24 Millionen sowjetische Opfer
: Keine deutsche Ostexpansion bis zum Ural

Vor dem sogenannten Russlandfeldzug war von der Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen Menschen die Rede.
Von
René Wernitz
Rathenow
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Das 1945 errichtete Sowjetische Ehrenmal in Brandenburg an der Havel: Hier zu sehen ein Rotarmist mit Helm und der für die damalige sowjetische  Infanterie typischen Maschinenpistole vom Typ Pepescha.

Wernitz

Dass die Nachwelt davon erfuhr, dass laut Himmler der Zweck des sogenannten Russlandfeldzugs die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen Menschen gewesen sei, liegt an einem der führenden SS–Schergen. Erich von dem Bach–Zelewski, im Dritten Reich ein SS–Obergruppenführer, hatte das im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess ausgesagt. Gegen Himmler selbst konnte nicht verhandelt werden, da er sich Ende Mai 1945 in britischer Gefangenschaft das Leben genommen hatte.

Anfang 1941, als der deutsche Ausrottungsplan in Worte gefasst wurde, hatte Himmler längst eine Vorliebe für einen anderen Heinrich entwickelt, der schon ein Jahrtausend zuvor Lebensraum im Osten erobert hatte. Zu der Zeit hatte es noch kein Deutschland gegeben. Anfang des 10. Jahrhunderts existierte ein dreigeteiltes Frankenreich. Im ostfränkischen Reich herrschte der Herzog der Sachsen. Heinrich I. hat hier 919 die Königskrone erlangt. Ärgste Gegner waren die Ungarn. 926 waren sie vorerst letztmals auf sächsisches Gebiet eingefallen.

Aus dem Geschichtsunterricht kennen manche wohl noch die Episode, als sich Heinrich I. durch die Freilassung eines in seine Hände gefallenen ungarischen Fürsten sowie hohe Tributzahlungen einen mehrjährigen Frieden sichern konnte. Das verschaffte ihm Zeit. Der König feilte nun an einem Abwehrsystem und rüstete auf. Parallel dazu ging er dazu über, slawische Stämme zu unterwerfen, die die östlichen Nachbarn waren. Eine wichtige zeitgenössische Geschichtsquelle ist  der Geistliche Widukind von Corvey, der allerdings kein direkter Zeitgenosse Heinrichs war. Der Chronist verfasste eine „Sachsengeschichte“, in der auch Heinrichs Eroberungszüge erwähnt werden.

Zum Auftakt hatte sich der ostfränkische König dem Stamm der Heveller im Havelland zugewandt. Im harten Winter 928/929 marschierten Heinrichs Truppen gegen eine Inselfeste in der zugefrorenen  Havel.  Wie es  bei Widukind von Corvey heißt, habe der König die Burg durch „Hunger, Schwert und Kälte“ eingenommen. Er schrieb von der Brendanburg — die Ersterwähnung, wegen der es 1929 in der Stadt Brandenburg eine große 1.000–Jahr–Feier gab. Der Eroberer ließ sich Geiseln stellen, Angehörige der Heveller–Führungsschicht. Bekannteste Geisel war Fürstensohn Tugumir.

Sicher gab es an der Havel viele Heveller, die während des winterlichen Verteidigungskampfes ihr Leben verloren.  Sehr grausam ist, was über die Kämpfe um die Burg Gana des Stammes der Daleminzier bekannt ist. Noch im selben Winter wurde diese mehrere Tage lang von Heinrichs Truppen  belagert. Historiker vermuten die Burg am nur etwa 30 Kilometer langen Fluss Jahna, der bei Riesa (Sachsen) in die Elbe mündet. Widukind von Corvey überliefert ein Massaker, das unter den erwachsenen Bewohnern angerichtet wurde. Nur Kinder wurden offenbar verschont, allerdings in Gefangenschaft genommen und fortgeführt.

Im Anschluss zog der siegreiche Heinrich I. nach Böhmen. Womöglich eilte ihm ein schlimmer Ruf voraus. Fakt ist: Böhmenherzog Wenzel unterwarf sich kampflos.

Freilich weiß niemand zu sagen, wie viele slawische Opfer auf das Konto des von Heinrich Himmler verehrten Heinrich I. gehen. Indes gilt der König als derjenige, der die sogenannte Ostexpansion eingeleitet hatte, die im Zweiten Weltkrieg eine nationalsozialistische Fortsetzung bis hin zum Ural erleben sollte.

Der am 22. Juni 1941 gestartete Russlandfeldzug wurde zum Desaster für das Dritte Reich. Stalingrad, Moskau und Leningrad waren Endstationen. Von dort aus setzte sich der Krieg in entgegengesetzte Richtung fort. Entsprechend drehte der sowjetische Kriegsherr den Spieß in seiner Rhetorik um: „Der jahrhundertelange Kampf der slawischen Völker um ihre Existenz und Unabhängigkeit hat mit dem Sieg über die deutschen Okkupanten und die deutsche Tyrannei geendet“, so Josef Wissarionowitsch Stalin in seiner Siegesrede am 9. Mai 1945.