Zugegeben: Das ist die Musik, die Teenager gerade wollen. Manchmal hören auch Eltern mit. Aber die Zielgruppe von Billie Eilish hat eher keine Schnittmengen mit typischen Zeitungslesern. Seit der Grammy-Verleihung am Sonntag ist die 18-jährige Amerikanerin aber selbst denjenigen bekannt, die sich nicht für Popmusik interessieren. "Ich hab am Montag zum ersten Mal einen Song von ihr gehört", verrät eine Mutter  aus Oranienburg, die selber Musik macht.

Manfred Schmidt, Leiter der Kreismusikschule, beschäftigt sich nun ebenfalls mit dem Phänomen Billie Eilish. Immerhin war der Newcomer bei den Grammys so erfolgreich wie keine Sängerin vor ihr. "Meine 14-jährige Tochter hat mir vor ein paar Monaten einen Song vorgespielt", sagt Manfred Schmidt. Beim "Konzert der Jüngsten" im vergangenen Mai habe eine Musikschülerin einen Song von Billie Eilish gesungen. "Da habe ich den Namen zum ersten Mal gehört."
Inzwischen hat das Billie-Fieber die Musikschule erreicht. Eigentlich brauche es länger, bis aus einem neuen Trend oder einer Neuentdeckung eine Welle wird. Doch die Welle habe die Kreismusikschule mit großem Tempo längst erreicht. Das habe ihm seine Kollegin Anne Gerwinat erklärt, sagt Schmidt. Die Gesangslehrerin an der Musikschule werde von immer mehr Schülerinnen gebeten,  Billie-Eilish-Songs einzustudieren.
Aber ist dieser Erfolg bei Fans und Juroren der Grammys wirklich gerechtfertigt? Manfred Schmidt erklärt auf die Frage zunächst, dass er vor allem klassische Musik hört. Auf der Homepage der Musikschule nennt er den langsamen Satz des Klavierquartetts op. 25 von Johannes Brahms als Ohrwurm. Popmusik kommt eher nicht aus seinen Lautsprechern und Kopfhörern. "Ich suche oft das Komplexe in der Musik. Und das finde ich beim Pop nicht", sagt Schmidt. "Aber wenn mir meine Kinder etwas vorspielen, dann höre ich zu." Dabei beginnt er als Lehrer aber sofort mit der Analyse. "Wenn ich den Aufbau eines Stücks schon nach 30 Sekunden erkenne, langweilt er mich", sagt er über den ersten Song, den er von Billie Eilish hörte. Das war "Bad Guy", allein auf Youtube in den vergangenen zehn Monaten mehr als 700 Millionen Mal abgerufen.
Dennoch ist Manfred Schmidt fasziniert. "Ihre Stimme ist jenseits von dem, was man von einer Ausbildung erwartet. Stimmlich ist sie schon fertig. Mit 18 Jahren. Da fangen andere erst an."  Manfred Schmidt vergleicht die junge Künstlerin mit Amy Winehouse. "Ich hoffe, dass Billie Eilish  von der Musikindustrie nicht aufgefressen wird und bin sehr gespannt, wie sie sich entwickelt und wo sie in zehn Jahren steht."
Die sechs Grammys sind sicherlich eine Bürde. Es war ja schon eine Herausforderung für die 18-Jährige, alle Preise gleichzeitig im Arm zu halten. Die Grammys seien sicherlich auch eine Auszeichnung für die vermeintliche Authentizität der 18-Jährigen, vermutet Schmidt. Und hier beginnt auch die Geschichte des riesigen Erfolgs. Billie Eilish trägt Schlabberlook und hat ihn zum Trend gemacht. Sie sei das Gegenteil von gestylten Superstars wie Pink oder Rihanna, die vor zehn Jahren die Popmusik prägten.
Billie Eilish ist scheinbar kein Produkt der Musikindustrie. Sie hat mit ihrem Bruder ein Stück geschrieben und ein Video produziert. Billie singt, Finneas spielt Klavier. Aber vom Underground sind die Superstars längst entfernt. Die Videos sind perfekt gestylt und aufwendig gemacht. Bei Billie Eilish Outfits wird nichts dem Zufall überlassen. Dennoch trifft sie wohl einen Nerv der Zeit, ist sich Manfred Schmidt sicher.  In ihren Songs traut sich Billie Eilish, über Schwächen zu sprechen, thematisiert Depressionen und ihr Tourette-Syndrom. Sie guckt traurig, ist nicht so cool und sexy wie frühere Popstars und Covergirls. Die überzeugte Veganerin ruft ihre Fans zum Fleischverzicht auf und erreicht damit wohl viel mehr als jede politische Forderung.
"Sie ist eine Projektionsfläche", sagt Manfred Schmidt. Die Bekenntnisse in ihren Texten seien sehr mutig. Schmidt erkennt auch an, dass die Amerikanerin in der Generation seiner Kinder vom Trendsetter längst zum Zeitgeist wurde. Was könnte das besser ausdrücken als die Tatsache, dass Billie Eilish den Titelsong zum nächsten James-Bond-Film beisteuern wird. "Keine Zeit zu sterben" soll am 2. April in die deutschen Kinos kommen. Spätestens dann wird Billie Eilish auch im Radio der Eltern laufen.
Für eingefleischte Fans ist der Bogen des Erfolgs schon arg strapaziert. "Meine Tochter Josefine hört Billie Eilish seit mindestens drei Jahren und ist entsetzt darüber, dass sie jetzt nur noch in den großen Konzerthallen auftritt", sagt Mona Schröder aus Oranienburg. "Wir haben irgendwann ein riesiges Plakat von ihr an einer Hauswand in Berlin gesehen. Das fand sie damals noch toll." Schnell sei aber klar gewesen, dass Billie Eilish jetzt das große Publikum erreicht. Mit ihren beiden Töchtern Josefine und Maggie, 16 und 11 Jahre alt, wird Mona Schröder das Konzert von Billie Eilish in Berlin am 14. Juli besuchen. Der Auftritt in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof war nach wenigen Stunden ausverkauft. Inzwischen würden die Karten für 300 Euro gehandelt. Musikalisch reiße sie Billie Eilish nicht vom Hocker, gesteht Mona Schröder. Aber es gäbe schlechtere Musik, die ihre Töchter hören könnten. Vor allem sei bemerkenswert, dass Billie als junge Frau, die nicht allzu sehr auf ihr Äußeres achte, mit queeren Themen so erfolgreich sei. "Die popkulturelle Generation ist da viel weiter als die restliche Gesellschaft", stellt Mona Schröder fest.

Schon seit fünf Jahren im Musikgeschäft

Billie Eilish wurde am 18. Dezember 2001 in Los Angeles geboren.

Im November 2015 veröffentlichte Billie Eilish von ihrem älteren Bruder Finneas O’Connell geschriebenen Song Ocean Eyes auf Soundcloud. Ihr im Musik- und Filmgeschäft bereits erfolgreicher Bruder trat fortan als Co-Songwriter und Produzent auf.

Im August 2017 kam die Digital-EP "Don’t smile at me" heraus. Ihr eigentliches Debütalbum "When we all fall asleep" erschien Ende März 2019. Es war das erste Album, das schon vor dem Veröffentlichungstermin 800 000 Mal vorbestellt wurde.

Die 14 Albumsongs wurden in Deutschland innerhalb einer Woche 14 Millionen Mal gestreamt. Das Album war laut Apple mit mehr als einer Milliarde Streams das meistgespielte Album 2019 in dessen Musikdienst.

Bei der Grammy-Verleihung stellte Billie Eilish am vergangenen Sonntag ebenfalls Rekorde auf. Noch nie hatte eine Frau in allen vier Haupkategorien gewonnen. kd