Eisengehalt
: Legendäre rote Rathenower

Mehrere frühere Flussläufe: Die Elbe sorgte auch im Westhavelland für Ton mit acht Prozent Eisengehalt.
Von
René Wernitz
Rathenow
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  • Die aus Ziegelsteinen gemauerte Eisenbahnbrücke in Kohlhasenbrück (Wannsee/Zehlendorf). Über sie lief einst die Linie Berlin-Potsdam.

    Die aus Ziegelsteinen gemauerte Eisenbahnbrücke in Kohlhasenbrück (Wannsee/Zehlendorf). Über sie lief einst die Linie Berlin-Potsdam.

    René Wernitz
  • Wenn etwas abzulesen ist, dann "A.Schlagenthin". Die Rot- und Blaufärbung dieses Ziegelsteins ist durch Graffiti bedingt.

    Wenn etwas abzulesen ist, dann "A.Schlagenthin". Die Rot- und Blaufärbung dieses Ziegelsteins ist durch Graffiti bedingt.

    René Wernitz
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Sind es weniger rote oder gar gelbe Steine, stammen sie woanders her. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg"  bezeichnete Theodor Fontane  die „roten Rathenower“ und die gelben Birkenwerderschen“ als die „berühmtesten Steine, die hierzulande gebrannt werden“.

Unterschiedliche Farbnuancen resultieren aus dem Eisengehalt des für Ziegel verwendeten  Tons. Für kräftig rote Farbe sorgte aber nicht nur der Rohstoff aus Rathenower Gruben. Die Ursache hatte Hobbyforscher Werner Coch schon 2016 gegenüber BRAWO erläutert.  Da hatte er eine Broschüre über frühere Ziegeleien im Milower Land veröffentlicht. Und wie er seinerzeit berichtete, beeinflusste die Elbe den Eisengehalt des abgebauten Tons, der etwa acht Prozent betrug – ein sehr hoher Wert. Beim Brennen der Steine entstand Eisenoxid, das für rostig–rote Farbe sorgte.

Dass sehr eisenhaltiges Elbwasser einst auch das Milower Land durchströmte und dabei Schlick mit sich führte, der  hier und dort für ergiebige Tonlagerstätten sorgte, ist vielen Einwohnern der Gemeinde längst geläufig. Dass der Elb–Havel–Winkel vor tausenden Jahren gar nicht existierte, können sich dagegen nur die wenigsten vorstellen. Das war in jenen jungsteinzeitlichen Zeiten, als die Havel schon bei Pritzerbe in die Elbe mündete.

Geschichtskundige Milower verweisen gern darauf, dass ihr Havelort ebenso mal Mündungsgebiet war. Hier folgt die Stremme einem alten Elb–Lauf. Als ein solcher gilt ebenso der Königsgraben, dessen Wasser sich bei Böhne mit der Havel vereint. Der sanfte Fluss mündet wohl erst seit dem Hochmittelalter kurz hinter Havelberg in die Elbe.

Dass sie heute relativ weit von Rathenow entfernt fließt, hängt sehr wahrscheinlich mit ihrer ab dem 12. Jahrhundert erfolgten Eindeichung zusammen. Das Flussbett verlagerte sich in der Folge offenbar in das heute bekannte. Einer der dazu forschte, ist der Rathenower Geschichtsfreund Wolfram Bleis. Sein diesbezüglicher Beitrag war im Anfang 2013 herausgegebenen Rathenower Heimatkalender zu lesen. Dass das Jahr eine Elb–Wasser–Katastrophe bringen sollte, hatte  natürlich auch Bleis nicht ahnen können.

Einwohnern im Westen Rathenows dürfte noch ihr im Juni 2013 erfolgter Einsatz sein, als sie jede Menge Sandsäcke voll schippten, um sich vor dem Hochwasser zu schützen. Bei Fischbeck war ein Damm gebrochen. Das hatte aber längst nicht die befürchteten Konsequenzen. Das Wasser erreichte Rathenow nicht wie nach dem Deichbruch im April 1845.

Der Böhner Hans–Jürgen Wodtke berichtete vor etwa zehn Monaten in BRAWO, dass die Chronik seines Heimatorts das Jahr 1845 als das letzte vermerkt, in dem sich Wassermassen von der Elbe her bei Böhne in die Havel ergossen. In der 1910 veröffentlichten Dissertation des Milowers Max Bolle erklärt der Autor, dass man nach dem Deichbruch  "mit einem Kahne von Tangermünde quer durch den Havelwinkel direkt nach Rathenow“ fahren konnte. Bolle hatte sich für seine Doktorarbeit intensiv mit der Siedlungsgeschichte im Elb–Havel–Winkel beschäftigt.

Eine 1959 im "Atlas des Saale– und mittleren Elbegebietes“ abgedruckte Karte alter Läufe zeigt, auf welchen Wegen einst die Elbe die hiesige Region durchfloss. Auch der Schmetzdorfer Bereich wurde direkt berührt. 2013 näherte sich das Hochwasser durch die dortigen Grabensysteme. Zwischen Schmetzdorf und Zollchow war ein 3,5 Kilometer langer Behelfsdeich aufgeschüttet worden.

Laut der grafischen Darstellung im alten Atlas bahnte sich die Elbe ab Schmetzdorf ihre Wege westlich und/oder östlich der Klietzer Heide nach Norden. Nahe des Dorfs wurden einst ebenso Ziegelsteine produziert wie bei Schlagenthin im Jerichower Land.  Dieser Ort befindet sich nur wenige Kilometer von Milow/Neudessau entfernt.

Die regionale Ziegelei–Expertin Heike Brett weiß von zwei Betrieben bei Schlagenthin: die Amtsziegelei und die Ziegelei derer von Arnim. Eine von beiden, da seien sich die Forscher nicht einig, so die Semlinerin,  stempelte „A. Schlagenthin“ auf die Ziegel.  So wie es am Bauwerk in Kohlhasenbrück zu lesen ist. Dadurch ist anscheinend belegt, dass dort keine „Rathenower Steine“ verbaut wurden, wie es im alten „Wegweiser für Bahn–Reisende“ steht. Wohl aber, so Brett, sind Schlagenthiner Produkte von gleicher Farbe. Denkbar also, dass der Autor des Buchs einfach nur davon ausging, dass die Steine wegen ihres kräftigen Rots aus Rathenow stammen mussten.