Germanische Seherinnen im Havelland?: Zukunft live vor Augen?

Bis zu ihrer Eindeichung im Mittelalter hat die Elbe mehrfach ihren Lauf verändert. Sie floss einst auch dort vorbei, wo jetzt Milow, Rathenow und Rhinow sind. Sollte es in dem Bereich im Jahr 9 vor Christus zur folgenreichen Begegnung zwischen dem römischen Heerführer Drusus und der germanischen Seherin gekommen sein, müsste man wohl das Tätigkeitsgebiet der Frau im Havelland vermuten.
Atlas/1958Einstein wurde durch seine beiden Relativitätstheorien (1905 und 1916) der Welt bekannt. Kurz vor dem Ende seiner Tage (1955) hatte er noch folgenden Satz formuliert: "Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen, Illusion“. Das wird nun in der Weise interpretiert, dass es nicht allein unseren Zeitstrahl gibt, sondern dass alle Zeitebenen gleichzeitig existieren. Wie etwa der Erfolg der Netflix–Serie „Dark“ belegt, deren dritte Staffel im Juni anläuft, ist das sonderbare Wesen der Zeit inzwischen ein sehr beliebtes Filmthema.
Einsteins Worte hätten Augustinus sicher aufhorchen lassen. Denn aus seinen „Bekenntnisse“ (Confessiones) genannten Büchern, die er an der Wende zum 5. Jahrhundert verfasste, geht hervor, dass der Kirchenvater eigene Überlegungen zum Wesen der Zeit angestellt hatte. Obgleich sich dabei kein physikalischer Ansatz findet.
Augustinus stolperte während seiner intensiven Überlegungen über die Frage, wie die, welche das Zukünftige voraussagten, etwas sehen konnten, wenn das noch gar nicht war. Für das 17. Kapitel des elften Buches innerhalb seiner Confessiones hatte er wohl die biblischen Propheten im Sinn.
Da sie Vorhersagen zu zukünftigen Ereignissen und Entwicklungen trafen, müssten sie die Zukunft tatsächlich gesehen haben, könnte man meinen. „Was kein Sein besitzt, kann nicht gesehen werden“, legte Augustinus im 18. Kapitel nach und sinnierte: „Wenn es also eine Zukunft und Vergangenheit gibt, so möchte ich wissen, wo sie sind. Wenn ich dies auch noch nicht vermag, so weiß ich doch, dass, wo sie auch sein mögen, sie dort nicht Zukunft oder Vergangenheit sind, sondern Gegenwart.“
Dieser Satz lässt sich durchaus dahingehend deuten, dass Augustinus allen Ernstes der Annahme anhing, dass es Orte gibt, an denen sich die Zeitebenen überlappen. In der Netflix–Serie „Dark“ ist ein fiktiver Ort filmisch in Szene gesetzt.
Nun sind insbesondere die biblischen Propheten dafür bekannt, dass ihre Vorhersagen reichlich Interpretationsspielräume lassen. Derweil gab es eine Weissagung, so diese tatsächlich in der Weise erfolgte, die in ihrer Konkretheit keine Fragen offen ließ.
Die römische Geschichtsschreibung weiß von germanischen Frauen, die als Seherinnen tätig waren. Namentlich erwähnte Tacitus in seinem Werk „Germania“ eine Veleda und eine Albruna. Sehr wahrscheinlich agierten beide Ende des 1. Jahrhunderts im Westen der römischen Provinz Germanien. Von jener Seherin aber, die im Jahr 9 vor Christus eine berühmt gewordene Vorhersage getätigt haben soll, wusste Tacitus nichts zu berichten.
Der Name dieser Frau ist unbekannt, auch ihre Stammeszugehörigkeit. Erst durch den römischen Geschichtsschreiber Cassius Dio, der von 163 bis 229 nach Christus lebte, erfährt die Nachwelt davon, dass die Seherin sehr groß gewachsen und an der Elbe dem römischen Heerführer Drusus entgegen getreten sein soll.
Der wollte eigentlich mit seinen Truppen über den Fluss, der die östliche römische Grenze darstellte. Die Frau, sofern es sie gab und sie die Zukunft zuvor wirklich live gesehen hatte, erklärte Drusus, dass ihm ein weiteres Vordringen vom Schicksal nicht bestimmt sei. Schlimmer noch, die Seherin wusste Drusus, immerhin Sohn des damaligen Kaisers Augustus, auch dadurch zu beeindrucken, dass sie sein baldiges Ende prophezeite.
Drusus machte daraufhin an der Elbe kehrt. Auf dem Rückmarsch in die römische Rheinregion fiel er vom Pferd, verletzte sich dabei und starb. Historikern zufolge soll der Heerführer im Bereich des heutigen Magdeburg die Elbe erreicht haben. Damals gab es die Stadt noch nicht. Es wäre auch denkbar dass Drusus weiter nordöstlich am Ufer stand und der Frau dort begegnete.
Wegen diverser Laufverlagerungen floss die Elbe mitunter durch das Westhavelland. Hinter ihr war Siedlungsgebiet des germanischen Stammes der Semnonen, der an einem unbekannt gebliebenen Ort über eine Art Zentralheiligtum verfügt haben soll, womöglich eine Opfer– und Orakelstätte. Sie wird im Zootzen genannten Wald bei Friesack und alternativ im Krämer Forst (Ländchen Glien) vermutet.
Schwaches Indiz für eine tatsächliche römisch–germanische Begegnung in der Region könnte ein Denar sein. Die einst in Rathenow gefundene römische Silbermünze mit dem Konterfei von Kaiser Augustus wird heute im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg/Havel gezeigt.
Die Semnonen brachten übrigens zwei Seherinnen hervor, die belegt sind. Die eine, Ganna genannt, begleitete Ende des 1. Jahrhunderts ihren Stammeskönig zum Staatsbesuch beim römischen Kaiser. Die andere hieß Waluburg, sie hatte wohl durch die Römer eine fern der Heimat gelegene Tätigkeitsstätte zugewiesen bekommen. Jene Tonscherbe, auf der ihr Name steht, wurde auf der ägyptischen Nilinsel Elephantine gefunden. Es handelt sich um eine frühere Orakelstätte.