Ganz am Ende der Fahrrinne, die man auch mit viel gutem Willen nicht wirklich als Straße bezeichnen kann, da wo die Welt zu Ende scheint, da liegt, idyllisch ans Ufer gekuschelt, der Hof von Fischer Wolfgang Schröder. Noch eine kleine Biege, dann fällt der Blick auf die Wiese mit den Schatten-spendenden Bäumen und den lauschigen Sitzgelegenheiten darunter, den aufgehängten Netzen, das sich sacht kräuselnde Wasser und das hohe Schilfgras drüben am anderen Ufer. Der verheißungsvolle, würzige Duft von geräuchertem Fisch, mischt mit sich den Aromen der duftenden Wiesenkräuter.

Brassenburger und Hechtklösschen

Das weckt den Appetit und den sollte man mitbringen, in diesen Zipfel des westlichen Havellandes, nach Strodehne. Und die Lust etwas Neues zu probieren. Brassenburger zum Beispiel oder Hechtklösschen, geräucherten Wels oder saure Bratplötze. Wer dann auf den Geschmack gekommen ist, nimmt sich für Daheim noch ein, zwei Wollhandkrabben mit oder Karausche und Schlei. Denn bei Fischer Schröder gibt es sehr viel mehr Fisch und was sich daraus zaubern lässt, als es die handelsüblichen Fischtheken in bundesdeutschen Supermärkten erahnen lassen.

Fischer in vierter Generation

Der 53-jährige Wolfgang Schröder ist Fischer in vierter Generation. Ein echter Brandenburger, mit nordischem Einschlag. Fragen beantwortet er mit einem schlichten „Jo“. Schröder hat sein Handwerk in der DDR gelernt, erzählt er, in Werder, danach kam er noch ein bisschen rum, wobei Wasser immer eine Rolle spielte. Dann zurück nach Strodehne, wo er seinen Fischereibetrieb mit Imbiss und Hofladen unterhält.
Drei festangestellte Mitarbeiter arbeiten hier und dazu drei Geringbeschäftigte. Die braucht er auch, sagt er und fügt hinzu, dass er mit der Arbeit derzeit kaum hinterherkomme. Denn inzwischen hat Schröder einen Kundenstamm aus ganz Deutschland, der seine Fischspezialitäten schätzt und dafür gern ins Havelland reist.

Schröder verschwendet keine Fische

Laut dem Jahresbericht zur deutschen Binnenfischerei und Aquakultur 2018 ist die Regenbogenforelle der Deutschen liebsten Süßwasserfisch. Um den Appetit zu decken, muss reichlich importiert werden. Aus dem gleichen Bericht geht hervor, dass der Deutsche im Durchschnitt 1,5 Kilogramm Süßwasserfisch pro Jahr konsumiert. Forellen gibt es bei Fischer Schröder auch, frisch, geräuchert oder in Gelee. Aal, Zander und Karpfen, die üblichen Fischarten sind bei ihm erhältlich, aber eben auch Jene, denen man im Handel nicht oft begegnet. Plötze, Raab und Brasse gehören nicht unbedingt zu den Klassikern. Dass Schröder sie dennoch nicht nur fängt, sondern auch zum Kauf anbietet, hat einen ganz einfachen Grund: Er möchte den Fisch als Lebensmittel nicht verschwenden.
„In Brandenburg bekommen die Fischer eine Prämie fürs Wegwerfen der Weißfische“, erklärt Schröder. Beifang, also Fische, die sich keiner besonderen Beliebtheit beim Kunden erfreuen, werden aus dem Wasser geholt, landen aber nicht auf dem Teller.
Schröder erklärt, würden alle Fischer und Angler nur die Fische, die sie mögen oder gut verkaufen können, aus einem Gewässer entnehmen, würde dies zu einem Ungleichgewicht unter den Fischarten führen. Im Grunde verhält es sich im Lebensraum Wasser nicht anders als am Land. Werden einige Arten gejagt, besteht für andere die Chance sich großzügig zu vermehren. Das Gleichgewicht ist gestört.
Wegwerfen kommt für Schröder aber nicht in Frage. „Daraus kann man wertvolle Lebensmittel machen“, sagt er und dass er sich einen sensibleren Umgang mit Lebensmittel wünscht. Das Menschen Essen wegwerfen, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, ist für ihn unverständlich. Seine Geschäftsidee ist aus diesem Nachhaltigkeitsgedanken entstanden und ein deutliches und gleichsam schmackhaftes Statement gegen Lebensmittelverschwendung.

Demnächst sogar Fischbratwurst

Rund 90 Prozent der Fische verarbeitet Schröder. Schuppen, ausnehmen, räuchern, in selbst kreierte Marinaden einlegen. Und sich neue Rezepte ausdenken. Sein nächster Gaumenschmaus ist bereits in Planung. Eine Fischbratwurst soll das Angebot für Pfanne und Grill erweitern. Dafür beginnen seine Tage früh, um 4.30 Uhr ist Aufstehen angesagt und ein kräftiges Frühstück. „Ohne gehts nicht“, sagt er und unterstreicht die Behauptung noch lebhaft mit den Händen. Dann raus aufs Wasser, Fisch fangen, gegen Mittag wieder zurückkommen und dann geht es ans Schlachten und Verarbeiten. Schröder sagt, die Nachfrage nach regionalen Produkten sei hoch, steige seit etwa drei, vier Jahren. Corona erschien dabei wie ein Katalysator. „Man hat mich hier regelrecht überfallen“, sagt er über die vielen neuen Kunden, die mit der Urlaubssaison das Havelland für sich entdeckten.

Profitiert im Inlandstourismus

Urlauber, die mit dem Rad, dem Kanu unterwegs sind oder mit dem Wohnmobil, erzählt Schröder weiter. „Denen hat es hier gefallen, unsere schöne Natur, das viele Wasser. Die Leute, die hier waren sagten mir, sie wollen wiederkommen“, sagt er, freut sich und sieht doch die Probleme. Denn so richtig ausgelegt auf den Tourismus ist man hier nicht, sagt der Fischer weiter, der sich einen sanften Tourismus für die Region wünschen würde. Dass sich nicht alle Leute in der Umgebung darüber freuen würden, ist ihm durchaus bewusst.
Was dem Fischer ebenfalls Sorge bereitet, ist der Mangel an Regen und Schnee im Winter. Wenn der Niederschlag fehlt, mangelt es am Durchfluss. Das Wasser steht, damit gibt es zu wenig Sauerstoff für die Fische und die wandern ab“, erklärt Schröder. Auch die Hitze der vergangenen zwei Sommer war nicht gut für den Fischfang. Überhaupt das Wetter, es erlaubt Schröder jetzt einen ganzjährigen Fischfang, denn sein Revier, Gülper See und Havel frieren kaum noch zu und die Kunden kommen auch im Winter. Ist doch gut oder? „Jo“, sagt Schröder, ein leichter Zweifel schwingt in seiner Stimme mit. Denn die Winterzeit erklärt er, ist die Zeit, in der ein Fischer seine Netze repariert.
Hinter ihm senkt sich die Sonne den saftig grünen Wiesen entgegen. Schröder muss los, weiter den Fisch verarbeiten, zu Hechtsalat und leckeren, hausgemachten Ravioli.