Führung: Geheimnisse der Zeit

Evangelische Festtage in der Brandenburgischen Kirchenordnung von 1540.
DomstiftsarchivDie heute verwendete Zeitrechnung beruht in wesentlichen Teilen auf dem römischen Kalender. Dieser wiederum verwendete nach ägyptischem Vorbild das Sonnenjahr und kannte bereits Schaltjahre. Abweichend von dem heutigen Brauch begann man aber das Jahr nicht mit dem Januar, sondern zunächst mit dem März. Geändert wurde dies durch eine einschneidende Kalenderreform, die Julius Caesar im Jahr 46 v. Chr. anordnete.
Dieser nach ihm benannte Julianische Kalender galt nun für das Römische Reich und wurde auch im Mittelalter weiterhin benutzt, hatte also für mehr als 1.500 Jahre Bestand. Für den heutigen Betrachter ungewöhnlich ist allerdings die Zählung der Tagesdaten: Die Römer zählten innerhalb des Monats die einzelnen Tage nicht fortlaufend, sondern rechneten von bestimmten Terminen aus rückwärts – ein Verfahren, das zwangsläufig zu komplizierten Datumsangaben führt. Wer eine solche Datierung vorfindet, zum Beispiel in einer Urkunde, muss diese Angaben mit einschlägigen Hilfsmitteln in eine moderne Form umrechnen.
Der Julianische Kalender war freilich immer noch mit Fehlern behaftet, weil das astronomische Sonnenjahr nicht genau 365 Tage umfasst, sondern in Wirklichkeit etwas länger ist. Diese sich immer weiter ansammelnden Fehler waren auch dem Mittelalter durchaus bekannt. Aber erst 1582 entschloss sich Papst Gregor XIII. zu einer weiteren Reform: Im Oktober jenes Jahres wurden kurzerhand zehn Tage übersprungen. Außerdem wurden die Regeln für die Schaltjahre ein wenig abgeändert. Diese an sich sehr sinnvolle Reform führte nun aber zu einem kalendarischen Chaos in Europa, weil die evangelischen Länder zunächst nicht bereit waren, diese päpstliche Maßregel umzusetzen.
Für einen langen Zeitraum war es daher notwendig, zwei Daten gleichzeitig anzugeben, nämlich ein Datum alten Stils und ein Datum neuen Stils. In Deutschland wurde schließlich der gregorianische Kalender im wesentlichen erst im Jahre 1700 eingeführt. Als die letzten europäischen Staaten folgten 1752 England und 1753 Schweden dieser grundlegenden Reform.
Eine genauere Betrachtung unserer Wochentage offenbart schließlich eine seltsame Mischung ganz verschiedener Kulturen. Das Schema der Sieben-Tage-Woche, obwohl auch schon in Babylonien und Ägypten bekannt, knüpft ganz offensichtlich an die biblische Schöpfungsgeschichte an. Diese kennt freilich keine Wochentage, sondern zählt diese Tage einschließlich eines obligatorischen Ruhetages einfach durch. Die heute gebräuchlichen Tagesnamen – im Englischen noch deutlicher erkennbar als im Deutschen – gehen teils auf die römischen Namen der Planeten, teils aber auch auf die Namen der germanischen Götterwelt zurück.
Ein weiteres grundlegendes Problem der Zeitrechnung ist die Frage, auf welchen Termin der Beginn eines Jahres festgelegt werden soll. Während nach dem jüdischen Kalender das Jahr im Herbst beginnt, schlug der gelehrte Mönch Beda den 18. März vor (drei Tage vor der Tag-und-Nacht-Gleiche des Frühlings). Ebenso aus christlichen Motiven verlegte man den Jahresbeginn häufig auf Weihnachten, also auf den 25. Dezember. Andere Kalender rechneten von Weihnachten neun Monate rückwärts und ließen das Jahr am 25. März beginnen. Alle diese Varianten müssen die Historiker gegebenenfalls in Erwägung ziehen, um die Quellen verschiedener Epochen richtig einordnen zu können. Durchgesetzt hat sich in diesem Punkt aber eindeutig der römische Kalender.
Mindestens ebenso schwierig war eine Einigung darüber, wann überhaupt die christliche Zeitrechnung beginnen sollte. Üblich war in römischer Zeit entweder eine Zählung nach der Gründung Roms, oder aber eine Zählung nach dem Amtsjahren des jeweiligen Herrschers. Das Neue Testament bietet zwar im Lukasevangelium einige Anhaltspunkte für die Datierung, enthält aber keine eindeutige Angabe, wann Jesus geboren wurde. Die heute allgemein übliche Zählung der Jahre ist daher eine künstliche Festlegung, die zwar notwendig, aber historisch nicht beweisbar ist.
Das wichtigste Fest der Christenheit, nämlich das Osterfest, hängt nun wiederum vom ersten Vollmond nach Frühlingsanfang ab. Dieser Termin kann auf maximal 35 verschiedene Tage fallen, die zwischen dem 22. März und dem 25. April liegen. Vom Ostertermin hängen bekanntlich auch die nächstfolgenden beweglichen Feste ab. Die Sonntage vor und nach Ostern, die traditionell lateinische Namen tragen, fallen folglich immer wieder auf verschiedene Daten. Da auch diese Sonntagsnamen in mittelalterlichen Urkunden gerne für die Datierung verwendet worden sind, müssen auch hier Nachschlagewerke helfen, diese Angaben umzurechnen.
Gleiches gilt für die unendlich zahlreichen Heiligenfeste, die den mittelalterlichen Kalender prägten: Sie fielen zwar auf einen bestimmten Tag, doch konnten sich die Feste von Bistum zu Bistum unterscheiden. Auch hier bedarf es eingehender Kenntnisse, solche Datierungen in den modernen Kalender umzurechnen.
SONDERFÜHRUNG
Am Donnerstag, 16. Mai, beginnt das Domstiftsarchiv mit seinen diesjährigen Sonderführungen. Treffpunkt zu dieser Vortragsveranstaltung ist um 18.30 Uhr der Eingang des Doms. Der Eintritt beträgt 6 Euro (ermäßigt 3 Euro). Im Mittelpunkt steht die Zeitrechnung. Das Domstiftsarchiv hält sehr zahlreiche Beispiele bereit, die die frühere Kalenderrechnung belegen können. Dr. Uwe Czubatynski kann daher als Archivar des Domstifts auf einen reichen Fundus von Quellen zurückgreifen, die das Thema anschaulich werden lassen. Die Sonderführung wird anhand konkreter Beispiele zeigen, wie sich die Datierungsgewohnheiten im Laufe der Zeit geändert haben. Im Laufe des Sommerhalbjahrs werden weitere Themen aufgegriffen, die sich aus der Arbeit mit den Quellen ergeben: Der unendlich vielfältigen Welt der Inschriften soll ebenso nachgegangen werden wie der Geschichte des Forstamtes Seelensdorf, das in diesem Jahr sein Ortsjubiläum feiert. Im September sollen schließlich die besonders kostbaren Urkunden vorgestellt werden, die das Domstift einst aus der Hand von Kaisern und Königen empfangen hat. Laut Angaben auf www.dom-brandenburg.de bestehe das Domstiftsarchiv seit Gründung des Hochstifts Brandenburg im Jahr 948. Es umfasse die Domstiftsbibliothek und deponierte historische Kirchenbibliotheken der Mark Brandenburg. Außerdem übe das Domstiftsarchiv eine Depositalfunktion für gefährdete Kirchenarchive und historische Kirchenbibliotheken der Mark aus. Bedeutend sei sein umfangreicher Bestand mittelalterlicher Urkunden.