Wandlung: Jobcenter soll Dienstleister für Kunden werden

Jobcenterleiter Tim Weimer und Sozialdezernent Matthias Kahl(rechts) stellen das neue Arbeitsmarktprogramm vor.
Burkhard KeeveBevor Sozialdezernent Matthias Kahl und Jobcenterleiter Tim Weimer der Presse am Freitag die neue Behördenstruktur vorstellte, erhielten die Abgeordneten des Kreis-Sozialausschusses am Donnerstagabend erste tiefere Einblicke in das neue Konzept. Was sie vorgestellt bekamen, klang wie die Powerpoint-Präsentation einer Unternehmensgruppe der freien Wirtschaft. Genau das hatten Kahl und Weimer auch erreichen wollen. Geht es ihnen doch darum, das neue Jobcenter als offen, freundlich und serviceorientiert zu präsentieren. Offensichtlich zeigt der neue Ansatz schon erste Früchte. Davon berichtete am Donnerstagabend Kathrin Willemsen, die als sachkundige Einwohnerin für die Linke im Sozialausschuss sitzt und sich viel um Geflüchtete kümmert. Sie tritt in der Regel äußerst kritisch und streitbar gegenüber der Verwaltung auf. Doch während der Sitzung lobte sie den „neuen Wind“ im Jobcenter. Das freute Matthias Kahl sichtlich.
Der Umbau der Behörde mit seinen rund 240 Mitarbeitern, war nach Angaben von Kahl und Weimer dringend und auf mehreren Ebenen erforderlich. Seit 2005 kümmert sich das Jobcenter in Oberhavel um Langzeitarbeitslose. In der Ära von Dezernent Michael Garske und Jobcenterleiter Bernd Schulz sei „Erstaunliches geleistet“ worden, so Tim Weimer. Als er und Kahl die Verwantwortung für diesen Bereich übernommen haben, seien sie auch auf eingefahrene Strukturen gestoßen, auf Tunnelblicke, unzufriedene Mitarbeiter und mangelnde Motivationen. Also setzten sie im Amt selbst den Hebel an, um die Mitarbeiter zufriedener zu machen. „Das ist kein Selbstzweck. Wir wollen die Qualität der Arbeit erhöhen“, erläutert Matthias Kahl. Dafür wurden unter anderem schlankere Strukturen geschaffen, Verantwortung gebündelt, Schnittstellen beseitigt und die interne Kommunikation verbessert. „Wir wollen, dass jeder Vorgang möglichst nur einmal angefasst wird“, so Kahl. Außerdem soll in diesem Jahr die elektronische Akte im Jobcenter vollständig eingeführt werden. Allerdings ist es trotz der ganzen Erneuerungen bei den alten, kompliziert formulierten und schwer verständlichen Antragsformularen für Hartz IV geblieben. „Da müssen wir den Bundesvorgaben folgen“, so der Dezernent. Nach dem kritischen Blick auf den Ablauf, den Aufbau und die Organisation des Jobcenters folgt jetzt der Strukturwandel im Umgang mit den Langzeitarbeitslosen.
Denn auch das Gefüge der Hartz-IV-Bezieher hat sich im Lauf der Jahre verändert. Mehr als jeder zweite Langzeitarbeitslose gilt als „arbeitsmarktfern“ (siehe Hintergrund). Daher geht es jetzt kaum mehr um eine reine Arbeitsvermittlung. „Es geht darum, zu schauen, was kann der Einzelne überhaupt, bevor es Schritt für Schritt zu einer Vermittlung kommt“, so Kahl. „Die Fallmanager schauen nicht mehr zuerst auf die Defizite, sondern auf das, was die Kunden noch können. Sie nehmen sie an die Hand und kümmern sich.“ Mit diesem, schon seit Jahren in der Pädagogik geltenden Ansatz, sollen Menschen, die teils seit zehn Jahren und länger nicht mehr gearbeitet haben, zurück in die Gesellschaft geführt werden. „Sie müssen ihren eigenen Wert wieder erkennen“, sagte Weimer, „dabei wollen wir ihnen helfen“.
Das alles geht nicht ohne Geld. Der Bund stockt für Oberhavel seine Mittel zur Eingliederung um gut 14 Prozent auf 10,6 Millionen Euro auf. Außerdem sollen die entsprechenden Förderprogramme gezielt umgesetzt werden.
Bilanz
■ Seit 2013 geht die Zahl der Hartz-IV-Empfänger und Bedarfsgemeinschaften in Oberhavel kontinuierlich zurück.
■ Gab es im September 2017 noch 13 580 leistungsberechtigte Personen im Landkreis, waren es im September 2018 nur noch 12 012 Personen.
■ Die Anzahl der Bedarfsgemeinschaften hat sich im gleichen Zeitraum von 7 895 auf 7 096 reduziert.
■ Langzeitleistungsbezieher, das sind Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren mindestens 21 Monate hilfebedürftig waren, gibt es im Landkreis Oberhavel statt 7 099 in 2017 jetzt noch 6 737. ⇥(bu)
