauer gesprochen. Erwachsene sollen nicht mit von der Partie sein. Die "Igelkinder" treffen sich einmal im Monat. Ansprechpartnerin ist ebenfalls Jacqueline Werk.⇥wal