Unterricht im Internet
: Oberhaveler Musikschulen und Chorleiter nutzen neue Technologien in Corona-Zeiten

Ob Chormitglied oder Instrumentalist, die Musiker aus Oberhavel lassen sich den Spaß am Lernen nicht nehmen.
Von
Burkhard Keeve,
Heike Weißapfel
Oberhavel
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  • Orange Voices: Der hauseigene Chor der Musikschule Klang-Farbe Orange in Oranienburg. Musiklehrerin Suzy Bartelt probt auch online mit den Sängerinnen und Sängern.

    Orange Voices: Der hauseigene Chor der Musikschule Klang-Farbe Orange in Oranienburg. Musiklehrerin Suzy Bartelt probt auch online mit den Sängerinnen und Sängern.

    privat/Matthias Klein
  • Thomas Heyn unterrichtet Gitarre in Eden und außerdem in Hohen Neuendorf.

    Thomas Heyn unterrichtet Gitarre in Eden und außerdem in Hohen Neuendorf.

    Heike Weißapfel
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An die 80 Prozent der Hennigsdorfer Musikschüler lassen sich ihren Unterricht online erteilen. „Wir haben dafür eine sehr positive Resonanz erhalten. Zumeist erfolgt der Unterricht sogar zur selben Zeit und im selben Umfang wie sonst“, sagt Musikschulchef Ronny Heinrich. Wer online nicht so bewandert sei, greife zum Telefon. „Ich lege jetzt mal den Hörer hin und spiele Ihnen etwas vor“, heißt es dann. Manche Schüler schicken auch Videos.

Schwieriger ist es, einen ganzen Chor aus der Ferne zu leiten. Dabei haben die fast 50 Sängerinnen und Sänger von InTakt, dem hauseigenen Klangkörper, allen Grund, viel zu üben. Gemeinsam mit einem Partnerchor aus der französischen Stadt Choisy-le-Roi will Chorleiter Rolf Büttner drei Konzerte organisieren: im Oktober in Hennigsdorf, später soll Bachs Advent-Kantate in Choisy und in einer Pariser Kirche erklingen. Der dortige Chorleiter befindet sich dieser Tage gerade in Quarantäne.

Am Montagvormittag war Rolf Büttner dabei, auszuloten, inwieweit noch am selben Tag eine Probe über Zoom, einem Anbieter für Meetings im Internet, funktionieren könne. Skypen sei keine Alternative. „Da gibt es eine Zeitverzögerung. Die Sänger müssen meine Bewegungen ja zeitgleich sehen können.“

Selbst der Chor kann proben

Die Chormitglieder haben alle nötigen Noten zu Hause. „Wer nicht notenfest ist, dem habe ich eine Tondatei zugeschickt“, zeigt sich Büttner erfinderisch. Noch hat er die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass das für Anfang Mai geplante Probenwochenende in Dahmshöhe bei Fürstenberg stattfinden kann.

Und die Bezahlung? Ronny Heinrich verweist darauf, dass die Kollegen die Stunden dokumentieren müssen. Bis 19. April "bekommt ein Großteil meiner Kollegen und Kolleginnen die Honorararbeit bezahlt und hat keine großen Einbußen“, versichert er.

Suzy Bartelt, Gesangslehrerin unter anderem an der Oranienburger Musikschule „Klang-Farbe Orange“, hat sich ihren Unterricht über Zoom zurechtgelegt. Sie sieht die Krisenzeit als Chance, sich weiterzubilden und ihren Unterricht digitaler anzupassen. „Ich hätte es sonst wahrscheinlich nie ausprobiert“, sagt sie. Wie sie Zoom für den Gesangs- und Chorunterricht am Besten nutzen kann, habe sie von einer Gesangspädagogin gelernt, die das schon eine Weile macht und auch unter normalen Umständen zur Hälfte online unterrichtet. „Sie hat rund 80 Lehrer online geschult, einfach so. Das war wirklich super“, erzählt Suzy Bartelt. Der gesamte Unterricht der Oranienburger Musikschule läuft mittlerweile online. Der digitale Unterricht wird etwas anders gestaltet. Sie sitzt am heimischen Klavier, ihre Privatschüler singen bei sich Zuhause. Suzy Bartelt war anfangs sehr überrascht, wie gut sie über die Video-Plattform hören kann.

„Es gibt nur eine kleine Latenz, und manchmal stockt das System“, so die Gesangslehrerin. Außerdem nutzt Bartelt YouTube-Videos und Apps, um neue Konzepte zu entwickeln. „Es gibt eine Facebook-Gruppe mit Gesangslehrern, die Tipps austauschen. Die Solidarität untereinander ist dort der Wahnsinn.“ Einen Haken hat das Ganze: Die Frage nach dem Datenschutz ist noch ungeklärt. "Auch da müssen wir jetzt alle noch lernen!“

Suzy Bartelt sieht die Corona-Krise als Chance, den Unterricht zu entschleunigen und ihre Schüler von ihren Sorgen abzulenken. Für viele Menschen seien Hobbys gerade sehr wichtig, um das Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt nicht zu verlieren. Deshalb versucht sie, ihre Chorproben über Zoom ebenfalls zu erhalten. Über die Chorproben freuen sich die Teilnehmer sehr, sagt sie. „Jeder singt für sich, es funktioniert nicht, jeden anderen über das System zu hören. Aber der Zusammenhalt ist da.“

Persönlich ist der Onlineunterricht für die Gesangslehrerin ein Segen: Sie kann von dem Honorar leben. Sie hofft zusätzlich, dass die Krise verdeutlicht, wie wichtig die Kulturszene für den Menschen ist. „Es ist nicht nur Luxus. Musik, Kunst, Kultur sind essenziell wichtig für eine Gesellschaft.“ Sie hofft, dass nach der Krise mancher anders über diese Kulturgüter denkt.

Skype, WhatsApp und Videos: In der Hohen Neuendorfer Musikschule läuft der Unterricht zwar nicht normal, aber es sind doch fast alle dabei. Schulleiterin Beate Krause hat durchaus positive Erfahrungen gemacht. „Ganz auffällig ist, dass gerade Kinder, die sonst hyperaktiv sind, jetzt total konzentriert vor dem Bildschirm sitzen und gut mitmachen“, sagt sie.

Beate Krause hat frühzeitig einen Brief an die Eltern verschickt und  erklärt, wie Unterricht auch online möglich ist. "Die Eltern haben unglaublich solidarisch reagiert“, sagt sie. „Nur eine einzige Familie hat wegen Corona den Unterricht gekündigt.“

Für ihre Klavier- und Flötenschüler bereitet Beate Krause kleine Videos vor, schickt zweite oder dritte Stimmen von Musikstücken, und die Schüler üben damit die erste Stimme. Auch vierhändig kann gespielt werden. "Es ist eben anders, aber es geht vieles“, sagt Beate Krause.

Einige der 28 Musiklehrerinnen und Lehrer verschickten Notenrätsel, Apps zur Gehörbildung und zur Musiktheorie. Fast alle wendeten online-Techniken an, und die Kinder und Jugendlichen hätten damit sowieso kein Problem. „Ich bin etwas altmodisch“, gibt Thomas Heyn zu.  Er schickt seinen Gitarrenschülern via E-Mail Hausaufgaben.  Per Filmchen über WhatsApp führen sie die Übung vor. Auf Honorar verzichtet Heyn derzeit. „Bei mir kommt weniger raus als beim normalen Unterricht. Aber gut angenommen wird es trotzdem.“

Nur etwa 20 der 380 Schülerinnen und Schüler nehmen am Online-Unterricht nicht teil, hat Beate Krause nachgezählt. Die Hohen Neuendorfer Musikschule hoffe dadurch, einigermaßen unbeschadet durch die Krise zu kommen. Auf der Strecke bleibt allerdings die Musik in Kindergruppen: Die musikalische Früherziehung und das Instrumentenkarussell kommen erst nach der Krise wieder zusammen.

Auch der Grüneberger Kantor Jens Seidenfad lässt seine Musikschüler nicht im Stich. Jetzt sitzen sie halt nicht mehr bei ihm zu Hause am Klavier, sondern bei sich und nehmen ihre Übungen auf – entweder direkt und mit Livebildern, wenn ein Elternteil alles mitfilmt, oder  zum Hören. „Das klappt ganz gut“, sagt Jens Seidenpfad. „Manchen kleinen Fehler bei der Handhaltung erkenne ich gefilmt sogar besser.“ Auch die sangesfreudigen Mitglieder des gemischten Chors Grüneberg hält er bei Laune. Über eine WhatsApp-Gruppe verschickt er die Lieder, die eigentlich für das Frühlingskonzert in der Kirche geplant sind.