Umwelt
: Berliner Hausmüll lagert in Bötzows Boden

Seit 2004 untersucht Oberkrämer die Auswirkungen der Mülldeponie aufs Grundwasser. In dieser Woche kam es zu einer erneuten Bohrung.
Von
Marco Winkler
Bötzow
Jetzt in der App anhören

Seit 15 Jahren untersucht die Gemeinde Oberkrämer die Auswirkungen der ehemaligen Mülldeponie aufs Grundwasser.

Verwaltung

„In den 20er-Jahren gab es die Hochzeit“, sagt Oberkrämers Bauamtsleiter Dirk Eger. Der Berliner Müll wurde direkt von Waggons auf die tief liegenden Luchwiesen gekippt. Mike Döring will herausgefunden haben, dass zur Zeit des Ersten Weltkrieges Kriegsgefangene diese Aufgabe übernommen hatten. „Auf der östlichen Seite der Deponie gedeihen die Futterrüben prächtig. Diese sind direkt auf der Asche gepflanzt“, schreibt er in seiner Chronik. 1917 sollen 15 Kriegsgefangene erkrankt sein, weil sie ein totes, auf der Müllhalde verendetes Schwein verspeisten.

„Nach dem Krieg waren oben an der Deponie Gärten. Bauern haben Kartoffeln, Obst, Gemüse und Luzerne für die Pferde angebaut“, sagt Dirk Eger. Noch heute gebe es an der Deponie landwirtschaftliche Betriebe. Eine Gefahr geht von der Deponie zwar nicht direkt aus, Schafe und Ziegen dürfen weiden. „Nur ein Verbot der Kuhhaltung hat der Landkreis empfohlen, weil die Futterproben nicht rein waren“, so Dirk Eger.

Bis zur politischen Wende wurden in Bötzow nicht nur Berliner Abfälle abgeladen. Nach 1990 ging es teils illegal weiter. Abgesammelt wurde der Unrat zwischen 1999 und 2001 in einem großen ABM-Projekt. Durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde der Müll aber nur oberflächlich entfernt. „Es wurden ganze Autowracks und Reifen gefunden. Die Deponie konnte kaum betreten werden, Betonbrocken lagen überall“, erinnert sich Eger. Die Müllhalde wurde gesichert. Das sei ausdrücklich keiner Rekultivierung gleichzusetzen. Die Fläche – insgesamt 27 Hektar – wurde mit einer Deponiegrasmischung abgedeckt.

Elf Messstellen

Seit 2004 prüft die Gemeinde zur Einschätzung einer möglichen Gefahr die direkte Auswirkung aufs Grundwasser. Unter dem Gras lagert eine vier Meter dicke Schicht Braunkohleasche, darunter liegt zudem eine „tiefschwarze Müllschicht“, so Eger. „Mit Sicherheit weiß man nicht, welcher Müll dort liegt“, sagt der Bauamtsleiter. Elf Messstellen gibt es, zwei weitere in den die Deponie umschließenden Gräben. Nachweise hausmülltypischer Schadstoffe im Grundwasser seien dabei belegt. Deshalb liege laut Behörde ein „geringer Gefährdungsgrad“ vor. Krebserregende oder andere, sich auf die Gesundheit auswirkende Stoffe wurden im Grundwasser jedoch bisher nicht nachgewiesen.

Selbstverständlich ist dieses Ergebnis nicht, guckt man sich den Boden genauer an. Mehr als neun Meter hoch wurden die Luchwiesen damals mit Müll aufgeschüttet. Das Grundwasser beginnt in zehn Metern Tiefe. „50 bis 80 Zentimeter liegen dazwischen“, präsentiert Eger das Ergebnis das letzten Bohrung. Sollten sich Hochwasserereignisse, wie zuletzt 2017, wiederholen, „kann der Deponiefuß erreicht werden“. Aus dem Grund werde die Deponie beobachtet. „Seit 2014 hat sich aber nichts bewegt, alles ist gleichbleibend.“

Keine Gesundheitsgefährdung festgestellt

Bor, Sulfat und Ammonium: Diese hausmülltypischen Schadstoffe werden aus dem abgelagerten Müll in das Grundwasser "verfrachtet", so Dirk Eger. Gesundheitsgefährdend sei das jedoch noch nicht. Die neueste Bohrung führte zehn Meter ins Erdreich. "Die Frage, ob neben dem Niederschlagswasser auch das Grundwasser selbst Schadstoffe aus dem Deponiekörper auswaschen kann, konnte am heutigen Tag mit Nein beantwortet werden", so der Bauamtsleiter. Der Deponiefuß stehe nicht im Grundwasser, sodass die Schadstoffe ausschließlich durch versickernde Niederschläge aus der Deponie gewaschen werden und nicht über das Grundwasser.⇥win