In der Reihe "Briefe ohne Unterschrift" gaben die englischen Radiomacher DDR-Bürgern die Möglichkeit, sich bei weitestgehender Anonymität über Probleme und Nöte in ihrem Umfeld öffentlich zu äußern. Darüber hinaus, jedoch leider in der Ausstellung nicht erwähnt, sendete die BBC zu jener Zeit auch speziell für die DDR-Jugend konzipierte Radiobeiträge.
In diesen Sendungen wurden die jungen Leute von den Radiomachern aus dem Londoner Bush House ebenfalls animiert, dem Sender zu schreiben, um sich Musikwünsche erfüllen zu lassen und auch aus ihrem Leben zu berichten.  Eine Möglichkeit, von der wohl seinerzeit nur einige Hörer Gebrauch gemacht haben werden. Für meine Ehefrau Bärbel und mich hingegen waren diese BBC-Jugendsendungen ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens und entscheidend dafür, dass wir uns einst mit Hilfe des Senders kennen lernten.
Im September 1938 wurde der German Service der BBC ins Leben gerufen. Wer die BBC nicht als "Feindsender" betrachtete, erlangte während des Zweiten Weltkriegs viele zuverlässige Informationen.
1946 war es fast zur Schließung des German Service gekommen, doch das Außenministerium des Vereinigten Königreichs setzte sich vehement für dessen Erhalt ein, um im besetzten Deutschland die Fühler Großbritanniens ausstrecken zu können. Am 4. April 1949 startete der German Service ein nächtliches Programm, das sich speziell an Zuhörer in der sowjetischen Besatzungszone, später DDR, richtete.
Während der deutschsprachige Dienst der BBC überwiegend über Mittel- und Kurzwelle gehört wurde, machte die Region in und um Berlin eine Ausnahme. Das Programm kam per Kabel in die geteilte Stadt und wurde ab Anfang der 1950er Jahre von einem UKW-Sendemast im Olympiastadion ausgestrahlt. Wegen der guten Sendequalität war Musik für Mitschnitte bestens geeignet.

Westradio und Fernsehen aus dem Westen

Westradio hören und Fernsehen aus dem Westen sehen war in der DDR anrüchig, aber nie verboten. Allerdings bei Kontaktaufnahme mit Westsendern konnte das Probleme mit der DDR-Justiz nach sich ziehen. Dazu hieß es im Strafgesetzbuch der DDR vom 12. Januar 1968: "Wer zu Organisationen, Einrichtungen, Gruppen oder Personen wegen ihrer gegen die DDR oder anderer friedliebenden Völker gerichteten Tätigkeit Verbindung aufnimmt, wird mit Freiheitsstrafe  von einem Jahr bis zu fünf Jahren bestraft. [Auch] der Versuch ist strafbar."
Dass dieses Gesetz viele DDR-Bürger nicht davon abhielt, sich mit unterschiedlichsten Anliegen an "ihre" Sender im Westen zu wenden, belegt die Sonderausstellung in Berlin sehr eindringlich. Damit die Hörerbriefe wegen des  immer dichter werdenden MfS-Kontrollsystems überhaupt ankommen konnten, verwendeten die Sender Deckadressen. Die BBC nutzte ab Mitte der 1950er Jahre ständig wechselnde Adressen von Brachflächen oder Trümmergrundstücken im britischen Sektor der von den Alliierten kontrollierten Stadt Berlin. Dorthin adressierte Postsendungen wurden von den entsprechenden Westberliner Postämtern gesammelt und dem Berliner Büro der BBC zur weiteren Bearbeitung übergeben.
Dem MfS wurde recht bald die Sendung "Briefe ohne Unterschrift", die jeden Freitagabend lief, ein Dorn im Auge. Schnell wurde dort diese BBC-Reihe zur Hetzsendung deklariert, mit der der Westen die "politisch-ideologische Zersetzung der DDR-Bürger" voranzutreiben versucht. In der Folge reagierte das MfS mit Maßnahmen, die von der Überwachung und Kontrolle über repressive Methoden bis hin zur Strafverfolgung von Briefeschreibern reichten. In der Ausstellung wird anschaulich an mehreren Beispielen gezeigt, wie die DDR-Kontroll- und Strafbehörden in einigen Fällen vorgegangen sind und wie die Enttarnung und Aburteilung der Briefeschreiber erfolgte.
Was in der Ausstellung allerdings vollkommen fehlt, ist die Auseinandersetzung mit den Geheimdiensten auf britischer Seite. Denn nur aus lauter Menschenfreundlichkeit wurden weder der Sender über Jahrzehnte betrieben, noch derartige Sendungen am Laufen gehalten. Die Briefe, auch die an die beliebten Jugendsendungen, wurden immer auch an den britischen Geheimdienst zur Auswertung weitergereicht.

Wunschmusik bestellen

Ebenso kommen die Mitgestaltungsmöglichkeiten für Hörer praktisch nicht vor.  Junge Leute konnten sich für rock- und beatlastige Formate wie "Platten à la carte", "Eine kleine Beatmusik" und "Friendly Fan Club" mit den Moderatoren Marina von Senger, Peter Sahla und Gundram Kremer begeistern. Über diese konnten sich besonders die Hörer aus dem Osten ihre Lieblingsmusik bestellen und, so sie wollten, mit einem Textbeitrag aus dem eigenen Leben berichten. Wenn man Glück hatte und die Postsendung nicht abgefangen wurde, spielten die Moderatoren dann irgendwann in bester Qualität, vom ersten bis zum letzten Ton, die heißbegehrte Wunschmusik zum Aufnehmen daheim auf Band.
Absolute "Krönung" war  die Verlesung des eingesandten Brieftextes. Soviel Glück hatten nur einige. Ich gehörte vor 49 Jahren zu diesen Wenigen und war verständlicherweise unglaublich stolz darauf. Auch Bärbel, von der ich bis dato keine Kenntnis besaß, sowie eine gemeinsame Freundin hatten das Radio-Spektakel an ihren Radiogeräten miterlebt. Die Freundin hatte, trotz meines von mir gewählten Decknamens sofort erkannt, dass es sich nur um meine Person handeln konnte. Das erzählte sie dann am nächsten Tag Bärbel und stellte uns nur wenige Tage später während einer Party einander vor. Von da an waren wir nicht nur mit den Musiksendungen von BBC London, sondern auch miteinander unzertrennlich verbunden.

Vor 50 Jahren

Mehr Informationen über das Leben der Jugend vor rund 50 Jahren findet der interessierte Leser in zwei wieder erhältlichen Broschüren. Die vom Autor verfassten und vom Rathenower Heimatbund  neuaufgelegten Bände beschreiben die wirklich gelebte Jugend- und Kulturpolitik in der Region. Zu beziehen sind die beiden Bände zum Preis von je 7,50 Euro über die Rathenower Buchhandlung Tieke, die Ladengalerie Stein 40 und den Tourismusverein Westhavelland, Freier Hof 5, sowie über das Reisebüro Havelpassage in Premnitz.