Bildung
: Auch Personalmangel erschwert Inklusion

Das Gemeinsame Lernen für Alle ist das Ziel, an welcher Weggabelung stehen wir?
Von
Silvia Passow
Havelland.
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Wilfried W. Steinert (li.) analysierte die Umsetzung der inklusiven Bildung in Brandenburg, Marie Luise von Halem und Luise Herbst beantworteten Fragen zum Thema aus Landes- und kommunaler Sicht.

Passow

Ein Blick nach Nordeuropa zeigt, inklusiver Unterricht ist möglich, wenn die Rahmenbedingungen anders gesteckt sind. Während in Deutschland noch fleißig Personalbedarf errechnet wird, Kinder erst einmal per Feststellungs–Diagnose einen Förderbedarf bescheinigt bekommen müssen, gehen die Finnen einfach mal von 25 Prozent Förderbedarf bei allen Kindern aus und richten ihre Schulen darauf aus. Mit anderen Worten, die Schule orientiert sich an den Kindern, nach deren Bedürfnissen und Ansprüchen. Aber Kopf hoch, Inklusion sei auch in Deutschland möglich, meint Steinert. Allerdings werde der Prozess noch eine ganze Weile dauern.

Dabei ist Inklusion ein Menschenrecht. So steht es in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN–BRK), die auch von Deutschland unterzeichnet wurde und 2009 in Kraft trat. Seitdem sollte die Frage nicht mehr lauten: Welche Schule ist die Richtige für dieses Kind? Sondern: Wie muss sich die Schule verändern, damit dieses Kind an dieser Schule lernen kann, gemeinsam mit anderen Kindern? Und hier war Brandenburg bereits sehr früh auf dem Weg.

Bereits dreizehn Jahre vor UN–BRK–Unterzeichnung (1996) wurde im Brandenburger Schulgesetz festgeschrieben, dass der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf Vorrang hat. Als die UN–Behindertenrechtskonvention in Kraft trat, lag der Anteil von Schülern mit Förderbedarf im Schuljahr 2008/2009 in Brandenburg bei 34,4 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt lag der bundesdeutsche Durchschnitt bei 18,4 Prozent.

Rückblickend lässt sich sagen, dass das Land Brandenburg große Anstrengungen unternommen hat, um der UN–BRK gerecht zu werden. Ein wissenschaftlicher Beirat wurde berufen, Runde Tische ins Leben gerufen, Pilotprojekte gestartet. Dennoch kommt die Studie zu dem Schluss, der Prozess ist steckengeblieben. Irgendwo zwischen furiosem Start und heute ein wenig versandet.

Laut Steinert gibt es in vielen Kommunen keine speziellen Arbeits– und Steuerungsgruppen zur inklusiven gesellschaftlichen Entwicklung. Das erscheint Steinert einer der Knackpunkte, denn die Entwicklung inklusiver Bildung muss in gesellschaftliche Prozesse eingebunden sein. Es sei versäumt worden, Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften anzupassen, so Steinert. Schulleitungen und Lehrer würden sich mit den Herausforderungen des Alltags oft allein gelassen fühlen. Die personelle Ausstattung sei nicht ausreichend. Und so manch altes Schulgebäude sei schön anzusehen, doch für inklusiven Unterricht baulich nicht geeignet.

Gerade von personeller Ausstattungen profitieren indes alle Kinder, nicht nur jene mit Förderbedarf. Denn gefördert werden sollen alle, Hochbegabte wie Lernschwache. Das Problem, der Personalmangel, werde durch die inklusive Bildung noch verschärft, so Steinert. Seiner Studie zufolge fehlt in 60 Prozent der Schulen Personal.

47 Prozent von 30 befragten Schulleitungen würden beklagen, dass zu wenig sonderpädagogische Lehrkräfte an ihren Schulen tätig sind. Für ein Drittel der Schulleitungen fehle es an unterstützendem Personal und an Schulassistenz. Lehrkräfte würden sich allein gelassen fühlen, gleichzeitig nehme die Anzahl der Schüler pro Klasse zu. 23,3 Schüler pro Klasse sind es in Brandenburg, für Deutschland liegt der Durchschnitt bei 20,8 Kindern im Grundschulbereich. Interessanter Weise weißt die Studie darauf hin, dass Eltern die Personalsituation an den Schulen oft noch dramatischer einschätzen, als die Schulleitungen.

Laut Studie bewerten 90 Prozent der befragten Schulleitungen das gemeinsame Lernen als positiv. Lediglich 7 Prozent sehen es kritisch, hier mit Blick auf einzelne Schüler. Auch die befragten Eltern sehen den gemeinsamen Unterricht positiv, sind aber gleichzeitig in Sorge um die gute Bildung für alle Kinder.

Das Problem, dass bei den Umfragen am häufigsten angesprochen wurde, war der Umgang mit dem herausfordernden Verhalten einzelner Kinder. Hier berichteten mehr als ein Viertel der befragten Schulleitungen, dass die Anzahl der Kinder mit diesem Verhalten in den letzten Jahren zugenommen habe. Und auch fast 60 Prozent der Eltern sehen hier eins der Hauptprobleme der inklusiven Bildung. 72 Prozent der Eltern sind dennoch der Meinung, das Schulklima an ihrer Schule sei gut. Das bestätigen nur etwas mehr als die Hälfte der befragten Schulleitungen.

Nachdem Steinert die Studie im November in Falkensee erläutert hatte, sie ist im Wortlaut auf www.der–bildungsexperte.de zu finden, stellten sich die Landtagsabgeordnete Marie Luise von Halem (Bündnis 90/ Die Grünen) und Dezernentin Luise Herbst, in deren Zuständigkeit auch das Schulamt fällt, den Fragen des Publikums. Gesetzliche Vorgaben begrüßt Juristin Luise Herbst sehr. Falkensee sei hier etwas weiter, sagte sie.

Inklusion gehöre zu den Aufgaben der Stabsstelle für Vielfalt, außerdem habe man erst vor Kurzem den inklusiven Teilhabeplan der Stadt verabschiedet. Von den fünf Falkenseer Grundschulen würden vier das „gemeinsame Lernen“ anbieten. Die Oberschule im Poetenweg habe gerade ein Konzept für „gemeinsames Lernen“ eingereicht. An einigen Grundschulen bestehe inzwischen die Möglichkeit, die Gebärdensprache zu lernen, erklärte Herbst. Allerdings: Keine der Falkenseer Grundschulen sei komplett barrierefrei. Im Moment behelfe man sich hier, indem Klassen ins Erdgeschoss der Gebäude ziehen, wenn ein Kind die oberen Etagen nicht erreichen kann. Herbst sagte: „Neubauten sollten barrierefrei errichtet werden.“ Für die Dezernentin hört Inklusion nicht bei der Schule auf. „Hier muss weitergedacht und der Hort miteinbezogen werden.“

Marie Luise von Halem sieht bei der Umsetzung des gemeinsamen Lernens Diskrepanzen zwischen dem Land und den Kommunen. Könnte die Politik etwa durch Vorgabe eines konkreten Datums oder eines Fahrplans zur Umsetzung die Entwicklung beeinflussen? „Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen“, meinte die Politikerin. Ein verbindliches Datum für eine Umsetzung, lässt sich aus ihrer Sicht nicht definieren. „Man kann Inklusion nicht zu Ende denken. Denn Inklusion bedeutet eine andere Gesellschaft. Das geht nicht nach Plan oder von jetzt auf gleich.“