Chinin in der Limonade: Mit Tonic gegen Parasiten

Chinin mit Wasser, Zucker und Zitronensäure gemischt: Als Getränk zur Malariaprophylaxe wurde Indian Tonic Water vor 150 Jahren von Schweppes auf den Markt gebracht und erfreute sich zunächst in Britisch-Indien größter Beliebtheit. Heute ist der Chininanteil weit geringer.
René WernitzHauptbestandteil ist freilich die Bitterlimonade. Für ihren typischen Geschmack sorgt Chinin. Entwickelt wurde die Limo im 19. Jahrhundert. 1858 gilt als das Jahr des Mixes durch einen Briten namens Erasmus Bond. Doch erst der aus London stammenden Getränke–Firma Schweppes gelang der Absatz in großen Mengen. Tonic wurde zunächst zum Wegbegleiter britischer Kolonialtruppen.
„Das 1870 eingeführte Indian Tonic Water setzte sich besonders schnell bei den Briten in Indien durch, da das enthaltene Chinin vorbeugend gegen Malaria wirkt“, wie es auf www.schweppes.de heißt. Zu Britisch–Indien gehörten damals auch Pakistan, Myanmar (vormals Burma) und Bangladesch.
In die neuartige Mixtur wurden ferner Zucker und Zitronensäure gerührt. Wegen des damals weit höheren Chiningehalts schmeckte Tonic bitterer, mit Gin lief es noch besser die Kehle hinunter. Das ursprüngliche Antimalariamittel war ein nur aus Chininpulver und Wasser bestehendes Gemisch.
Kaum zu glauben, dass der Geschmacksträger im Tonic den Briten einst zur Vorbeugung von Malaria diente. Von dieser Tropenkrankheit, übertragen durch Stechmücken, sind heute noch jährlich hunderte Millionen Menschen betroffen. Ursprünglich stammt Chinin aus tropischen Regionen. Es wird aus der Rinde des Chinarindenbaums extrahiert.
Chinin kam sowohl zur Prophylaxe zum Einsatz als auch zur Therapie bei Malaria. Etwa das in der Schweiz weiter gebräuchliche Medikament „Chininsulfat 250“ des dortigen Pharmaherstellers Hänseler wird zur Behandlung eingesetzt, wenn das von Bayer produzierte synthetische Malariamittel Chloroquin nicht hilft.
Da als Tropenkrankheit bezeichnet, spielt die Krankheit in Europa keine Rolle, wie man wohl annehmen könnte. Das stimmt so nicht. Sogar Großbritannien wurde von Ausbrüchen geplagt. Ob Schweppes–Tonic das Inselreich nach 1870 beschützte, ist unklar. Indes gelten Entwässerungsmaßnahmen als die Heilung in der Norddeutschen Tiefebene, wo Mitte des 19. Jahrhunderts der Malaria–Höhepunkt erreicht wurde.
Insbesondere Tümpel und andere Feuchtgebiete boten den entsprechenden Mückenarten (Anopheles) beste Brutgelegenheiten. Beim Stich gelangt ein Plasmodium genannter Parasit ins menschliche Blut. Als der weltweit gefährlichste gilt das Plasmodium falciparum.
So gesehen haben auch die Preußenkönige des 18. Jahrhunderts durch massive Trockenlegungen den Menschen im Havelland einen Gefallen getan. Ob es hier zuvor zu Malaria–Fällen kam, ist allerdings durch die Regionalgeschichte nicht überliefert. Früher war die Krankheit auch als Sumpffieber bekannt.
Trockenlegungen ganzer Landschaften, wie im Havelländischen und im Rhinluch geschehen, verfolgten in erster Linie das Ziel, neuen Lebensraum für Mensch und Vieh zu erschließen. Dass dabei Plasmodien übertragender Mückenbrut die Lebensgrundlage entzogen worden sein könnte, wäre den Initiatoren wohl nicht bewusst gewesen. Damals dachte man noch, die Krankheit würde von schlechter Luft ausgelöst, daher der aus dem Italienischen entlehnte Name der Krankheit: male für schlecht, aria für Luft.
Auch Flussbegradigungen, die Auenlandschaften zerstörten, sorgten für sinkende Malaria–Zahlen. Letztlich war es eine chemische Insekten–Keule namens Dichlordiphenyltrichlorethan (kurz DDT), die sich im 20. Jahrhundert bei der Befreiung von der Mückenbrut hervor getan hat. Seit 2004 ist der DDT–Einsatz geächtet.
Erst 2016 verkündete die Weltgesundheitsorganisation, dass unser Kontinent frei von Malaria sei. „Die Europäische Region wurde auf der Grundlage der aktuellen Situation sowie der Wahrscheinlichkeit, dass die Eliminierung aufrechterhalten werden kann, für malariafrei erklärt. Das bedeutet, dass wir es uns nicht erlauben können, künftig in Bezug auf diese Krankheit nachlässig zu sein“, wurde seinerzeit Dr. Nedret Emiroglu, Direktorin der Abteilung Übertragbare Krankheiten und Gesundheitssicherheit im WHO–Regionalbüro für Europa, auf http://www.euro.who.int zitiert.
Chinin spielte bei der Befreiung von Malaria kaum eine Rolle. An der pharmazeutischen Front kam insbesondere das von Bayer produzierte Chloroquin zum Einsatz. Der synthetisch hergestellte Wirkstoff entfaltet ähnliche Wirkung wie Chinin und stellt im Grunde den vor mehr als 85 Jahren erfolgreich verlaufenen Versuch dar, sich in Deutschland vom Import von Chinin unabhängig zu machen.
Aktuell entwickelt sich Chloroquin zum medizinischen Hoffnungsträger im Kampf gegen das Coronavirus. Anscheinend haben die Chinesen Chloroquin erfolgreich bei Covid–19–Patienten eingesetzt. Indes werden Warnungen lauter, wonach das Mittel böse Nebenwirkungen bei Patienten auslösen kann, die etwa unter Vorerkrankungen des Herzens leiden.
Derweil kann Tonic heute keine Alternative im Kampf gegen Parasiten und Viren darstellen, da der Chininanteil nun viel zu gering ist. Doch wie die Briten es einst vormachten, sollte ein hin und wieder auf die Gesundheit genossener Gin–Tonic wohl nicht schaden.